Sonntag, 20. Juli 2014

Bewusste Lügen

"Wie geht es Ihnen?"
"Gut! Und selbst?"
"Ebenso. Schönen Tag noch!"

Sagten zwei zueinander, die sich erstens nicht riechen können, und denen es beiden nicht so gut ging. Um diese Art von Alltagsritualen soll es mir heute nicht gehen.

Mir wird manchmal ein widersprüchliches Verhältnis zur Wahrheit nachgesagt. Wie kann man es in Einklang bringen, dass ich einerseits ziemlich mit der Realität spiele (siehe unter anderem den Rahmenwerkzeugkasten), andererseits aber behaupte, nicht zu lügen?

Da stecken einige Grundannahmen hinter - die wichtigste, dass Rahmenspielereien nicht der Wahrheit entsprächen. Was sie tun ist, mit der Aufmerksamkeit zu spielen. In ihnen selbst steckt keine Magie - nur wenn das Gegenüber den eigenen Blickwinkel verändert, egal in welch kleinem Schritt, bewirken sie etwas. Wenn ich zum Beispiel schreibe, dass Städte im Regen eine gewisse Art von Schönheit zeigen, dann ist das keine Lüge. Spielereien mit Rahmen sind wie Einladungen in die eigene Realität.

Lügen sind das Gegenteil. Dort opfert man die eigene Realität, erzeugt eine offenkundig falsche, bietet sie an und hofft, der andere möge sie akzeptieren und sie so für beide real werden lassen. Selbst wenn das gelingt, ist dies oft kein wirklicher Sieg. Aus mehreren Gründen.

Erstens, Integrität ist gerade bei der Arbeit mit Menschen wichtig, egal in welchem Bereich. Meiner Meinung nach sogar wichtiger als alles andere. Kompetenz und Kenntnisse nützen gar nichts, wenn einem niemand mehr glaubt und/oder niemand mehr mit einem zu tun haben will. Kommen bewusste Lügen ans Tageslicht, selbst wenn es verhältnismäßig kleine sind, kann das ganz schnell den eigenen Ruf beschädigen. Wenn man Vertrauen einmal verspielt hat, ist es sehr, sehr schwer, es wieder aufzubauen.

Zweitens, selbst wenn das Gegenüber weiß, dass es "belogen" wird, wird es einem übel genommen. In diese Falle bin ich einmal getappt - vor (!) einer Geschichte gesagt, dass alles kommende erfunden sei. Geschichte erzählt, einfach um bestimmte Erzähltechniken zu demonstrieren. Anschließend gab es zu der Geschichte mitgerissene Kommentare bezüglich deren Inhalt. Die Reaktionen, als ich daran erinnert habe, dass die Geschichte erfunden war, waren sehr, sehr negativ.

Drittens, man selbst hört immer mit. Was man tut, beeinflusst das eigene Selbstbild. Taten genauso wie Worte. Lügt man sich einen zusammen, um genug kognitive Dissonanz für eine Kleinstadt zu erzeugen, hat dies bei vielen (wenn auch nicht bei allen) Menschen Konsequenzen. Welche das sind, sind sehr unterschiedlich. Sie sind jedoch seltenst gut.

Viertens, es kostet kognitive Ressourcen. Würde ich zum Beispiel behaupten, irgendwann einmal in Südafrika gewesen zu sein (Hinweis: Ich war noch nie in Südafrika!), müssen Millionen von Details halbwegs konsistent gehalten werden. Fluggesellschaft, Sitzplatz, Hotel bzw. Unterkunft, auf welcher Seite die Autos fahren, Währung, Zeit, Wetter, und so viel mehr. Sich hier nie in Widersprüche zu verheddern ist schwierig.

Fünftens, Rahmenspielereien haben als Zentrum einen selbst. Man geht voran. Warum sollte mir jemand eine bestimmte Perspektive auf die Welt abkaufen, wenn ich selbst nicht daran glaube, bzw. jene zumindest für möglich halte? Das ist übrigens auch der Grund, warum psychotische Menschen so überzeugend wirken können, denn das, von dem sie berichten, ist für sie selbst real. Lügen hingegen haben als Zentrum das Gegenüber. Denjenigen, der was auch immer glauben soll.

Mit Konstruktivismus auf der einen Seite, subjektive Realitätenbildung auf der anderen Seite, ist natürlich die Frage, ob es eine objektive Wahrheit gibt. Eine berechtigte Frage. So entstehen viele unbewusste Lügen, Halbwahrheiten, "temporary truths" und ähnliche Dinge. Diese möchte ich hier jedoch von bewussten Lügen abgrenzen - da ist die Mechanik hinter nämlich eine so ganz andere.

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