Donnerstag, 7. August 2014

Gedächtnis: Lerntricks

Unser Gedächtnis merkt sich Tag für Tag unzählige Informationen. Genauso wie es sich Tag für Tag unzählige Informationen nicht merkt. Was hattest du am 07.08.2012 als Mittagessen? So etwas sich nicht zu merken ist kein Problem. Tatsächlich ist es auch gut, dass man eine Menge vergisst, weil man sonst mit einer irrsinnigen Informationsflut konfrontiert wäre. Grundsätzlich ist unser Gedächtnis darauf ausgelegt, wichtige Informationen zu behalten, unwichtige hingegen nicht.

Dumm nur, wenn man irgendetwas lernen muss - zum Beispiel für irgendeine Prüfung. Ganz besonders dumm, wenn dann unser Verstand die diesbezüglichen Informationen unter "unwichtig" abheftet.

Wie kann man damit umgehen?

Gibt ein paar Kniffe. Erstens das, was so allgemein als "Mnemotechniken" bekannt ist. Dies sind Techniken, die in erster Linie die Informationen besser vernetzen - je besser eine Information vernetzt ist, desto eher wird sie behalten. Das kann zum Beispiel geschehen, indem man die Information in eine Modalität bringt (beispielsweise in mentale Bilder übersetzt, als Text durchliest wie auch als Audiobuch anhört, und vieles mehr). Oder, indem sie an vorhandene Informationsstrukturen anbringt. In dem Fall wirken die schon vorhandenen Informationen als - genau! - Abrufhilfen (so etwas wie zum Beispiel sich Dinge merken, indem man sie mental in einem bekannten Raum verteilt, gehört dort ebenso zu wie die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu anderen Gegenständen, Theorien wie auch immer herausarbeiten).

Ich persönlich mag es lieber, direkt den Aspekt der Wichtigkeit anzugehen. Ganz zentral ist eine emotionale Komponente - egal ob positiv, negativ, oder wie auch immer. Emotionale Indifferenz ist hochproblematisch - denn was keinerlei Emotionen auslöst, fällt in aller Regel in die "Unwichtig"-Schachtel. (Hier könnte ich sogar neurologisch argumentieren - viele Bereiche des Hirns, die an der Enstehung von emotionalen Erlebnissen beteiligt sind [Amygdala und co], spielen auch bei der Enkodierung von Informationen ins Langzeitgedächtnis eine sehr große Rolle. Genauso könnte ich evolutionärpsychologisch argumentieren - wie wichtig kann etwas sein, was einen kalt lässt?)
Das kennen die allermeisten Menschen auch aus dem Alltag, ich bin mir ziemlich sicher, du auch. Stichwort Hobbies, und wie leicht den meisten Menschen es fällt, sich da neues Wissen anzueignen! Warum? Weil dort positive Emotionen beteiligt sind. Diese Emotionen nun lassen sich nutzen. Indem man gezielt die Informationen in einen für einen selbst emotional aufgeladenen Kontext bringt (wiederum, egal ob negativ oder positiv, wobei ich aus Gründen der Psychohygiene positive empfehle).

Ein weiterer wichtiger Aspekt in Sachen Wichtigkeit ist Aufmerksamkeit. Wenn man gerade etwas lernt, die Gedanken abschweifen, komplett weg vom Thema - wie wichtig kann dann das sein? Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht: wenn ich etwas lernen will, und komplett unkonzentriert bin, fällt es mir extrem schwer. Umgekehrt genauso, wenn ich sehr konzentriert bin, aber auf etwas anderes und nicht das, was mir eigentlich mitgeteilt wird. Hier kann man sich auch gut selbst beobachten - bemerken, wenn die Gedanken abdriften, das zur Kenntnis nehmen, und sich dann wieder dem Lerninhalt komplett zuwenden. Betonung liegt auf "komplett". Geteilte Aufmerksamkeit wie zum Beispiel Fernsehschauen und Lernen geht selten gut aus.
Übrigens: Aus genau diesem Grund lernt man in Flow-States so gut - da liegt die Aufmerksamkeit nämlich auf der gerade ausgeführten Tätigkeit, und das komplett.

Es gibt auch so Zwischendinger, die in beide Kategorien fallen. Selbstreferenzeffekt zum Beispiel - Informationen, mit denen wir eine persönliche Komponente verbinden, behalten wir besser. Bei Theorien könnte man da dann in dem Sinne sich Beispiele aus dem eigenen Umkreis überlegen.

Kommentare:

  1. Guten Abend,

    "Grundsätzlich ist unser Gedächtnis darauf ausgelegt, wichtige Informationen zu behalten, unwichtige hingegen nicht." Aber auch wirklich nur grundsätzlich. Es gibt immer wieder Situationen, in denen wird von irgend einem Tag in der Vergangenheit geredet und an all die offenbar "wichtigen" Ereignisse kann ich mich kaum noch erinnern, aber woran ich mich erinnern kann sind total unwichtige Details à la "Und du hast davon erzählt, dass du gelesen hast, dass Schildkröten dieses und jenes tun" (Inhalt auch absolut nicht emotionsbeladen). Und zurück kommt ein erstauntes: "DAS weißt du noch?".

    Noch schlimmer ist es bei mir mit Songtexten. Ich kann seltsamerweise jedes zweite Lied auswendig. Einfach so. Niemals würde ich bewusst einen Songtext auswendig lernen. Die Lyrics drängen sich mir quasi auf, setzen sich in meinem Gehirn fest. Mittlerweile hab ich sogar festgestellt, dass ich damit ziemlich alleine bin und sogar relativ bekannt dafür, bei Menschen, die mich etwas besser kennen. Schon oft wurde mir gesagt: "Mensch was für eine Kapazitätverschwendung, nutz die lieber für wichtige Dinge." Aber ich mache es ja nicht absichtlich. Oder auch Sätze wie: "Das solltest du produktiv nutzen und daraus eine Lerntechnik entwickeln". Also eine Art Mnemotechnik daraus machen. Aber das klappt auch nicht wirklich. Scheint also wirklich ungenutztes Potenzial zu sein, oder vielleicht auch einfach nur ein ulkiger special effect meines Gehirns. Wenn ich wenigstens singen könnte....:D

    Herzliche Grüße

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  2. Guten Abend Nemo,

    (jetzt muss ich ans Meer denken!)

    "aber woran ich mich erinnern kann sind total unwichtige Details à la "Und du hast davon erzählt, dass du gelesen hast, dass Schildkröten dieses und jenes tun""
    Ja, das ist in Sachen Gedächtnis und Emotion und auch Motivation das meiner Meinung nach lustigste Element: Es sind alles unbewusste Vorgänge.
    Ich meine NICHT unterbewusst, ich meine genauso unbewusst wie die Steuerung des Atems oder der Herzschlags. Diese Vorgänge sind durchaus bewusst beeinflussbar (... atme tief ein ...), aber gemeinhin laufen sie unbewusst ab. Und für diese Vorgänge waren die Schildkröten wohl doch wichtig, interessant, wie auch immer. Unbewusste Vorgänge sind so schrecklich unlogisch ;-).

    "Die Lyrics drängen sich mir quasi auf, setzen sich in meinem Gehirn fest."
    Ich kenne kaum einen Menschen, bei denen nicht ein sehr verwandtes Phänomen auftritt - nicht die Lyrics, sondern die Melodie, der Rhythmus, den können die allermeisten Menschen extrem schnell.

    Wobei ich mir gerade schon frage, ob das Phänomen bei allen Songtexten auftritt - oder nur bei denen, wo die Sprache bekannt ist. Ich kannte auch mal so jemanden, der nach ein, zweimal hören Lieder quasi auswendig kannte - aber nur, wenn er die Sprache beherrschte. (War noch zu Schulzeiten, laaange her.)

    "Kapazitätverschwendung"
    Zum Glück ist das Langzeitgedächtnis ja diesbezüglich relativ unbegrenzt. Von daher - ist doch toll! Special Effects des Gehirns sind klasse.

    Schönen Abend,
    Björn

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  3. Lieber Björn,

    zunächst einmal alles Gute zum Geburtstag! (stimmt doch, oder?)

    „jetzt muss ich ans Meer denken!“ Nein! Nicht der Fisch! (Obwohl der Film tatsächlich erst kürzlich im TV lief). Nemo ist der Name eines Songs der Band Nightwish, den ich zufällig gerade auf Repeat laufen hatte, als ich mir einen Namen überlegt habe. Übersetzt heißt das „Niemand“.

    „Wobei ich mich gerade schon frage, ob das Phänomen bei allen Songtexten auftritt - oder nur bei denen, wo die Sprache bekannt ist.“ Du hast vielleicht schonmal Leute vor sich her singen gehört, wenn sie sich unbeobachtet gefühlt haben oder es ihnen egal war, dass man zuhört, und dabei festgestellt, dass sie teilweise Wörter singen, die es gar nicht gibt. Ich habe das schon ziemlich oft erlebt. Die Leute wissen den richtigen Text gar nicht und singen einfach das, was sie da raus hören. Aber in diesem falschen Text sind sie ziemlich Textsicher. Kennst du die sogenannten Agathe Bauer Songs? Falls nicht erkläre ich es kurz: Der Name kommt daher, dass in dem Song „The Power“ von SNAP von vielen Menschen „Agathe Bauer“ statt wie korrekt „I got the power“ verstanden wurde. Es handelt sich also um Songverhörer, man versteht etwas anderes, als wirklich gesungen wird. Falls du es nicht kennst, google das mal und hör dir ein paar zusammengetragene Agathe Bauer Songs an.

    Da wären wir auch schon wieder bei Nightwish, denn die Songs dieser Band haben es irgendwie so an sich, dass man die Lyrics oft überhaupt nicht versteht, weswegen im Internet zu manchen Songs die wildesten „Übersetzungen“ existieren. Am bekanntesten ist die „Übersetzung“ von „Wishmaster“, woraus „Fishmaster“ gemacht wurde. Und diese falschen Lyrics kann ich tatsächlich auswendig (von Nemo allerdings die richtigen :D ). Lange Rede, kurzer Sinn: Ich glaube, sobald die Lyrics für einen selbst Sinn ergeben, kann man sie auch auswendig lernen und möge es noch so falsch sein. Wenn ich aus einem japanischen Song irgendetwas für mich stimmiges raus höre, kann ich das auch so reproduzieren. Aber grundsätzlich muss ich den Text schon verstehen, um ihn automatisch abzuspeichern.

    „Ich kannte auch mal so jemanden“ Juhu, ich bin nicht allein! Jetzt „kennst“ du schon die zweite Person.

    Mir fällt zu dem Gesagten noch ein Erlebnis ein. Ich war in einer Metalbar und als Wishmaster gespielt wurde, war auf einmal riesen Stimmung. Selbst die, die schon betrunken mit dem Kopf auf der Bar lagen, sprangen plötzlich auf und begannen diesen „falschen“ Text mit zu gröhlen. Mir war bis zu dem Zeitpunkt nicht klar, dass dieser falsche Text so stark bekannt ist, geschweige denn, dass es offenbar die Norm ist, diesen Text mit zu singen. Aber ich kam mir ziemlich cool vor, weil ich mit den anderen diesen falschen Text mit singen konnte. Fünf Minuten lang herrschte in diesem Laden unter allen ein unglaubliches Gemeinschaftsgefühl, weil einfach JEDER diesen falschen Text mit singen konnte. Alles unterschiedliche Menschen, aber einen falschen Songtext hatten alle gemeinsam – verrückt! Ich werde diesen Abend nie vergessen, weil ich so eine unglaublich tolle Stimmung, nur durch einen einzigen Song verursacht, so sonst glaube ich noch nie erlebt habe.

    „Zum Glück ist das Langzeitgedächtnis ja diesbezüglich relativ unbegrenzt.“ Genau meine Rede! So what, manchmal hat man durch solche special effects auch einen unvergesslichen Abend in einer Metalbar ;).

    Herzliche Grüße

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  4. Guten Abend,

    korrekt - ich hatte am Sonntag Geburtstag. Herzlichen Dank für die Glückwünsche! (Und bin gerade ziemlich erstaunt.)

    Ich dachte nicht an den Fisch, sondern an den anderen Nemo.

    "Nemo ist der Name eines Songs der Band Nightwish"
    This is me for forever one of the lost ones, the one without a name without an honest heart as compass...

    "Du hast vielleicht schonmal Leute vor sich her singen gehört, wenn sie sich unbeobachtet gefühlt haben oder es ihnen egal war, dass man zuhört, und dabei festgestellt, dass sie teilweise Wörter singen, die es gar nicht gibt"
    Ja, nur kommt hier ein weiterer Effekt hinzu. Auch wenn er von außen inspiriert wurde, handelt es sich doch um einen "eigenen" Text, eine eigene Schöpfung. Daran wird sich grundsätzlich besser erinnert. Wenn ich will, dass sich Leute wirklich an etwas erinnern, impliziere ich es, und lasse die Leute selbst zu dem Schluss kommen. Oder ich nutze Vorstellungen. Völlig egal - was von "innen" kommt (wie die falsch konstruierten Songtexte) hat immer einen Vorteil gegenüber "außen".
    Interessant wäre es nun, wenn etwas von "außen" korrekt erinnert wird, ohne Sprachkenntnisse als Anker.

    "Der Name kommt daher, dass in dem Song „The Power“ von SNAP von vielen Menschen „Agathe Bauer“ statt wie korrekt „I got the power“ verstanden wurde."
    Ich war jung, als Euro-Dance der letzte Schrei war... natürlich kenne ich Agathe Bauer! Di dab da da da...

    "dass man die Lyrics oft überhaupt nicht versteht,"
    Wo der Akzent (gerade bei den frühen Werken) wohl auch so gar nicht zu beigetragen haben mag...
    (Ich mochte den Akzent!)

    "Alles unterschiedliche Menschen, aber einen falschen Songtext hatten alle gemeinsam – verrückt! "
    Krasses Erlebnis! Ich kenne so einige Songs, die die Zuhörer begeistern (The Bard's Song!), und das ist wirklich eine klasse Stimmung, wenn plötzlich eine ganze Menge mitsingt - aber mit einem falschen Text, das habe ich noch nie erlebt. Der Fischmeister scheint ja sehr bekannt zu sein!

    Beste Grüße,
    Björn

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  5. Liebe Björn,

    „Ich dachte nicht an den Fisch, sondern an den anderen Nemo.“ Dann dachtest du an Kapitän Nemo von 20.000 Meilen unter dem Meer, nicht wahr. Tatsächlich hat der Fisch Nemo seinen Namen daher. Die Namen aus dem Film sind alle kein Zufall. (Da wären wir wieder bei unnützem Wissen)

    „This is me for forever one of the lost ones, the one without a name without an honest heart as compass...” War das jetzt auswendig oder gegooglet? Wenn es auswendig war, dann bin ich jetzt wirklich beeindruckt! Es ist eines meiner Lieblingslieder von Nightwish (Bin gerade dabei mir eine Top 20 CD fürs Auto zu erstellen, weil es sich als nicht ungefährlich heraus gestellt hat, ständig zwischen den Alben während der Fahrt zu wechseln).

    „Wo der Akzent (gerade bei den frühen Werken) wohl auch so gar nicht zu beigetragen haben mag...“ Redest du jetzt explizit von Tarja Turunen, oder meinst du auch nur die früheren Werke aus ihrer Zeit? Hast du die neuen Sachen mit Anette Olzon eigentlich auch gehört, oder gehörst du zu der Fraktion, die den Wechsel „nicht eingesehen“ haben? Ich habe offen gestanden alle Alben aus der Turunen Zeit aber kein einziges aus der Olzon Zeit. Da ging für mich irgendwie etwas von der alten Magie verloren.

    „Ich war jung, als Euro-Dance der letzte Schrei war“ Dito. Die Musik ist furchtbar! Aber wenn mich jemand auf eine 90s Party einlädt, sage ich ohne zu zögern zu.

    „Interessant wäre es nun, wenn etwas von "außen" korrekt erinnert wird, ohne Sprachkenntnisse als Anker.“ Eine wirklich interessante Überlegung! Das ginge dann vielleicht in Richtung dessen, was Ebbinghaus gemacht hat: Sinnlose Silben aneinander reihen und auswendig lernen. Die Frage ist doch, kann ich etwas, das ich ausschließlich gehört habe und nicht kenne, wirklich „korrekt“ wiedergeben? Ist das überhaupt möglich? Wenn mir jemand versucht einen Satz in einer mir unbekannten Sprache beizubringen und ich spreche dieser Person diesen Satz nach, dann werde ich in der Regel erstmal ausgelacht, weil ich es total falsch ausspreche oder sogar vielleicht etwas gesagt habe, was in der anderen Sprache eine komplett andere Bedeutung hat. Wie kann ich mir also einen völlig fremden Text (den ich ausschließlich höre, wohlgemerkt) möglichst korrekt merken? Entweder, ich nehme die Laute so wie sie sind und lerne sie ganz stur á la Ebbinghaus auswendig. Dabei besteht aber die Gefahr, dass ich die Aussprache falsch lerne, weil vielleicht ein wenig genuschelt wurde, oder die musikalische Begleitung das genaue Zuhören erschwert, oder ich mir einfach nicht der sprachlichen Regeln bewusst bin, nach denen ganz bestimmte Silben oder Buchstaben besonders betont werden müssen. Die andere Möglichkeit wäre, ich finde Ähnlichkeiten zu einer mir bekannten Sprache, also z.B. Wörter die vom Klang her wie mir bekannte deutsche Wörter klingen und merke es mir so. Aber das wäre dann ja im Grunde wieder selbst konstruiert und ein eigener Text. Aber wäre es denn korrekt erinnert, wenn es exakt richtig ausgesprochen wird, wie im Original, aber für mich eine ganz andere Bedeutung hat?

    ... gleich gehts weiter...

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  6. Als ich noch ein kleines Kind war, hatten meine Eltern eine Kassette mit türkischer Musik, die so oft gehört wurde, dass ich sie auch mitsingen konnte. Ich habe damals noch nicht richtig verstanden, dass es sich um eine ganz andere Sprache handelt, sondern dachte, es sei alles undeutlich ausgesprochenes Deutsch und habe somit eine Aneinanderreihung vermeintlicher deutscher Wörter auswendig gelernt. Meine Eltern haben sich darüber sehr amüsiert, aber Fakt ist, dass sie die Lieder mit meinen Texten heute noch können. Die türkischen Texte hätten sie garantiert niemals gelernt. Ich habe den Texten also eine Art Sinn gegeben und damit bewirkt, dass auch andere sie lernen konnten. Um etwas besser lernen zu können, braucht es also irgendeinen Sinn/Wichtigkeit und/oder eine emotionale Komponente. Ansonsten ist es wirklich nur stures Auswendiglernen. Und genau das ist es beim Songtext-Erinnern ja eben nicht. Es wird automatisch und ohne bewusste Anstrengung gespeichert.

    Mein Fazit also: Ich schätze, ein völlig fremder Text wird nicht einfach so hängen bleiben, weil ich damit überhaupt nichts verbinden kann. Du sagst ja selbst „Grundsätzlich ist unser Gedächtnis darauf ausgelegt, wichtige Informationen zu behalten, unwichtige hingegen nicht“. Und warum sollte sich mein Gehirn ein völlig fremdes Wort ohne Bedeutung für mich merken? Neues Wissen wird doch immer in bestehendes Wissen integriert und damit verknüpft. Aber wenn da gar nichts Bestehendes ist? Ich vermute, etwas einfach so „korrekt von außen“ erinnern geht gar nicht (abgesehen von Autisten, bei denen das Filtern und verknüpfen von Informationen ja gänzlich anders zu funktionieren scheint). Wenn ich es erinnere, dann habe ich es in dem Moment auch schon mit irgendetwas verknüpft – und sei es nur mit dem Gedanken, dass ich dieses unbekannte Wort als interessant empfinde, oder dass es für mich einen schönen Klang hat.

    Gibt es keine Untersuchungen dazu?

    Herzliche Grüße

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  7. P.S.
    Ich hatte gerade noch einen Gedanken, der mich partout nicht weiter arbeiten ließ, weil er unbedingt zu Ende gedacht werden wollte. Und zwar: Was ist der Unterschied zwischen einem selbst konstruierten „falschen“ Wort und einem unbekannten ausländischem Wort, das ich nicht kenne? Wenn ich es nicht kenne und laut nachspreche, dann spreche ich eben genau das nach was ich höre. Genauso ist es mit dem selbst konstruierten Text. Wenn ich einen Song falsch mit singe, weil ich selbst konstruierte Wörter singe, dann singe ich aber auch nur das was ich höre. Ob ich nun also einen nicht verständlichen Text „korrekt“ erinnern kann oder nur irgendetwas Sinnloses erfinde wäre somit reine Glückssache. Vielleicht gebe ich das korrekte Wort wieder, aber das wäre Zufall, weil ich das Wort ja nicht kenne. Oder ich gebe es nicht korrekt wieder, dann wäre es eine Art Eigenkreation oder Neologismus. Vielleicht ist deine Bezeichnung „von außen“ unglücklich gewählt, denn sobald ich etwas von außen erinnere, hole ich es sozusagen nach innen und sobald ich etwas nach innen hole, mache ich auch etwas damit.

    „impliziere ich es, und lasse die Leute selbst zu dem Schluss kommen“ Woho, du führst eine Inception an den Leuten durch! Und ich dachte das könne einzig und alleine Dom Cobb :D. (Man muss den Film gesehen haben um das zu verstehen)
    Beste Grüße

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  8. Guten Abend,

    "ie Namen aus dem Film sind alle kein Zufall. "
    Der Name von Kapitän Nemo ist auch kein Zufall. Ahem.

    "War das jetzt auswendig oder gegooglet? Wenn es auswendig war, dann bin ich jetzt wirklich beeindruckt!"
    Auswendig. Ich neige dazu, Lieder mitzusingen. Ist vielleicht was das Lernen von Songtexten angeht ein Lerntrick. Meist reicht es, mir einen Songtitel zu sagen, und mir fallen diverse Zeilen daraus ein.

    "(Bin gerade dabei mir eine Top 20 CD fürs Auto zu erstellen, weil es sich als nicht ungefährlich heraus gestellt hat, ständig zwischen den Alben während der Fahrt zu wechseln)."
    Mein Autoradio gibt mir immer noch Rätsel auf. Aber es hat einen USB-Anschluss!
    Ich weiß zwar nicht, wie ich den nutzen kann (war schon im Auto drin, kein Handbuch vorhanden), aber na ja. Details...

    "Redest du jetzt explizit von Tarja Turunen"
    Ja, von allen Sängerinnen hatte sie den deutlichsten Akzent. Der früher auch noch stärker war als bei den letzten Werken.

    "Hast du die neuen Sachen mit Anette Olzon eigentlich auch gehört, oder gehörst du zu der Fraktion, die den Wechsel „nicht eingesehen“ haben? Ich habe offen gestanden alle Alben aus der Turunen Zeit aber kein einziges aus der Olzon Zeit. Da ging für mich irgendwie etwas von der alten Magie verloren."
    Inzwischen ist ja die Sängerin von ehemals After Forever bei Nightwish.
    Hrmn.
    Nightwish mit Olzon war anders. Hatten auch ein paar sehr schöne Lieder, von daher ja, habe die auch gehört. Weniger 'magisch', aber dennoch gut.
    (Ich muss dabei sagen, ich höre ein sehr breites Musikspektrum, von daher hat mich der Sängerinnenwechsel nicht allzu sehr berührt.)

    "Die Frage ist doch, kann ich etwas, das ich ausschließlich gehört habe und nicht kenne, wirklich „korrekt“ wiedergeben?"
    Ich würde nicht mal bis zu Ebbinghaus gehen. Sprache folgt Regeln. Gibt ja diese Studie von Schachexperten - die konnten sich regelkonforme Aufstellungen wesentlich besser merken als Nichtschachexperten. Bei nicht regelkonformen Aufstellungen hatten sie keinen Vorteil.
    Bei Songtexten in Sprachen, die man kennt, hat man diesen Regelvorteil. Bei Songtexten in Sprachen, die man nicht kennt, nicht.

    "weil vielleicht ein wenig genuschelt wurde"
    Oder die Aussprache schlicht falsch war. Soll ja auch mal vorkommen.

    "Wörter die vom Klang her wie mir bekannte deutsche Wörter klingen"
    Fischmaster!

    "Und genau das ist es beim Songtext-Erinnern ja eben nicht. Es wird automatisch und ohne bewusste Anstrengung gespeichert. "
    Das ist die interessante Frage. Unbewusste Vorgänge sind gut, wenn es um Assoziationen und um Regelhaftigkeiten geht. Wenn Songtexte gut erinnert werden, die nur den bekannten Regeln entsprechen, scheinen da andere Gedächtnisstrukturen beteiligt zu sein als wenn auch jene gut erinnert werden, welche nicht in vorhandene Regeln passen.

    "Und warum sollte sich mein Gehirn ein völlig fremdes Wort ohne Bedeutung für mich merken?"
    Ich gestehe, ich habe damals für die Prüfung in physiologischer Prüfung wie für eine Lateinklausur gelernt. Völlig fremden Wörtern (und Massen davon!) Bedeutung geben.

    "Gibt es keine Untersuchungen dazu?"
    Mir fallen da spontan nur die Schachspieler ein.

    "Was ist der Unterschied zwischen einem selbst konstruierten „falschen“ Wort und einem unbekannten ausländischem Wort, das ich nicht kenne? Wenn ich es nicht kenne und laut nachspreche, dann spreche ich eben genau das nach was ich höre."
    Macht bei z.B. Sprachtests durchaus einen Unterschied. Auch von den Gedächtnisprozessen. Gedächtnis an sich ist immer aktiv, seine eigenen Fehler dann nicht die Inhalte beeinflussen zu lassen ist schon von Bedeutung. Ist ja auch wieder die ursprüngliche Frage - aktiver oder passiver Prozess? Werden die Inhalte durchs Hören gespeichert, oder durch deren weitere Verarbeitung?

    Schönen Abend,
    Björn

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