Sonntag, 3. August 2014

Gefängnisausbruch im Aquarium

Hintergrund: Folgende Analogie kam mir in den Sinn, als ich zum Thema Selbsthilfe gefragt wurde:
Stell dir eine Krabbe in einem Aquarium vor. Sie hat sich in so einer Pseudoruine verirrt. Kann herausschauen, sieht draußen die Pflanzen und Fische und Kiesel und das Licht, doch findet keinen Ausgang. Aber die Krabbe - nennen wir sie Rudi - wollte sich nicht einfach hinsetzen und sagen "ich bleibe jetzt halt hier. Eh kein Zweck, es weiter zu versuchen!", denn Rudi wollte heraus. Also fing er an zu suchen. Nach irgendeinem Ausgang. Aber er fand keinen. Da begann die Krabbe, so etwas wie Verzweiflung zu verspüren. Aber sie gab nicht auf! "Wenn sich die Mauern nicht ändern, dann mache ich es eben anders!"
Und Rudi begann zu üben. Bearbeitete die Wände mit den eigenen Scheren. Warf Steine dagegen. Nutzte scharfe Brocken als Werkzeuge gar. Immer und immer wieder gegen dieselbe schwächste Stelle, bis sie schließlich brach.

Und Rudi war frei! Da waren Pflanzen. Fische. Kies und Licht! So war Rudi glücklich. Tapste umher. Erkundete seine neue freie Welt.

Außer, dass sie nicht so frei war. Immer wieder ging es einfach nicht mehr weiter. Da war eine Wand. Keine sichtbare Wand. Aber eine Wand. Also ging er woanders hin. Eine andere Richtung. Wieder war er frei. Lange Zeit. Bamm! Nächste Wand. Die Krabbe war irritiert, blinzelte, änderte wieder die Richtung. Bis sie wieder auf eine Wand traf. Und wieder.

Da ging Rudi auf, er hatte nur ein kleines Gefängnis gegen ein großes getauscht. Und er wurde sehr, sehr traurig.

Eines Tages zerbrach das Gefängnis. Völlig unvorhergesehen. Das Wasser floss ab. Alles war in Chaos, in Panik! Fische flappten an Land, was einst stolzer Seetang gewesen war bedeckte wie Schlamm den Boden. Draußen wirbelte die Welt vorbei. Und irgendwie fand sich Rudi in Wasser wieder. In viel, viel mehr Wasser, als er es jemals vorher erlebt hatte. Die Katastrophe war überstanden! Er war frei! Wanderte und wanderte herum.

Bis er irgendwann auf eine seltsam blau angemalte Felswand traf...
Da kam dann auch schon mein Zug, und ich musste los. Mir wurde erst hinterher klar, was ich da eigentlich gesagt habe.
1. Selbsthilfe und Selbsthilfegruppen haben durchaus einen Wert - um aus dem anfänglichen "Gefängnis" herauszukommen, und dort heraus zu bleiben. Es ist aber ungleich schwieriger, an den Kontextbedingungen etwas zu ändern, wenn man sich innerhalb des Kontextes befindet.
2. Krisen bieten eine Chance zu einem noch viel größeren Wachstum.
3. Umgekehrt: Wenn die Kontextfaktoren für ein Problem auseinander brechen, so kann dies oft auch als Krise erlebt werden. Allein schon, weil dies mit Umbrüchen und Unsicherheiten verbunden ist.
4. Es war doof, dass der Zug kam. Denn die Geschichte ist unvollständig. Eigentlich sollte sie noch weitergehen. So ist das Ende irgendwie, nun ja, unschön. Auch Elemente, die ich einbringen wollte fehlen. Beispielsweise ist es schwierig, das Gefängnis bzw. das Aquarium nachzuvollziehen, wenn man nie in einer auch nur im Ansatz ähnlichen Situation war. Umgekehrt ist es aber genauso schwierig, wenn man jemanden helfen will und noch genauso dort drin ist.
5. Vielleicht sollte ich am Ende eines durchaus anstrengenden Tages an Bahnsteinen weniger philosophieren und mich mehr über Ereignisse in Bezug auf die Bahnfahrten wundern.

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