Donnerstag, 28. August 2014

Motiverkennung I

Mal eine kurze Reihe zum Thema Motive und wie man erkennen kann, von welchem Motiven eine bestimmte Person in einem bestimmten Kontext motiviert ist.

Hier schon einmal eine wichtige Eingrenzung: Motive sind sowohl zustands- als auch kontextspezifisch. Eine Person kann in verschiedenen Hobbies unterschiedliche Motive abdecken, ebenso in Arbeit, Familie und Freizeit nach anderen Werten streben. Auch sind Motive zustandsabhängig. Wer sich mies fühlt, hat andere Prioritäten als jemand, der sich gut fühlt. Das mag mit ein Grund für Maslows Bedürfnispyramide gewesen sein, obschon genau darin auch der Grund liegt, warum die Bedürfnispyramide nie bestätigt werden konnte: Motive sind schlicht und ergreifend nicht starr hierarchisch kontext- und zustandsunabhängig anzuordnen.

Weiterhin stellt sich die Frage, auf welchem Abstraktionslevel man sich bewegt. Nehmen wir da mal als ein Extrem Freud. Freud ging letztendlich von drei Motiven aus - Selbsterhaltung, Eros (Sexualität) und Thanatos (Zerstörung). Da mag sogar etwas dran sein - betrachten wir mal so etwas wie das nahezu überall sonst vorkommende Machtmotiv: Es gibt mehr als genug Studien die zeigen, dass mit Macht mehr sexuelle Möglichkeiten offenstehen, mehr Nahrungsquellen erschließen, ebenso hat man mit mehr Macht auch mehr Möglichkeiten an der Hand, etwaige zerstörerische Impule auszuleben. Gleiches gilt auch für so etwas wie Geselligkeit. Freud hat hier ein sehr hohes Abstraktionsniveau. Welches, ironischerweise, entwicklungsgeschichtlich sogar begründet sein kann.
Nehmen wir als anderes Extrem Reiss. Reiss führt insgesamt 16 Motive auf, wo neben Romantik und Rache auch so etwas wie Sammelleidenschaft, Neugier, Idealismus und viel, viel mehr abgedeckt ist. Hier ist die Abstraktionsebene viel niedriger. Ich persönlich bevorzuge eine niedrigere Abstraktionsebene, aber das ist einfach dadurch bedingt, dass ich jene als nützliches Werkzeug, nicht als Wahrheit ansehe. Mein Problem mit dem höheren Abstraktionsniveau ist, dass auch wenn es entwicklungsgeschichtlich wirklich gut begründet werden kann, finde ich da (aber das ist meine Beobachtung, kein Studienergebnis!) oft keine bewusste oder unterbewusste Verbindung zwischen den gezeigten Motiven und den sehr abstrakten allumfassenden Kategorien. Das heißt nicht, dass es keine Verbindung gibt - wir als Spezies haben Millionen Jahre der Evolution hinter uns, und wie wir aus diversen Bereichen wissen (Preparedness,  Essverhalten, und vieles mehr), kann es zu einer Art biologischer Autopilot kommen. Heißt: Auch wenn hinter so etwas wie einem ausgeprägten Machtmotiv entwicklungsgeschichtlich so etwas wie Eros stehen kann, kann es sich um eine so tiefliegende Assoziation handeln, dass das kaum mehr herauszufinden ist. Schlimmer noch, wie der Begriff Autopilot andeutet, sich auch unabhängig davon automatisieren und entkoppeln kann.

Aber, und das ist das Schöne, manchmal sind da bewusste bzw. unterbewusste Assoziationen. Hier kann man von primären und sekundären Motiven sprechen. Primäre Motive sind die, welche bei deren Erfüllung einer Person Zufriedenheit bzw. Glück bringen. Sekundäre Motive dienen nur insoweit, als dass sie die primären Motive erst ermöglichen. Interessant ist nun in der Arbeit mit Menschen einerseits die primären Motive (denn darauf sprechen sie an!), und die Verknüpfungen zwischen primären und sekundären Motiven. Hier können eine Reihe von Problemen auftreten. Sei es, dass es zu Fehlverknüpfungen gekommen ist ("dirty goals"). Seien es dysfunktionale Verknüpfungen (z.B. Machtmotiv durch Zwangshandlungen erfüllen). Sei es, dass Primärmotive direkt angegangen werden, die aber erst die Erfüllung von Sekundärmotiven voraussetzen und durch das Fehlen dieser Voraussetzungen das Primärziel nicht erfüllt werden kann bzw. in Gefahr gebracht werden.
Sich mit sekundären Motiven alleine zu beschäftigen hingegen halte ich für Zeitverschwendung. Sie sind oft Rationalisierungen, Mittel zum Zweck. Ob dieses Mittel angemessen ist, ob die Verbindung mit dem Zweck sinnvoll ist, all das sind gute und wichtige Fragen. Nur jemanden versuchen zu etwas zu motivieren mithilfe eines Sekundärmotivs ist meiner Erfahrung nach wie ein Münzwurf. Kann klappen, muss aber nicht, weil die Verbindung zum eigentlichen Motiv erst das Gegenüber herstellen muss. Und dies meiner Erfahrung nach (wiederum, keine Studie) in vielleicht 50% der Fälle geschieht. Motive direkt ansprechen? Viel erfolgsversprechender.

Sofern das Motiv zumindest unterbewusst ansprechbar ist. Wie erwähnt, wenn man sich auf einem sehr hohen Abstraktionsniveau bewegt, ist fraglich, ob da eine emotionale Verknüpfung greifbar ist - und genau um diese emotionale Verknüpfung geht es.

In den folgenden drei Teilen werde ich mich damit beschäftigen, welche Möglichkeiten es gibt, an die Motive heranzukommen.

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