Samstag, 23. August 2014

Unsere eigenen Lektionen

Astronomen beobachten Sterne, aber sie sind keine Sterne. Ornithologen beobachten Vögel, aber sie sind keine Vögel. Damit gehen Vor- und Nachteile einher. Der Nachteil ist, es ist schwer, aus seinem eigenen Leben Erkenntnisse abzuleiten.

Der Vorteil (Achtung Rahmensetzung!) ist, andere können aus dem eigenen Leben keine Rückschlüsse auf die berufliche Qualifikation ableiten. Wer würde sein Geld einem Finanzberater anvertrauen, der pleite ist?

Zudem gibt es keine Interaktionseffekte. Den Spruch kenne ich sowohl bezogen aufs Medizinstudium wie auch aufs Psychologiestudium - wird man da mit den jeweiligen Diagnostikhandbüchern konfrontiert, entdecken viele erstmal eine ganze Reihe an Symptomatiken an sich selbst. Sehr häufig übrigens Falschdiagnosen und Hypochondrie.

Dennoch: Wenn man ein wenig Wissen hat, das auch das eigene Leben betrifft, dann, nun ja. Zumindest mir geht es so, dass ich dann öfter mal in eine Art "Meta-Perspektive" gerate. Und ganz genau erklären kann, was gerade bei mir abläuft. Letzte Woche zum Beispiel hielt ich ein Blockseminar. Ich sage nun immer wieder, der Affekt beeinflusst die Motivausprägungen. Während des Seminars war ich nun gesundheitlich angeschlagen, und ich bemerkte, wie dieses Seminar anders verlief als bisherige. Hauptsächlich, weil meine Motivlage anders war. Umgekehrt konnte ich mal ein paar Kniffe aus der Psychologie auf mich selbst anwenden, um beim Seminar eine (wie ich hoffe) gute Figur zu geben.

Bis vor einigen Jahren war ich so drauf, dass ich all das Wissen aus der Psychologie rein auf der Arbeit angewendet habe. Ich meine hier ganz weit mehr als nur etwaiges klinisches Wissen - allein schon ein Seminar zu halten, da spielt eine Menge Psychologie mit herein. Lernpsychologie, Motivationspsychologie, und eine Menge mehr. Wie ich, glaube ich, beim allerersten Blogeintrag sagte: Psychologie ist allgegenwärtig. Entsprechend, damals, rückblickend halte ich diese Einstellung die ich damals hatte für eine meiner größten Torheiten. Was, wiederum, so eine Metaperspektive ist.

Wissen beeinflusst und verändert uns. Beispiel: Seit dem allerersten Semester, das inzwischen so unglaublich lange zurück liegt, seit ich damals Wissen um Interferenzstatistik angefangen habe zu erwerben, wurde ich gegenüber Studien und Erkenntnisse gerade im populärwissenschaftlichen Bereich sehr misstrauisch. Rückblickend (wieder Meta-Perspektive!) muss ich auch sagen, ich habe während und nach dem Studium einige Zeit gebraucht, um überhaupt Ordnung in das Wissen zu bringen. Integratives Wissensnetzwerk - damals war alles so fragmentiert; und doch bin ich froh, die Gelegenheit gehabt zu haben, mir selbst mein Wissensnetzwerk aufzubauen.

Vor etwa einem Jahr hörte ich einen Vortrag von jemanden, der in ein ziemlich haariges Problem gerauscht war - kein klinisches Problem, sondern ein organisatorisches. Hatte Monate damit verbracht, nach Lösungen zu suchen. Nach drei Minuten hatten wir die Lösung. Das war auch ein Psychologe. Und das ist die andere Seite unserer eigenen Lektionen: Weshalb konnten wir so schnell eine Lösung finden? Ich hatte schlicht eine andere Perspektive. Auch so etwas ist in der Arbeit mit Menschen wichtig - es ist nicht immer die beste Idee, wenn ein Arzt sich selbst behandelt, oder ein Rechtsanwalt sich selbst vertritt. Genauso verhält es sich im Reich der Gedanken. Manchmal können wir unsere eigenen Lektionen nicht selbst nutzen, weil uns die Distanz fehlt.

Aber wenn wir sie nutzen können, dann, so denke ich heute, sollten wir es.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen