Sonntag, 17. August 2014

Wahrheiten, Modelle und Werkzeuge

Eins finde ich immer wieder kurios. Da sind Studierende, die zu einem Großteil Abitur haben, schon allesamt in einem höheren Fachsemester sind - und sie erwarten Wahrheiten.

In der Wissenschaft gibt es keine Wahrheiten, es gibt nur Modelle. Modelle, die so lange aktuell sind, wie sie die besten Vorhersagen in ihrem Gebiet liefern. Aber ein Modell ist keine Wahrheit. Ein Modell ist eine Erklärung, die zu einem gewissen Grad Beobachtungen nachbildet, Gedanken einfügt und Vorhersagen erlaubt. Selbst wenn sich ein Modell sehr, sehr lange hält, wird es dadurch nicht wahr. Selbst wenn es sehr, sehr viel erklärt, wird es dadurch nicht wahr. Selbst wenn es sehr gute und genaue, gar exakte, Vorhersagen erlaubt, ist das Modell nicht wahr. Man denke da an Newton und seine Gravitationsberechnungen und -theorien. Alle absolut korrekt - und doch von der Relativitätstheorie überholt. Die wiederum bisher unvereinbar mit der Quantenmechanik scheint...

Modelle sind insofern auch Werkzeuge. Newtons Theorien erlauben gerade für solche Bereiche wie Statik, Luftfahrt und viele weitere Bereiche extrem wichtige Berechnungen. Dass Einsteins Relativitätstheorie Newtons Idee hinter der Gravitation völlig überholt hat, geschenkt (gegenseitige Anziehung vs. Krümmung der Raumzeit).

Noch heute beruhen so manche sehr erfolgreiche Methoden auf den Ideen der Behavioristen - auch wenn deren Weltbild schon seit Jahrzehnten überholt ist, und die einige wirklich sehr skurrile Ideen hatten. Genauso hatten auch die frühesten Psychoanalytiker einige sehr, sehr gute Ideen gehabt, die wiederum zu Methoden führten, die funktionieren.

Was ist Wahrheit?

Ich kann die Suche nach Wahrheit gut nachvollziehen. Wahrheit bedeutet etwas Festes, Sicheres. Etwas, das stimmt. Klar zu trennen ist von dem, was nicht stimmt. Richtiges, korrektes Wissen, und damit die einhergehende fast moralische Bewertung als "gutes" Wissen.

Wissenschaft hat auch etwas von Wissen schaffen, also Erkenntnisse gewinnen, neue Möglichkeiten eröffnen. Die sich daraus ergebende Praxis, diese Möglichkeiten auch anzuwenden. Nur ist das Wissen in der Wissenschaft nie wahr, stattdessen wahrscheinlich - und zwar nicht falsch. In der Wissenschaft werden Theorien niemals bestätigt - sie werden nicht widerlegt. Bis sie es irgendwann dann doch werden. H0, H1 - Theorie widerlegt, Theorie mit einer Wahrscheinlichkeit irgendwo größer 0 nicht widerlegt. Welche Rolle spielt nun, ob die Theorie sich am Ende nicht doch als falsch herausgestellt haben mag, wenn die daraus entwickelten Werkzeuge funktionieren?

Weil das Wissen nicht wahr war?

Vielleicht ist das mehr eine Frage des Glaubens.

Ich glaube, es gibt nur eine Wahrheit:
Es gibt keine Wahrheit.

Kommentare:

  1. Lieber Björn,

    ich schätze, der Wunsch bzw. die Suche nach Wahrheit ist so alt wie die Menschheit selbst. Daraus wird sich die Philosophie, Religion(en) und später auch die Psychologie entwickelt haben. Ist doch logisch, wir kommen auf die Welt, einfach so, und wissen nicht warum. Was soll das Ganze eigentlich? Anders als bei Tieren, bei denen es primär ums Überleben geht, sind wir Menschen ja mit Metakognition und damit mit der lästigen Frage des Wie und Warum ausgestattet. Wenn wir diesen "Sinn des Lebens" Gedanken weiter denken, stoßen wir alle immer irgendwann an eine Grenze des Unvorstellbaren. Dennoch gibt es das Bestreben, sich der "Wahrheit" zu nähern.

    Ich könnte mir vorstellen, dass viele Menschen, die beschließen Psychologie zu studieren, dies tun, weil sie denken, dass sie Antworten auf all diese Fragen durch diese Wissenschaft, die so nah am Leben wie sonst keine ist, bekommen. Wie komme ich darauf? Weil ich selber früher mal so gedacht habe. Mein Plan war es immer, später etwas zu machen, das mir Wahrheiten bringen kann. Diesen Plan der Suche nach etwas evtl. gar nicht Erreichbaren oder Existierenden habe ich im Laufe der Schulzeit aufgegeben, jedoch gemerkt, dass die Psychologie auch so sehr interessant sein kann.

    Manche Meschen hoffen eben ihr Leben lang auf die große Erkenntnis.
    Ich glaube auch nicht, dass das etwas mit dem Bildungsstand o.ä. zu tun hat, sondern mit Hoffnung. Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es ja bekanntlich. Das zeigt, dass den Menschen Hoffnung sehr wichtig ist.

    "Es gibt keine Wahrheit." Wenn das stimmt, also wenn das die Wahrheit ist (*hust), dann können wir uns auch nicht unserer eigenen Existenz sicher sein. Ich denke also bin ich? Fehlanzeige.

    Nichts ist sicher, außer, dass nichts sicher ist.

    Herzliche Grüße

    P.S. Habe beschlossen, mir nun auch mal einen Namen zu geben (der in seiner Bedeutung nicht sehr stark vom alten "Namen" abweicht)

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  2. Gute Nacht,

    ein interessantes Thema. Ich frage mich an dieser Stelle: Wenn es keine Wahrheit gibt und "Wissen nie wahr ist", was bedeutet dann eigentlich Wissen?

    Definitionen wie "Wissen ist eine wahre und gerechtfertigte Meinung" würden ja dann nicht mehr passen oder...

    Viele Grüße,
    Snake

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  3. Guten Abend,

    "der Wunsch bzw. die Suche nach Wahrheit ist so alt wie die Menschheit selbst"
    Ich muss gerade ans Höhlengleichnis denken. Nur passt das irgendwie nicht, weil es da eine Wahrheit gibt. Hm.
    Ja, der Wunsch ist sehr, sehr alt. Ich halte ihn auch für grundlegend. Seit Anbeginn sucht der Mensch nach Erklärungen - Wahrheiten - für sein Leben, für die Welt. Teilweise mit ziemlich skurrilen Ergebnissen. Die Quantenmechanik ist psychedelischer als es die urigsten Götterglauben aus uralten Zeiten je gewesen sind. Nur... und da ist der Unterschied: Die einen Erklärungen liefern Modelle mit Vorhersagen. Die anderen auch. Nur manche Vorhersagen treffen ein (Quantenmechanik, Relativitätstheorie), andere (der Sonnengott will Menschenopfer, sonst Weltuntergang!) nicht. Wir bauen uns unsere eigenen Modelle, und halten jene für Wahrheiten. Vielleicht sind sie subjektive Wahrheiten. Ob sie objektive Wahrheiten sein können, das ist eine interessante Frage. Ich habe keine Wahrheiten.

    "weil sie denken, dass sie Antworten auf all diese Fragen durch diese Wissenschaft, die so nah am Leben wie sonst keine ist, bekommen."
    Das frage ich mich manchmal. Wie nah ist die Psychologie am Menschen und am Leben? Wie sehr spielen andere Überlegungen dort mit herein? Es gibt so viele Wissenschaften, die sich mit dem Menschen beschäftigen - Soziologie, Pädagogik, Medizin, Geschichte, Politik, Philosophie, Wirtschaftswissenschaften, ja auch so etwas wie Theologie, Linguistik und sehr viel mehr. Sie alle haben ihre eigenen Brillen, die den Blick verändert. Die Brille der Psychologie zu sehen, als Psychologe selbst, halte ich für eine ziemlich große Herausforderung. Die große Fragmentierung sowohl zwischen Theorie und Praxis, als auch zwischen den einzelnen großen Bereichen, machen das auch nicht einfacher.

    ""Es gibt keine Wahrheit." Wenn das stimmt, also wenn das die Wahrheit ist (*hust)"
    Ich mag Logikbomben.

    "uch nicht unserer eigenen Existenz sicher sein. Ich denke also bin ich? Fehlanzeige."
    Wer sagt, dass man denken muss, um zu sein?
    Ich habe da einen Fallbericht von jemanden gehört, der im Rahmen eines medizinischen Experiments zeitweise die Fähigkeit verloren hatte, zu denken. Dennoch berichtete er danach, dass da immer noch ein "selse of self" bestand. Kann natürlich auch eine Art rückwärtsgerichtete Rationalisierung und Gedächtniskittung gewesen sein.

    "was bedeutet dann eigentlich Wissen?"
    Das ist ja die große Frage. Als Kind habe ich nach Wahrheiten gesucht. Irgendwann nur mehr nach Modellen. Und heute? Viel mehr noch nach Werkzeugen.
    Aber was ist dann Wissen? Muss Wissen wahr sein? Oder reicht es nicht, wenn Wissen "wahr genug" ist? Funktioniert?

    Nur so als (sehr wirre!) Gedanken. Ich kann langsam kein SPSS mehr sehen...

    Herzliche Grüße,
    Björn

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  4. Gute Abend,

    ich finde es schwierig, den Wissensbegriff ohne Wahrheit zu definieren. Wo liegt in
    deiner Welt der Unterschied zum Glauben?

    Und besteht der einzige Unterschied zwischen Wissenschaft und Religion etwa darin, dass erstere seinen Glauben regelmäßig modifiziert?...

    Viele Grüße,
    Snake

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  5. Lieber Björn,

    Platon geht bei seinem Höhlengleichnis davon aus, dass es eine Wahrheit gibt, die von uns bzw. unseren Sinnen aber nicht erfahrbar ist. Tatsache ist, wir wissen es nicht. Wenn wir keine Wahrheit erfahren können, dann können wir auch nicht wissen, ob es die Wahrheit ist, dass es die Wahrheit gibt (Du magst ja Logikbomben). Wir wissen nicht, ob wir nur ein Gehirn, angeschlossen an ein Programm sind, oder ob wir in der Matrix leben und es aber eine reale Welt gibt. Vielleicht ja, vielleicht nein. Nur weil Platon davon ausgeht, dass es die Wahrheit gibt, heißt es nicht, dass deine Assoziation zum Höhlengleichnis nicht passt. Ich finde schon, denn gerade in der Annahme um die Wahrheit im Höhlengleichnis, spiegelt sich der Wunsch nach dessen Existent wider.

    „Es gibt so viele Wissenschaften, die sich mit dem Menschen beschäftigen - Soziologie, Pädagogik, Medizin, Geschichte, Politik, Philosophie, Wirtschaftswissenschaften, ja auch so etwas wie Theologie, Linguistik und sehr viel mehr.“ Genau, aber alle diese Wissenschaften beschränken sich auch auf den jeweiligen Bereich. Die Psychologie bezieht alle diese Wissenschaften mit ein und versucht Erkenntnisse auch aus deren Perspektive heraus zu erlangen. Ob es dabei gelingt den psychologischen Filter abzuwerfen, das sei dahin gestellt. Aber darum geht es ja bei der Studienfachwahl nicht. Ich spreche hier von einem Studenten in Spe, der sich sein Fach aus der einfachen Heuristik heraus „Psychologie schließt alles mit ein, also gibt es dort auch die meisten Erkenntnisse“ aussucht.

    „Wer sagt, dass man denken muss, um zu sein?“ Niemand. Descartes sagt nicht, dass man denken muss um zu sein, sondern, dass wenn ich denke, dass ich dadurch den Beweis habe, dass ich auch existiere.

    „Kann natürlich auch eine Art rückwärtsgerichtete Rationalisierung und Gedächtniskittung gewesen sein.“ Ich kenne dieses Experiment nicht, frage mich jedoch, wie festgestellt werden konnte, dass die Person tatsächlich nicht mehr denken konnte. Ich denke dabei z.B. an Nahtoderfahrungen. Diese scheinen sehr wohl durch Entladungen des Gehirns, also durch immer noch stattfindende Prozesse im Gehirn zu entstehen. Wenn man aber diese Prozesse nicht messen kann, nimmt man eben an, dass derjenige tatsächlich tot ist.

    „Ich kann langsam kein SPSS mehr sehen...“ Dann steig doch auf R um ;).

    @Snake:

    Wenn wir davon ausgehen, dass es – so wie Björn sagt – nur subjektive Wahrheiten gibt, dann erzeugt Religion genauso Wahrheiten, wie es die Wissenschaft tut. Der Unterschied zwischen Wissenschaft und Religion ist für mich folgender:
    Nach Popper müssen wir in der Wissenschaft Hypothesen falsifizieren. Gott z.B. können wir aber nicht falsifizieren. Es gibt Menschen, die behaupten, ihn gesehen zu haben, oder Aliens oder den Mann im Mond. Sie können es uns nicht beweisen, aber wir können es ihnen auch nicht widerlegen.

    Aber ist es Wahrheit, wenn wir in der Wissenschaft etwas falsifizieren? Auch da arbeiten wir stets mit Verzerrungen, vor allem, weil viele Wissenschaftler nur nach Signifikanzen gehen. Ist das Ergebnis signifikant, wird es als die Wahrheit angesehen, dabei sind Signifikanzen überhaupt nicht aussagekräftig. Die Effektstärke anzugeben ist sicher ein kleiner Schritt näher in Richtung „Wahrheit“, aber sicher sein können wir uns eben nie zu 100 Prozent. Außerdem sagen wir dann ja nur H0 stimmt nicht und nicht H1 stimmt. Aber was uns interessiert ist ja H1. H1 wird also einfach angenommen. Und zwar so lange, bis sie falsifiziert wird. Das ist zumindest schon mal ein Schritt weiter, als man bei der Religion kommt.

    Herzliche Grüße

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  6. Guten Abend,

    "ich finde es schwierig, den Wissensbegriff ohne Wahrheit zu definieren. Wo liegt in
    deiner Welt der Unterschied zum Glauben?"
    Eigentlich hatte ich meinen Ursprungsbeitrag schärfer fomuliert, dann aber einen Satz herausgestrichen: "Wer Wahrheiten sucht, sollte ein theologisches Fach studieren."
    Klingt böser, als es gemeint ist. Wissen war schon immer im Fluss - nur nicht unbedingt die Leute, die sich mit Wissen beschäftigt haben. Wenn es im Fluss ist, sich im Laufe der Zeit verändert, was ist dann wahr?
    Was bedeutet überhaupt "wahr"? Selbst Alltagswissen wie "die Erde dreht sich um die Sonne" ist in vielfacher Hinsicht falsch und nur aus einem sehr speziellen Blickwinkel (Rahmensetzung!), der aber völlig irreal ist, korrekt. Pratchett (kein Wissenschaftler, aber ich mag ihn) nannte solches Alltagswissen "Märchen für Erwachsene". Sich von diesen Märchen zu verabschieden, das kann eine sehr bittere Pille sein, weil dann plötzlich alles sehr, sehr komplex wird.

    "Platon geht bei seinem Höhlengleichnis davon aus, dass es eine Wahrheit gibt"
    => "Nur passt das irgendwie nicht, weil es da eine Wahrheit gibt. Hm."
    Platon ging davon aus, dass wir an die Wahrheit herankommen können. Wenn auch nicht direkt mit unseren Sinnen. Was aber natürlich erst einmal die Existenz einer Wahrheit voraussetzt, die der Mensch mit seinem Geist erfassen kann.
    Wozu hat das bisher geführt? Zu solchen Sachen wie der Quantenmechanik und der Relativitätstheorie. Wunderbar.

    "Genau, aber alle diese Wissenschaften beschränken sich auch auf den jeweiligen Bereich. Die Psychologie bezieht alle diese Wissenschaften mit ein und versucht Erkenntnisse auch aus deren Perspektive heraus zu erlangen."
    Hier bin ich deutlich pessimistischer. Das Problem sind Vorabfilter. Wenn man von Anfang an davon ausgeht, X ist wahr, sich dies in Forschung und Interpretation niederschlägt, fällt man ins tyrannische Prinzip ( http://bjoern83.blogspot.com/2014/01/das-tyrannische-prinzip.html ). Viele Geisteswissenschaften sind das in den letzten Jahren, bzw. Jahrzehnten, während die Naturwissenschaften sich meinem Eindruck nach zunehmends von Dogmen befreit haben.
    Die Psychologie ist so eine Art Wanderer zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Wenn ich alle in der Forschung beschäftigten Psychologen betrachte, die ich kenne, wenden aber mittlerweile mehr als 1/3 das tyrannische Prinzip an, vor zehn Jahren noch waren es nicht einmal halb so viele. Sie gehen von einer Wahrheit aus, weil sie gewollt ist, weil sie schön ist, weil sie angenehm ist, weil sie politisch opportun ist - völlig egal, wie die Studienlage aussieht.
    In dem Moment, wo man ins tyrannische Prinzip fällt, handelt es sich nicht mehr um Wissenschaft. Noch sind die meisten Psychologen, die ich kenne, tendenziell eher naturwissenschaftlich orientiert. Wie lange das noch so bleibt, ich habe keine Ahnung.

    "der sich sein Fach aus der einfachen Heuristik heraus „Psychologie schließt alles mit ein, also gibt es dort auch die meisten Erkenntnisse“ aussucht."
    Hm. Ich glaube, ein häufiger Grund ist mehr, Menschen verstehen zu wollen, und Menschen helfen zu wollen. Die Metaperspektive da habe ich so explizit bisher selten erlebt.

    "Dann steig doch auf R um ;)."
    Glaube nicht, dass es das besser machen würde.

    " dabei sind Signifikanzen überhaupt nicht aussagekräftig."
    Ich finde es auch immer lustig, wenn aus dem SPSS-Output "Sig. .000" ein "p = .000" wird, statt (wie es korrekt wäre) "p < .001". Ist nicht dasselbe.
    Hinzu kommt das Problem, dass man auch Quatschhypothesen signifikant bekommt. Beispiel: Mathematikfähigkeiten von Schulkindern und Schuhgröße. Kriegt man locker signifikant und das mit einer riesigen Effektstärke, ist aber inhaltlicher Unsinn.
    PS: Sehr schöne Erklärung!

    Beste Grüße,
    Björn

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