Sonntag, 21. September 2014

Der Sturm und die Decke

Gestern war ein Tag, der ganz anders verlief, als ich vorher dachte. Ich ging aus dem Haus, es schien die Sonne. Wollte mich ins Auto setzen, und musste erst einmal diverses Laub herunterfegen. Es wird Herbst. Seltsam, wo das Frühjahr, wo der Sommer bleibt, wenn man sehr beschäftigt ist. Zeitverzerrungen sind ein Trick unseres Geistes. Mal scheint die Zeit zu verfliegen, mal nur sehr, sehr langsam zu vergehen. Gestern wurde ein Tag, auf den beides zutraf.

Ich stieg ins Auto, und es wurde dunkel. Früh am Tag, gerade noch Sonne, und dann Wolken. Leichter Regen. Herbst. Also fuhr ich los. Wie Du vielleicht in den Nachrichten gehört hast, wurde das Wetter stellenweise sehr ungemütlich. Gewitter. Regengüsse. Was sah ich davon im Auto? Neben Blitzen? Der Scheibenwischer fuhr über die Windschutzscheibe, und dann, nur für einen Moment, sahst Du klar. Sofort aber prasselten dicke Tropfen herab, und die Welt verlor sich wieder in Schlieren. Wieder ein Wisch, klare Sicht, dann Schliere. Im Sekundentakt Sehen. Nichtssehen. Sehen. Nichtssehen.

Wobei man nie wirklich "nichts" sah. Durchs Fenster verschwommene, verzerrte Abbilder der Welt, gebrochen in den Regenströmen. Ist wie wenn man etwas Ungewöhnliches lernt, erlebt - in einem Moment begreift man es, dann wieder nicht, dann ist es wieder da. Ich begriff, dass ich eine Pause einlegen sollte. Die Tatsache, dass ich in einiger Entfernung auf immer mehr gesperrte Straßen stieß, oder sah, wie gerade die Feuerwehr Wege absperrte, mag dazu beigetragen haben.

In unserem Leben sind wir manchmal auf Wegen, von denen wir glauben, sie bringen uns irgendwohin. Und sie bringen uns auch irgendwohin, nur vielleicht nicht dorthin, wohin wir dachten. Ich stand also irgendwo in den Bergen auf einem Parkplatz. Sah abseits der Straße und des Weges die Bäume im Wind wehen. Blitzleuchten. Hörte das Trommeln des Regens, Donner in der Ferne.

Während meiner Fahrschulzeit hörte ich einen kleinen Rat. Dinge, die man im Auto haben sollte: Verpflegung und, ganz wichtig, eine Decke! Es war das vielleicht letzte Sommergewitter dieses Jahr, und kalt war es nicht. Dennoch. Nun, eine Eigenart meines Autos ist es, dass man es mit ein paar Handgriffen zu einem Doppelbett umbauen kann. Stell dir vor, du liegst da, lässt den Sturm draußen Sturm sein. Schaust auf ein Schauspiel aus Licht und Wasser durch die Heckscheibe. Und plötzlich, völlig ungeplant, hat sich die Welt vollkommen entschleunigt. Du bist da, das Auto, und der Sturm. Und das ist in Ordnung.

Vielleicht denkst du darüber nach, die Zeit anders zu nutzen. Dachte ich auch. Immerhin hatte ich sogar etwas zu lesen dabei. Dafür war es jedoch zu dunkel. Der Notebook-Akku, fast leer. Also treiben die Gedanken. Wo wir sind. Wo wir hin wollen. Wie diese zufälligen Ereignisse unser Leben unterm Strich doch bereichern. Wir doch froh sind, wenn sie vorbeigezogen sind. Und so kleine, unscheinbare Ratschläge doch, egal woher sie kommen, nützlich sein können. Die Decke erst machte es richtig bequem. Wie vor so vielen Jahren, als ich als kleines Kind Regenschauer vom Bett aus beobachtet habe. Die Bühne ändert sich. Wir ändern uns. Und durch all die Veränderungen, in all den Veränderungen, bleibt die Bühne doch gleich, und wir auch. Wenn wir es denn möchten.

Entschleunigung, Beschleunigung - im Auto für Stunden irgendwo gestrandet zu sein, zu einigen Momenten des Innehaltens gezwungen, klingt nach einer Begebenheit, in der sich die Zeit endlos ziehen mag. Aber sie tat es nicht. Sorge, Furcht, Schmerz, all das und noch einiges mehr zieht Zeit in die Endlosigkeit. So etwas war nicht zugegen. Da war der Sturm, ein Schauspiel der Elemente. Und dann, wie ein Donnergrollen, war er auch schon wieder fort. Vielleicht ist das die Lektion, die uns Achtsamkeit lehren mag?

Oder die Lektion ist: Habe eine Decke im Auto!

1 Kommentar:

  1. Lieber Björn,

    sobald es langsam Herbst wird (meistens ende August) sage ich immer „Bald ist schon wieder Weihnachten“. Dann werde ich schräg angeguckt und es heißt „Najaaaa, ist schon noch was hin“. Aber irgendwie ist dann plötzlich doch Weihnachten und die Leute wundern sich, wie ich so verdammt Recht haben konnte. Jetzt ist es wieder soweit und ich sage: Bald ist schon wieder Weihnachten! Und da ich bis dahin sehr beschäftigt sein werde, wird dies auch der Fall sein - für mich jedenfalls. Der Sommer ist, wie ich gerade bemerke, irgendwie so an mir vorüber gezogen. Ich hatte eigentlich viel vor… oft grillen, viel auf dem Balkon sitzen etc. Der neue Grill ist noch nicht mal ausgepackt und auf dem Balkon war ich vielleicht zwei Mal.

    „Während meiner Fahrschulzeit hörte ich einen kleinen Rat. Dinge, die man im Auto haben sollte: Verpflegung und, ganz wichtig, eine Decke!“ Den Ratschlag mit der Decke habe ich auch irgendwann mal bekommen. Ich habe ihn befolgt und meinen ganz eigenen Nutzen daraus gezogen. Sie nützt mir sowohl im Sommer als auch im Winter. Beispiel Winter: Ich stehe mit Beifahrer im Stau, Beifahrer sagt, es sei ihm total kalt. Ich sage „Schau mal auf dem Rücksitz ist ne Decke“. Beispiel Sommer: Ich wieder mit Beifahrer unterwegs, es ist super Wetter, man kommt irgendwo am Fluss oder nem Park vorbei. Beifahrer sagt, da könnte man sich jetzt super hinsetzen und legen und ich sage „Klar warum nicht, ich hab ne Decke hinten im Auto.“ Ich kann schon gar nicht mehr zählen wie oft ich im Sommer spontane Picknicks dank vorhandener Decke gemacht habe, oder wie oft ich mich im Winter schon zugedeckt habe, wenn ich mal spontan irgendwo fest steckte.

    „Stell dir vor, du liegst da, lässt den Sturm draußen Sturm sein. Schaust auf ein Schauspiel aus Licht und Wasser durch die Heckscheibe.“ Muss ich mir nicht vorstellen, hab ich bereits gehabt. Ich war mit nem Freund unterwegs, wir waren draußen und auf einmal kam ein Gewitter. Wir rannten schnell zum Auto, machten die Heizung an, schraubten die Sitze zurück und schauten uns das Gewitter durch das Dachfenster an. Das ist tatsächlich ein Erlebnis, an das ich sehr oft zurück denke.

    Ich mochte Gewitter schon immer gerne – sofern man es von drinnen betrachtet. Da könnte ich stundenlang fasziniert zusehen. Und nein, ich käme niemals auf die Idee die Zeit anders nutzen zu wollen. Das hat etwas gemütliches, genau wie der Herbst an sich. Und ich mag es, wenn es früh dunkel wird. Ich fahre auch total gerne im Dunkeln Auto. Auf der Autobahn, mit guter Musik. Im Herbst und im Winter muss ich dafür nicht warten bis es Nacht ist. Mir sind entschleunigte Momente sind wir wichtig und wenn sie sich ergeben, nutze ich sie. Außerdem glaube ich, ist Gedanken schweifen lassen auch schonmal wichtig um mich sich und seinem Leben und seiner Vergangenheit ins Reine zu kommen.

    Herzliche Grüße

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