Dienstag, 2. September 2014

Motiverkennung IV

Dann mal auf zum letzten Teil. Meiner Erfahrung nach gilt hier noch umso mehr das, was ich im dritten Teil schrieb. Klingt kompliziert und schwierig, ist aber (sofern man die richtige Rahmensetzung aus Teil 1 hat) für die allermeisten Menschen unglaublich einfach.

Überlegen wir einmal für einen Moment, wo Motive eigentlich stecken. So im Gehirn. Im Neokortex? Eher nicht. Sie stecken in tieferen, älteren Hirnregionen. Dem, was man so populärwissenschaftlich als "Säugetierhirn" und "Reptilienhirn" bezeichnet. Die Motive spielen dann quasi "stille Kortexpost". Deshalb kommt es zu so vielen Rationalisierungen. Deshalb sind Motive oftmals nur teilweise bis gar nicht bewusst.

Was ein riesiges diagnostisches Problem ist. Projektive Verfahren wie der TAT liefern in Sachen Motivation bessere Vorhersagen als standardisierte Multiple-Choice-Tests, wie sie sonst in der Psychologie so gern Verwendung finden. Weshalb? Weil sie ein wenig an der "stillen Kortexpost" vorbei funktionieren. Fragt man die Leute direkt danach, was sie wollen, was sie motiviert, rennt man (oft) in Rationalisierungen, und in volitionale Gründe. Volitionale Gründe sind auch wichtig, bloß sie energetisieren kaum bis gar nicht. "Steuererklärung machen, super!"

Der Trick ist nun im Gespräch die Kortexpost zurückzuverfolgen. Dies geht sehr einfach, indem man den Emotionen folgt. Bei bestimmten Gründen werden mehr oder weniger starke Emotionen gezeigt. Können positive sein (bei appetitiven Motiven), können negative sein (bei aversiven Motiven). Hat man eine starke emotionale Beteilung, hat man meist auch das Motiv. Hat man nur eine schwache Beteiligung, die Antwort 'zurückfüttern' und wieder fragen, was das bringt. Dabei immer der Emotionsspur folgen und alles ignorieren, wo keine Emotionen dranhängen.
Wird keine Emotionsspur gezeigt, alles Gesagte zusammenfassen und wiederum nachfragen.

Die einzige Gefahr dabei ist, sich von Labels, Begriffsetikettierungen, in die Irre führen zu lassen. Nehmen wir mal das Idealismusmotiv nach Reiss. Nur weil sich jemand für einen idealistischen Zweck engagiert, muss da kein Idealismus hinterstecken. Vielleicht wird die gesellschaftliche Erfahrung gesucht. Oder auch es als Status gesehen. Vielleicht geht es auch um eine Sache, die die Person selbst betrifft, und sie daher entweder als Eigennutz anstrebt oder aufgrund vorheriger Verletzungen. Womit wir wieder ganz am Anfang wären - aus einem bestimmten Verhalten lässt sich nicht das Motiv ableiten. Folgt man jedoch der Emotionsspur, die dahintersteckt, kommt man meiner Erfahrung nach doch verdammt gut dort heran.

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