Donnerstag, 11. September 2014

Realitätsstrukturierung durch Begrifflichkeiten I

Ich erinnere mich noch dunkel, als ich erstmals einen PC aufgeschraubt habe, um darin etwas zu reparieren. Darin herrschte ein solches Chaos! Kabel, komische bunte Dinger und Scheiben, Kabel, zusammengesteckte Teile, noch mehr Kabel. Ich sah es, und es ergab für mich keinen Sinn. Es war einfach nur Chaos.

Vor einigen Jahren berichtete ein Freund, wie er über den südamerikanischen Regenwald flog, und alles auf ihn wirkte wie ein einziges Gewusel aus Grün. Keine Struktur, alles verschmolz miteinander. Er konnte ziemlich genau sagen, was er sah - Baumwipfel, und sie waren grün. Und alles war nur grün. Einige Wochen verbrachte er in der Gegend, und als er zurück flog, da war es kein Gewusel aus Grün mehr. Da erkannte er Eigenheiten des Waldes, verschiedene Baumarten, unterschiedliche Landschaften und Begebenheiten in dem, was zuerst reines grünes Chaos gewesen war.

Und wenn ich heute in einen Rechner schaue, habe ich zumeist eine recht gute Vorstellung davon, was ich dort vor mir sehe. Festplatte, Prozessor, Stromkabel, Datenkabel, Grafikkarte, und so viel mehr. Ich mag hier keine Wirkrichtung postulieren - finden wir Begriffe und strukturieren so die Welt? Oder finden wir Strukturen, und geben jenen Namen? Vielleicht beides? So oder so hilft es uns, Sinn in die Welt da draußen außerhalb unseres Kopfes zu bringen.

Nur sind diese Begriffe nur das - Begriffe. Unterteilungen, die so gar nicht real sind. Da draußen gibt es nur dieses eine riesige Ereignis namens "Leben" und "Umwelt", so facettenreich, dass wir es in kleine Brocken herunterbrechen müssen um es überhaupt verarbeiten zu können. Wir grenzen dabei immer auch das ein, was wir einen Namen geben. Grafikkarten, dienen der Darstellung von Grafik. Bis irgendwann mal wer bemerkte, hey, mit denen lassen sich gut Passwörter knacken! Ein Baum hat eine bestimmte Bedeutung, einen Sinn und eine Funktion - und doch ist das, was als "Baum" bezeichnet wird, weit mehr als das. Indem wir etwas für uns greifbar machen, beschränken wir es auch.

Noch deutlicher wird dies, wenn wir an Ideen denken. Ideen können auf etwas "dort draußen" beruhen, und doch davon ablenken, was wirklich ist. Kürzlich musste ich an das Bildnis von den drei Blinden und dem Elefanten denken, wie jeder ein anderes Körperteil des Elefanten greift, jenes beschreibt, und es für den Elefanten hält.
Der Anlass dafür war eine Diskussion über das Unterbewusste. Ein Kollege fasste es eher inspiriert von Freud auf, als dunklen Abgrund, Hort von Problemen. Ein anderer eher inspiriert von Erickson, ein strahlendes Licht, Hort von Ressourcen. Und einfach um noch ein wenig die Stimmung anzuheizen, warf ich das mechanisch orientierte Weltbild der Behavioristen ein. Bloß was ist das Unterbewusste nun? In bestimmten Kontexten, unter bestimmten Vorzeichen verhält es sich wie ein Abgrund. Unter anderen wie ein Hort von Ressourcen. Unter wieder anderen sehr mechanisch. So hielt ein Blinder ein Elefantenbein und sagte "ein Elefant, das ist wie ein Baumstamm!", und ein Blinder hielt den Schwanz und sagte "ein Elefant, das ist wie ein Seil!", und ein Blinder hielt den Rüssel und sagte "ein Elefant, das ist wie ein Staubsaugerrohr, nur vorne feucht!"

Was nicht die grundlegende Frage klärt. Nicht, was ist der Elefant? Sondern, existiert der Elefant?

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