Freitag, 12. September 2014

Realitätsstrukturierung durch Begrifflichkeiten II

Denken wir einmal kurz über den Begriff "Haus" nach. Was sich hinter einem Haus verbirgt, hat sich inhaltlich im Laufe der Menschheitsgeschichte stark verändert. Ein Haus im römischen Reich ist nicht zu vergleichen mit einem Haus des ausklingenden Mittelalters. Und was vor 100 Jahren noch ein typisches Haus war, würde heute eine Menge Irritationen auslösen. Der Inhalt von Begriffen ändern sich, doch der Begriff bleibt gleich.

Wichtiger noch aber ist ein anderer Aspekt: Stellen wir uns vor, wir haben irgendwo reine, von Menschen unberührte Natur. Und in diese Natur stellen wir ein Haus hinein. Wo verlaufen die Grenzen zwischen Haus und Umwelt? Die Mauern, das Fundament? Ergibt Sinn - jedoch geht die Wirkung des Hauses über jene hinaus. Es beeinflusst seine Umgebung. Sehr direkt wenn wir über so etwas wie Leitungen, Straßenanschlüsse und ähnliches nachdenken, jedoch auch indirekt durch die Auswirkungen auf die umgebende Tier- und Pflanzenwelt. Die Abgrenzung Haus, Grundstück, Umgebung ist letztendlich willkürlich. Durchaus funktional, da ansonsten schnell eine zu große Informationsmenge entstünde. Nichtsdestotrotz willkürlich. Tatsächlich, um hier auf die Geschichte zurückzukommen, die heutige Abgrenzung anhand der baulichen Struktur war nicht immer gegeben, und ist es in manch anderen Kulturen auch heute nicht.

Weshalb ist das wichtig? Wenn du dir denkst, bezüglich eines Hauses ist dies eigentlich ohne Konsequenz, ganz besonders aus psychologischer Sicht, dann würde ich dem durchaus zustimmen. Nur besteht diese willkürliche Grenzziehung beinahe überall. Und dann wird es doch manchmal wichtig.

Einerseits aus Sicht der Erkenntnisgewinnung. Am Ende des ersten Teils warf ich die Frage auf, ob es das Unterbewusstsein gibt. Letztendlich, mal ganz konstruktivistische Ideen einmal außen vor gelassen, kann man sagen, es gibt Menschen. Da sagt man dann, die haben so etwas wie ein Bewusstsein, ein Unterbewusstsein, einen Körper, so als ob das getrennte Entitäten wären. Sie sind es nicht. Die Grenzziehung dazwischen erst formt dann das Verständnis, was es damit auf sich hat. Abhängig davon, wie man (um damit auf das Ende des ersten Teils zurückzukommen) unterbewusste Prozesse definiert, erhält man ein anderes Unterbewusstsein. Gleiches gilt für das Bewusstsein. Und der körperliche Aspekt? Ich glaube, jeder hat schon Erlebnisse gehabt, bei denen entweder der Körper den Gemütszustand und die Gedanken positiv oder negativ beeinflusst hat (und sei es nur durch so etwas simples wie eine Erkältung), oder umgekehrt die körperliche Verfassung durch Gedanken oder den Gemütszustand beeinflusst wurde. Beispiel für letzteres wäre unter anderem Stress. Diese Grenzziehungen sind sinnvoll und funktional, sie sind jedoch nicht "wahr".

Dann gibt es auch noch Grenzziehungen, die nicht funktional sind. Das findet sich oft bei emotionalen und motivationalen Problemen. Probleme zeichnen sich durch verschiedene Aspekte aus, und nun kann es durchaus oft vorkommen, dass die Probleme erst durch die entsprechenden Grenzziehungen der Person entstehen. Wenn man das Problem dann mal durchgeht, kommt man zu vier "Quadranten".
  • In Quadrant 1 befindet sich die Person und das Problem. Das ist das eigentliche Problem.
  • In Quadrant 2 befindet sich die Person, aber nicht das Problem. Hier finden sich also Umweltressourcen, die dazu führen, dass das Problem unter diesen Kontextbedingungen nicht bestehen kann.
  • In Quadrant 3 befindet sich das Problem, aber nicht die Person. Hier finden sich also interne Ressourcen, die dazu führen, dass unter diesen Vorzeichen das Problem nicht bestehen kann.
  • In Quadrant 4 schließlich befindet sich weder die Person, noch das Problem. Insofern also das komplette Gegenteil des Problems.
Die Aufmerksamkeit einer Person, die ein Problem hat, sofern es irgendwie menschenmöglich lösbar ist, ist in aller Regel nur in Quadrant 1. Nicht jedoch in den anderen Quadranten. Betonung liegt auf Aufmerksamkeit. Erst die angenommene Existenz der Grenzen sorgt dafür, dass die Quadranten entstehen. Und sie schrenken auch ein - weil zur Lösung des Problems dann nur in dem Problemquadranten ("Quadrant 1") gesucht wird, nicht jedoch in den anderen Quadranten, wo sich viel schneller Lösungen finden ließen.

Diese Grenzen jedoch, und das ist der zentrale Punkt, sind nicht real. Sie sind genauso willkürlich wie die unterschiedlichen Definitionen und Ideenformulierungen. Daraus lässt sich etwas ableiten: Wenn eine Person überzeugt ist, dass sich ein Problem nicht lösen lässt - so sollte nicht frontal das Problem angegangen werden, sondern zuerst die Grenzen des Problems.

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