Donnerstag, 4. September 2014

Situationsanalyse II: Der "schwarze Tod" im Mittelalter

Menschliches Denken und Verhalten ist ziemlich stabil. Sicher, der Kenntnisstand ändert sich, die Mechanismen abseits dessen jedoch sind sehr, sehr stabil. Entsprechend finde ich, lohnt sich ein Blick in die Geschichte. Wie haben Menschen früher auf besondere Ereignisse reagiert? Wenn die Sozialpsychologie eins gezeigt hat (Milgram, Stanfort Prison Experiment und viele mehr), dann, dass man für (vorsichtig ausgedrückt) seltsames menschliches Verhalten niemals nur etwaige Kontextfaktoren verantwortlich machen sollte.

Kommen wir also einmal zu einer der bekanntesten Krankheitsepidemien - dem so genannten "schwarzen Tod" im Mittelalter. Da das hier kein Medizinblog ist, lassen wir die Diskussionen, ob es (was meinem Kenntnisstand nach Stand der Forschung ist) die Beulenpest gewesen ist, oder eine andere Krankheit, außen vor. Schauen wir uns stattdessen einmal ausschnittweise das Verhalten der Menschen an.

- Eine interessante Reaktion waren die Flagellanten. Kurz umrissen war das eine Bewegung von Menschen, die sich selbst geißelten. Scheinbar seltsame Reaktion auf eine Seuche. Hier zeigt sich zweierlei. Erstens ein Fundamentalfehler der Attribution, welcher da lautet, dass sich Menschen häufiger für Ereignisse verantwortlich fühlen als sie es selbst sind. Findet sich geschichtlich immer wieder auf so ziemlich allen Kontinenten (anderes Beispiel "damit die Sonne wieder aufgeht, müssen wir Menschen das Herz aus der Brust reißen!"). Zweitens die Rahmenfaktoren in Bezug auf Wut. Der "schwarze Tod" als Gottes Zorn. Bestrafung - auch Selbstbestrafung - ist eine Möglichkeit, Wut zu entschärfen. Insofern war das Verhalten durchaus in Anführungszeichen "logisch". Wenn die Prämisse gestimmt hätte. (Auch das findet sich immer wieder. Wahnhaftem Verhalten wohnt oft eine Logik inne.)

- Auf der Suche nach Ursachen gerieten Katzen in Verdacht. Gespielinnen des Teufels, verschlagen, so lautlos und tückisch wie die Krankheit. Also wurden in manchen Städten sehr viele Katzen erschlagen. Im Ergebnis wurde der Pestausbruch so noch schlimmer. Reaktion? "Das zeigt, das wir dem Teufel auf der Spur sind!"
Oder auch: Das tyrannische Prinzip in Aktion. Hintergrund, wer sich mit der Pest nicht auskennen sollte, die Krankheit wurde überwiegend durch Rattenflöhe übertragen. Weniger Katzen, mehr Ratten samt Rattenflöhe.

- Die Ärzte damals hatten kein medizinisches Wissen, das diesen Namen auch nur im Ansatz verdient hätte. Manche hatten ziemlich wirre Ideen. Beispielsweise, dass die Pest von schlechten Winden käme, ein Schutz also wäre, sich immer im Kreis von Feuern aufzuhalten, die die Winde reinigen.
Das funktionierte! Die Klienten jener Leibärzte, welche dieser Form der Quarantäne verschrieben bekamen, überlebten größtenteils. Konnten sich natürlich nur sehr reiche und mächtige Personen des damaligen Lebens leisten.
Warum funktionierte sie, während sonst klassische Quarantäne nicht so gut half? Nicht nur blieben die an Lungenpest erkrankten Leute weg, die Feuer schreckten auch die Ratten ab. Wahrheiten, Modelle, Werkzeuge - dies ist ein Beispiel für eine völlige Fehleinschätzung, ein komplett fehlerhaftes Modell, aus dem am Ende dann doch ein gutes Werkzeug entsprang. (Die anderen Ideen hingegen funktionierten allesamt nicht.)

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