Freitag, 31. Oktober 2014

Emotion & Motivation: Die Trennung des Untrennbaren

Dort "draußen", außerhalb unserer Gedankenwelt, gibt es nur eine Sache. Das Leben. Die Welt. Wie immer wir es nennen wollen. Zu groß, zu facettenreich, um alles zu erfassen. Also fangen wir an, alles in kleinere Einheiten aufzuteilen, aufzutrennen. Das ist ein Wald, dies ist eine Stadt. Das ist ein Haus, dies eine Straße, und jenes dort eine Laterne. Manchmal sind diese Aufteilungen sinnvoller, und manchmal extrem willkürlich.

In der Allgemeinen Psychologie als Oberkategorie werden Emotionspsychologie und Motivationspsychologie getrennt betrachtet. In meiner Zeit als Lehrperson für die Allgemeine Psychologie habe ich immer wieder die Gemeinsamkeiten und Übergänge zwischen dem emotionalen und dem motivationalen Bereich aufgezeigt. Ich weiß, rein vom Verständnis her ist es leichter, die beiden Bereiche getrennt voneinander zu betrachten. Motivation, die Psychologie der Zielauswahl. Emotion, die Psychologie des affektiven Erlebens.

Problem an der Sache ist nur: Damit wird getrennt, was untrennbar ist.

Man denke an die Rahmenbedingungen für Emotionen: Jede Emotion, ohne jede Ausnahme, hat einen motivationalen Impuls. Furcht - vor einer Gefahr fortkommen. Glück - positive Elemente im Leben erhalten. Wut - Abwehr von Bedrohungen. Eifersucht, Hass, Wut, Ekel, Flow, Mitleid, Stolz - egal welche Emotion je ein Mensch benannt hat, sie alle haben eine motivationale Komponente. Ein Ziel, eine Handlung, zu der die Emotion motivieren will.

Genauso muss jede Motivationssituation eine emotionale Komponente haben. Was unterscheidet, aufs kleinste Element heruntergebrochen, Motivation von der Volition (der Willenspsychologie)? In der Volition fehlt der emotionale Funke. Hier werden ziele rein anhand von logischen Überlegungen und Abwägungen verfolgt. Spricht man hingegen die Motive von jemanden an, erzeugt man immer Emotionen. Furcht, Wut, wie auch immer wenn man Motive bedroht. Freude, Verlangen, Neide, wie auch immer wenn man Motive anspricht. Motive ohne Emotionen sind so unmöglich wie Emotionen ohne Motive. Sie entstammen denselben Hirnregionen. Sie treten immer gemeinsam auf. Sie sind zwei Seiten derselben Münze. Denn sie sind eine Münze.

Sonntag, 26. Oktober 2014

Ratschläge bezüglich Abschlussarbeiten II

Nachdem sich der erste Teil hauptsächlich mit der Technik beschäftigte, kommen wir nun zu den psychologischen Aspekten. Vorab sollte erwähnt werden, dass letztendlich jede Abschlussarbeitssituation individuell ist - nur weil ich hier einen generellen Ratschlag gebe, muss der nicht für alle Personen in allen Situationen gelten!

Vorgehen - Abschlussarbeiten

Interne Informationssuche bezüglich der Form
Eine der besten Möglichkeiten, sich verrückt zu machen und falschen Informationen aufzuliegen, ist es, bezüglich der erwarteten Form woanders als bei der Betreuung nach Informationen zu suchen. Sei es Umfang, Layout, Formatierung, Zitationsweise und vieles mehr, all diese Sachen hängen zum Teil stark von der Institution ab, bei dem man schreibt. Nur, wenn von dieser Seite aus keine Informationen zur Verfügung gestellt werden, sollte im Internet gesucht werden bzw. bei Bekannten an anderen Institutionen nachgefragt werden.

Weiterhin gilt: Im Zweifelsfall sollte die gewählte Form erstens funktional und zweitens konsistent sein. Gerade zwischen verschiedenen Formen zu springen kommt selten gut an.


Zeitenreservierung
Stell dir vor, du sitzt in einem Seminar, hältst einen Vortrag, und ein guter Freund spricht dich an, ob du genau jetzt und sofort ins Kino gehen willst. Wie reagierst du? Vermutlich in Hinblick auf den Vortrag, den du gerade hältst, ziemlich irritiert und verschiebst das auf später.

Zeiten, in denen an Abschlussarbeiten gearbeitet wird, sollten ähnlich behandelt werden. Kaum jemand kommt auf die Idee, mal eben ein Seminar abzubrechen - aber Arbeit an der Abschlussarbeit? Die wartet doch!
...
Und schon ist man in der Aufschiebefalle. Gerade zu Beginn der Arbeit kann es passieren, dass man abgelenkt wird. Sei es durch Freunde, Kollegen, Lebensereignisse, völlig egal. Ich rate hier sehr dazu, von Anfang an feste Zeiten zu reservieren, und diese wie oben genanntes Seminar zu behandeln. Sofern nicht gerade das Gebäude brennt oder wirklich schlimme Nachrichten eintreffen, dann bleibt man darin. Je umfangreicher eine Arbeit ist, je länger sie in die Zukunft geplant werden muss, desto wichtiger wird dies.


Früh tätig werden!
Oder auch, nicht in der "Konzeptionshölle" verbleiben. Egal womit man anfängt - sei es Literaturrecherche, Datenerhebung, Datenauswertung, Verfassen einzelner Abschnitte - allein aufgrund der dabei gewonnenen Erfahrung ist es meinem Eindruck nach sinnvoll, damit möglichst früh anzufangen, selbst wenn die Gefahr besteht, später deutlich nachkorrigieren zu müssen. Erstens hilft einem die Erfahrung. Damit einher geht zudem die Tendenz, so nicht in der "Konzeptionshölle" zu verweilen. Das ist ein Phänomen, welches ich bei manchen Kommilitonen beobachtet habe. Sie wussten bezüglich einiger zentraler Fragen nicht weiter, hofften auf Klärung durch die Betreuung, und taten in der Zeit nichts. Mir ist kein Fall bekannt, in dem das positiv verlaufen ist.

Hier kommt auch etwas ins Spiel, was in der Kognitionspsychologie als "Lohhausen-Effekt" bekannt ist. Bei komplexen Problemen (und eine Abschlussarbeit zu verfassen kann ein sehr komplexes Problem sein) ist der beste (und nahezu einzige) Erfolgsindikator mit Selbstbewusstsein irgendwas zu machen. Völlig egal was. Selbst wenn man in der Zeit, die man auf die Abstimmung wartet, ein Experiment oder eine Auswertung gegen die Wand fährt, das ist immer noch um Welten besser, als in der Zeit gar nichts getan zu haben. Im schlimmstmöglichen Fall hat man immer noch etwas gelernt - doch in aller Regel lässt sich das, was man getan hat, später doch noch irgendwie verwenden.


Absprachen schriftlich festhalten.
Kein Problem, wenn die Kommunikation über E-Mail stattfindet. Ebenfalls kein Problem, wenn die Betreuung weiß, was sie will. In allen anderen Fällen, gerade bei sehr langandauernden Abschlussarbeiten, Besprechungsergebnisse protokollieren. Das ist mir zum Glück nicht passiert, und ich bilde mir auch ein, als Betreuer eine ziemlich stringente Linie zu haben, aber ich kenne genug Leute, bei denen sich feste Absprachen von einem Termin zum nächsten um 180° drehten. Schlecht!


Vom Baumstamm zu den Blättern planen.
Was soll der rote Faden der Abschlussarbeit sein? Dieser rote Faden ist quasi der "Baumstamm" der Arbeit. Von ihm aus dann lassen sich etwaige zugehörige Äste, Zweige und Blätter planen. Anders formuliert, erst das große Bild betrachten, dann hinein in die Details gehen. Fängt man zuerst mit den Details an, bekommt man hinterher oft das Problem, daraus ein stimmiges Bild zu formen.

Ich beobachtete als Betreuer immer wieder eine gewisse Abneigung gegen Exposés. Wie ich damals schon immer sagte, das Exposé ist nicht für mich als Betreuer, sondern für die Abschlussarbeitenschreiber. (Und zugegebenermaßen, damit ich grundlegende Fehler wie z.B. den bei Literaturevaluationen gern vergessene Methodenabschnitt frühzeitig erkenne.)


Ausgleich ist wichtig!
Mit zunehmender Belastung und insbesondere mit zunehmender Uhrzeit fängt irgendwann an, die Qualität der Arbeit abzunehmen. Wenn man z.B. um 5 Uhr für den Arbeitsplatz aufsteht, dann in der Nacht bis 2 Uhr an der Arbeit schreibt, passieren Fehler. Die Fehler müssen später korrigiert werden. Daher ist es auch sinnvoll, früh anzufangen und sich Zeiten freizuhalten. Mammutsitzungen ohne Ausgleich, das ganze über Wochen oder vielleicht gar Monate, wird sich in der Qualität der Arbeit niederschlagen.

Ich erlebe es immer wieder, dass sich Leute dann sagen "ich gönne mir erst wieder etwas Erholung, sobald ich fertig bin!", tatsächlich musste ich auch immer wieder bei mir selbst aufpassen, nicht in diese Denkweise zu verfallen. Problem ist, einen Ausgleich braucht man gerade dann, wenn man sich in einen stressigen Lebensabschnitt befindet. Wenn man also die Ratschläge des frühen Beginns und der Zeitenreservierung beachtet hat, dann sollte man sich genauso auch erlauben, hier und da mal die Batterien aufzuladen.


"Kluge Ziele" bezüglich der Abschlussarbeit setzen und einhalten, Zielprioritäten im Auge behalten.
Hier möchte ich an meine beiden Beiträge zu den Themen "Zielprioritäten" und "Kluge Ziele" erinnern. Gerade bei den Zielprioritäten kommt wieder ein wenig das vor, was ich oben schon schrieb. Die Abschlussarbeit ist, bis das Abgabedatum drohend im Kalender auftaucht, eher vom Typ "wichtig, aber nicht dringend", daher besteht dort die Gefahr, dass Aufgaben vom Typ "unwichtig, aber dringend" vorgezogen werden. Ganz ehrlich, nach jeder Abschlussarbeit von mir hatte ich einen ganzen Berg aus E-Mails, die ich zu beantworten hatte. Und aus Frühjahrsputz wurde dann auch schon mal ein Herbstputz. Ergo, Abschlussarbeit entsprechend prioritisieren.
Genauso wichtig, bei der Abschlussarbeit allein schon aus Gründen der Motivation Unterziele setzen, jene klar umreißen, messbar formulieren und die etwa benötigte Zeit einschätzen. Um sich so von Aufgabe zu Aufgabe, von Seite zu Seite vorzuhangeln. Gerade große Abschlussarbeiten können wie ein riesiger Berg wirken. In einem Schritt, in einem Sprung kommt man den kaum hoch. In vielen kleinen Schritten jedoch schon.

Samstag, 25. Oktober 2014

Ratschläge bezüglich Abschlussarbeiten I

Dies ist kein wirklich "psychologischer" Text, aber ein paar Sachen, die ich schon immer mal loswerden wollte. Beziehungsweise losgeworden bin, hier und da mal. Im Laufe der Zeit habe ich selbst zwar nur zwei Abschlussarbeiten geschrieben, war jedoch bei der Betreuung von über hundert Abschlussarbeiten beteiligt. Entsprechend hier einmal in zwei getrennten Bereichen, was ich dazu zu schreiben habe. Der zweite Teil wird sich mit dem eigentlichen Verfassen beschäftigen, der erste Teil mit dem sehr trockenen, aber wichtigen Aspekt der Technik.

Technik - Abschlussarbeiten

1. Sicherungskopien anlegen!
Diesen Punkt kann ich nicht genug unterstreichen. Die Wahrscheinlichkeit, Daten zu verlieren, mag gering sein. Die Folgen jedoch katastrophal. Grundsätzlich lassen sich zwei Arten von Abschlussarbeiten unterscheiden. Auf der einen Seite jene mit geringem Umfang, wie B.Sc- oder M.Sc-Arbeiten, die in einer festgelegten Zeit geschrieben sein müssen. Hier ist die Wahrscheinlichkeit eines Datenverlusts aufgrund der beschränkten Zeit geringer, tritt er jedoch auf, kann die verlorene Zeit zum Genickbruch werden. Auf der anderen Seite zeitlich unbeschränkte Arbeiten wie z.B. Dissertationen. Hier wäre zwar eine zeitliche Verzögerung kein zwangsläufiger Genickbruch, jedoch Datensätze von jahrelanger Arbeit neu zu erheben oder die in Monaten oder Jahren verfassten Schriften neu anzufertigen ist auch keine schöne Aussicht.

Die einfachste Form der Sicherungskopie: Kleinere Dateien sich per Mail selbst zuschicken. Größere Dateien regelmäßig (mindestens einmal die Woche, eher öfter) auf mindestens zwei externen Datenträgern (USB-Sticks, externe Festplatten, wie auch immer) sichern. Erwartung mal Wert - die Wahrscheinlichkeit eines Datenverlusts mag gering sein (wobei sie mit wachsender Schreibdauer ansteigt), die Folgen wären jedoch katastrophal. Dafür vorzusorgen macht nur einen Arbeitsaufwand von vielleicht fünf Minuten pro Woche aus. Das könnten die am sinnvollsten investierten fünf Minuten des Lebens sein.

(Meine persönliche Erfahrung, während des Verfassens meiner Diss binnen 4 1/2 Jahre hat sich eine Festplatte per Headcrash verabschiedet und eine weitere wurde von einem defekten Netzteil geröstet.)


2. Richtige Einrichtung der Programme.
Dieser Ratschlag enthält drei Elemente. Arbeitet man über mehrere Rechner verteilt, z.B. im Büro, zuhause am Desktop-PC, unterwegs auf dem Notebook, so ist es meiner Erfahrung nach sinnvoll, wenn überall dieselben Versionsnummern der verwendeten Programme installiert sind. Alternativ, so dies nicht möglich ist, bestimmte Arbeiten ganz überwiegend an einem der Rechner stattfinden, und man die an anderen Rechnern erstellten Arbeiten zuerst als getrennte Dateien speichert und vor dem Einfügen in die eigentliche Arbeit prüft. Anderenfalls (z.B. bei verschiedenen Schreibprogrammen, oder unterschiedlichen Auswertungsprogrammen) können ziemlich ärgerliche und schwer zu behebende Fehler auftreten.

Wichtig ist ebenso, dass die Programme möglichst optimal eingerichtet sind. Gerade ältere Schreibprogramme sind dies teilweise nicht. Beispielsweise "Wort" von "Winzigweich" nutzte eine seltsame Speicherart in Versionen vor 2010, die in bestimmten Fällen bestenfalls die angeblich gespeicherten Informationen verloren gehen ließ, schlimmstenfalls die Datei zerstörte (gemeint ist das "schnelle Speichern", das in den Programmen unter Extras -> Optionen -> "Schnellspeichern zulassen" deaktiviert werden sollte).

Schließlich sollten die eigentlichen Arbeitsdateien "sauber" bleiben. Heißt keine Kommentare, keine Änderungsverfolgung. So etwas ist für Dateien, die man prüft, bzw. anderen zur Prüfung vorlegt. Schon M.Sc-Arbeiten, aber gerade Dissertationen können sehr umfangreich werden. Da will man die eigentliche Datei, an der man arbeitet, nicht noch "zumüllen".


3. Getrennte Dateien vs. eine Datei.
Abschlussarbeiten können entweder als einzelne Datei verfasst werden, oder in vielen getrennten Dateien. Beides hat Vor- und Nachteile. Hier gibt es keine absolute richtige Antwort. Schauen wir uns die Vor- und Nachteile an.

Einzeldatei:
+ Es kann mit Verweisen und Ankern gearbeitet werden, z.B. automatische Aktualisierung des Inhaltsverzeichnisses.
+ Es können keine Probleme bei der Seitennummerierung auftreten.
+ Layoutänderungen wirken sich direkt für die gesamte Arbeit aus.
- Die Arbeit kann sehr groß und unübersichtlich werden. Je länger die Arbeit, desto eher wird das ein Problem.
- Änderungen an einer Seite können auf einer ganz anderen Seite zu Problemen bzw. Fehlern führen. Meiner Erfahrung nach sind da gerade lange Tabellen für anfällig.
- Wird die Datei beschädigt, ist direkt alles beschädigt.
- Bestimmte Layouteinstellungen gelten zwangsläufig für die gesamte Arbeit.

Mehrere Dateien:
+ Änderungen in einem Abschnitt können keine Fehler in Abschnitten auslösen, die sich in anderen Dateien befinden.
+ Gerade bei schwächeren Rechnern (z.B. Arbeitsnotebooks) fällt die Arbeit mit kleineren Dateien deutlich leichter.
+ Man findet schneller zu ändernde Stellen.
+ Das Layout kann individualisiert werden.
- Es kann nicht mit Verweisen und Ankern über mehrere Dateien gearbeitet werden. (Zumindest habe ich noch nicht herausgefunden, wie das geht.)
- Es kann zu Problemen mit der Seitennummerierung kommen.


Meiner Erfahrung nach ist es so, dass je länger die Arbeit wird, desto sinnvoller wird die Arbeit mit mehreren Dateien. Umso mehr, wenn sehr umfangreiche Tabellen und/oder Grafiken hinzu kommen. Kann dann natürlich auch zu Problemen kommen. Ich erinnere mich noch gut daran (und das nicht nur, weil es erst gestern war), wie ich um 2:00 Uhr in der Nacht vor der Indruckgebung die Seitenzahlen einer Arbeit korrigieren musste, die mehrere hundert Seiten lang war/ist. Spaßig.

Sonntag, 19. Oktober 2014

Form | Funktion

Jede Form erfüllt eine Funktion. Interessant ist nun, dass sehr oft die Funktion in gewisser Weise verloren geht, die Form zum Selbstzweck wird oder eine neue Funktion erhält. Schönes Beispiel dafür sind Feiertage. Was haben Hasen und Eier mit Ostern zu tun? Oder der Jahreswechsel - die Funktion des Feuerwerks war dereinst das Verscheuchen böser Geister. Heute? Pyrotechnischer Spaß!

Auch hinter Verhaltensformen, auch wenn sie auf den ersten Blick unsinnig scheinen, stecken oft Funktionen. Die auch verloren gehen können. Etwas, was als Kind oder Jugendlicher verhaltensmäßig sinnvoll gewesen sein mag, kann es später nicht mehr sein. Oder etwas mag sich aus technischen Begebenheiten entwickelt haben, die heute oder in anderen Kontexten anders aussehen mögen. Kürzlich (bzw. aktuell) habe ich damit zu tun. Tabellenformatierung für wissenschaftliche Veröffentlichungen. Aufgrund technischer Limitationen beim Zeitschriftendruck vor mehreren Jahrzehnten hat es sich in der Psychologie eingebürgert Tabellen "linienarm" zu gestalten. Keine vertikalen Linien, nur ein Minimum an waagerechten Linien. Bei einigen Tabellen, die ich (allerdings nicht in Zeitschriften) auf die Welt loslassen möchte, leidet bei linienarmer Darstellung jedoch die Lesbarkeit. Welche Funktion ist nun wichtiger? Ich glaube, ich werde es drauf ankommen lassen.

Kürzlich habe ich mal durch alte Fotos geblättert. Nach dem Studienabschluss habe ich damals ganze Berge an Papierkram weggeschmissen, um wieder Luft zu haben. Aktuell stapeln sich bei mir die Bücher und Aktenordner. Der Anlass dafür wird (hoffentlich, siehe oben) bald ebenso abgeschlossen sein. Dann wird wieder Platz geschaffen. Die aktuelle Form (Papierstapel überall!) hat seine Funktion. Die Funktion ist bald (hoffentlich) erfüllt und abgeschlossen, also kann die Form geändert werden.

Probleme können dann entstehen, wenn sich die Form nicht ändert, nachdem sie ihre Funktion erfüllt hat. Die Papierstapel während der Abschlussphase aufzutürmen, mag nicht schön sein, ist jedoch funktional. Sie nach erfolgreichem Abschluss zu behalten, das wäre nicht mehr funktional.

Sonntag, 12. Oktober 2014

Was ist.

Es gibt eine ganze Reihe nützlicher Fähigkeiten. Viele auch, die in allen möglichen Kontexten nützlich ist. Beispielsweise verbales Geschick. Wo überall nutzt es uns, gut reden zu können? Quasi überall. Nun gibt es eine Fähigkeit, die ich persönlich für die nützlichste überhaupt in nahezu allen nur vorstellbaren Kontexten halte, und die doch nur selten besprochen wird.

Wahrnehmen, was ist.

Klingt simpel. Warum nun mag das wichtig sein? Gehen wir einmal ein paar Kontexte durch:
- In Lehrveranstaltungen erkennen, inwieweit die Lernenden einen folgen (können), und wo Probleme auftreten.
- Im Umgang mit Klienten deren Problem erkennen, und nicht eigene Interpretationen bzw. Schwierigkeiten zu projizieren.
- In Diskussionen die "Schmerzpunkte" ausmachen, jenseits der Worte die emotionalen Beteiligungen des Gegenübers ausmachen.
- Bei mündlichen Prüfungen erahnen, ob man richtig liegt, oder sich um Kopf und Kragen redet.

Dies (und viel, viel mehr) ist jedoch noch der kleinste Vorteil. Wahrnehmen, was ist, kann in Sachen Psychohygiene, eigenem Wohlbefinden, unendlich nützlich sein.
- Wahrnehmen, wenn einem etwas Gutes oder Schönes wiederfährt.
- Probleme rechtzeitig erkennen (und gegensteuern).
- Ein Verständnis eigener Denkmuster aufbauen, um mit jenen optimal umgehen zu können.
- Überhaupt die Realität wahrnehmen, und von dem zu unterscheiden, was nicht ist.

Man denke hier einmal an die Reihe über "Realitäten" aus dem vergangenen Jahr. Ich glaube, es war Erickson, der meinte, die meisten psychischen Probleme entstünden, wenn Menschen sich gegen die Wirklichkeit sträuben - gemeint die physische Wirklichkeit. Ein Detail, das sich interessanterweise sogar in der Schmerzforschung wiederfindet. Nur kurz umrissen - Schmerz ist letztendlich (von Sonderfällen einmal abgesehen) ein Warnsignal des Körpers. Nimmt man die Anwesenheit des Warnsignals wahr, ohne dagegen anzukämpfen, wird es von den meisten Personen subjektiv als spürbar weniger dramatisch wahrgenommen, als wenn es versucht wird zu leugnen oder dagegen angekämpft wird.

Wahrnehmen, was ist. In der Psychologie findet sich das unter zwei völlig anderen Namen, die an sich nichts miteinander zu tun haben. Ich wage aber zu behaupten, sie beschreiben beide Facetten davon. Einer der Begriffe ist dabei noch etwas weiter gefasst als der andere.

Der erste ist "Metakognition". Das "Denken über das Denken". Ich glaube, der Name ist eine Irreführung. Was meist unter Metakognition beschrieben wird, ist mehr als nur ein Beobachten und Sinnieren über gedankliche Prozesse, sondern auch über emotionale/motivationale Prozesse wie auch das der Aufmerksamkeit. Anders gesagt, bei metakognitiven Prozessen schauen wir, was unser Verstand eigentlich macht.

Das gibt es noch unter einem anderen Namen. Achtsamkeit. Achtsamkeit ist ein wenig weiter gefasst, und bezieht noch mit ein, was außerhalb des Verstands ist. Das ist in der Metakognition wenn dann nur über den Aspekt der Wahrnehmung und Aufmerksamkeit mit abgedeckt. Alles eine Frage der Definition.

Ist es denn nicht so, dass wir nicht immer wahrnehmen, was ist? Schon - aber dann treiben die Gedanken ab, verlieren sich Überlegungen, Bewertungen, all das sind Verzerrungen. Oder wir weigern uns wahrzunehmen, was ist. Kämpfen dagegen an. Verlieren uns in Erklärungen, Rationalisierungen. Dann nehmen wir nicht mehr wahr, was ist.

Metakognition/Achtsamkeit ist nun etwas, was eine Frage der Übung ist. Meditation (Vipassana/Achtsamkeitsmeditation) ist eine Möglichkeit, aber wohl für die meisten Menschen die unpraktischste. Die sehr positiven Folgen von 30 Minuten Achtsamkeitsmeditation pro Tag sind erstaunlich gut erforscht, bloß haben die meisten Menschen schon mit einer Minute pro Tag Probleme. Fünf Minuten? Eine Ewigkeit. Weshalb? Flow. (Kurz gesagt, entweder es unterfordert, oder es frustriert, da es so ungewohnt ist. Kommt kein Flow auf, ist die Abbruchwahrscheinlichkeit sehr hoch. Lösung: Vereinfachung oder Erschwerung, je nachdem.)
Es gibt dazu einige Alternativen, die auch die eigene Achtsamkeit steigern. Nämlich innehalten, auf die Umgebung achten, wenn es dazu Gelegenheit gibt. Sei es, wenn man auf dem Weg zur Arbeit an einer Straße entlang geht. Sei es, wenn man Geschirr spült. Sei es, wenn einem gerade irgendwelche Gedanken durch den Kopf gehen. Schauen, was ist gerade um einen herum. Was läuft im Verstand ab. Und auch, wo ist man gerade - zum Beispiel in der Gegenwart, oder in der Vergangenheit, oder in der Zukunft? Inwieweit nimmt man wahr, was gerade ist? Und was ist nur in unserem Verstand?

Freitag, 10. Oktober 2014

Assessment Center: Und was soll das überhaupt?

Während des DGPs-Kongresses habe ich verschiedenste Fachrichtungen besucht. Darunter auch die AOW-Psychologie. Es ging dort um den Nutzen von so genannten Assessment Centern (AC). AC sind ein Werkzeug der Personalauswahl - dort sollen den Bewerbern möglichst lebensnahe Aufgaben gestellt werden, und dann geschaut werden, welche Bewerber sich in ihnen am besten schlagen. Quasi so eine Art etwas gekünsteltere Arbeitsprobe.

Dürfte auf den ersten Blick sinnvoll klingen - immerhin ist das doch näher an der eigentlichen Arbeit als ein Vorstellungsgespräch. Dennoch sank die Vorhersagekraft von AC in Bezug auf den erwarteten Berufserfolg den letzten Jahrzehnten stetig. Die Arbeitsgruppe der AOW-Psychologen hatten dafür einen interessanten Grund ausgemacht: Transparenz.

Nein, nicht fehlende Transparenz. Im Gegenteil. Transparenz. Ursprünglich wurde den Teilnehmern nicht mitgeteilt, welchen Sinn die Übungen im AC haben, im Laufe der Jahre wurde genau das jedoch immer stärker mitgeteilt. Dies wiederum führte zu zwei Effekten. Einerseits konnten Leute mit Schauspieltalent genau die gewünschten Verhaltensweisen besser für kurze Zeit imitieren, als sie es in realen Berufssituationen über lange Zeit durchhalten könnten. Andererseits wurden Personen, die in Bezug auf das untersuchte Kriterium ein unbegründet negatives Selbstbild haben eingeschüchtert, und zeigten nicht mehr die Leistung, die sie sonst gebracht hätten.

Ist Intransparenz also gut? Es gibt gute Gründe für die Transparenz. Hauptsächlich der Punkt Akzeptanz. Gerade obskurere Übungen gefährden die so genannte Augenscheinvalidität - heißt, die Teilnehmer wissen nicht, warum sie etwas machen sollen, und mögen das gar nicht. Genauso bestehen bei Intransparenz andere Gefahren. Beispielsweise, dass Personen, die sehr zielgerichtet handeln, kein Handlungsziel haben und daher suboptimale Leistung zeigen. Oder - und ich denke, das wird hier der Fall sein - der "g-Faktor" kommt ins Spiel.

Gemeint ist die Intelligenz. Die alten, intransparenten AC hatten etwa dieselbe Vorhersagekraft wie ein IQ-Test. Ich habe selbst mal an intransparenten AC teilgenommen (irgendwie musste das Studium ja finanziert werden), und was mir dort vor allen anderen Bewerbern den Vorsprung brachte, war, dass ich erkannte, was die eigentliche Aufgabe ist. Klassisches Beispiel für fluide Intelligenz.

Was die ganze Diskussion über AC und die zugehörige Forschung für mich zeigt, ist die Schwierigkeit von Diagnostik in der Personalauswahl. Wenn jetzt der Weg wieder zurück in die Zeiten der intransparenten AC geht, ich weiß nicht, ob es da nicht angebracht wäre, erst einmal die vorhandenen Methoden selbst in Frage zu stellen, statt einfach eine Rolle rückwärts zu machen. Hm. Schwieriges Feld. Zum Glück eins, das ich nur von außen betrachte.

Dienstag, 7. Oktober 2014

Attributionstheorie live

Ich muss gerade an meinen etwas älteren Beitrag über unsere eigenen Lektionen denken - da ich mich gerade frage, ob mir mein Verstand einen Streich spielt.

Weiners Attributionstheorie sagt letztendlich aus, dass Ereignisursachen anhand bestimmter Kriterien bewertet werden - und abhängig von den Bewertungen entstehen andere Emotionen und werden andere Handlungen ergriffen. Diese Bewertung findet unterbewusst statt. Klassisches Beispiel sind die Reaktionen von Schülern auf schlechte Noten. Wer hier den Lehrer als unfair erlebt, reagiert mit Wut. Wer glaubt, sich vorher nicht genug angestrengt zu haben, mit Scham, Schuld oder Reue. Wer dagegen seine Intelligenz für ursächlich hält mit Trauer.

Weiners drei Dimensionen sind Lokalität (wer ist verantwortlich?), Stabilität (wie veränderbar ist die Ursache?) und Kontrollierbarkeit (wie viel Einfluss hat man selbst auf die Ursache?).

Interessant ist nun, wie es zu den Einschätzungen kommt, und das hat viel mit Rahmen zu tun. Stabilität ist eine Frage der Beobachtung über die Zeit - ändert sich überhaupt etwas? Kontrollierbarkeit hat damit etwas zu tun, ob Auswirkungen von eigenem Verhalten sichtbar sind bzw. gesehen werden. Lokation nun hängt davon ab, wie allgemein bzw. speziell ein Ereignis ist. Fällt zum Beispiel eine ganze Schulklasse durch eine Prüfung, andere Schulklassen derselben Schule bestehen jedoch, dann wird die Attribution in Richtung der Lehrer gehen. Fallen hingegen alle Schulklassen durch, in Richtung der ganzen Schule. Fallen dagegen nur einzelne Schüler hindurch, eher in deren Richtung.

Letzteres ist etwas, was mich gestern sehr, sehr stutzig gemacht hat. Ich war die vergangenen Wochen sehr viel unterwegs. Gestern hatte ich dann so eine Reihe an Erlebnissen auf der Autobahn, die meinem begrenzten technischen Verständnis nach keinen Sinn ergeben. Ich hörte irgendwann ein sehr lautes Pfeifgeräusch. Dachte, das kommt von draußen. Bloß das Pfeifen ging auch nach diversen Kilometern nicht weg. Ich fing schon an über den technischen Zustand meines Autos nachzudenken. Das Pfeifgeräusch blieb mir erhalten, bis ich von der A2 auf die A1 fuhr - gute 60 Kilometer lang, unabhängig von meiner Geschwindigkeit, Motordrehzahl, eingelegtem Gang. Auf der A1 dann Ruhe.

Für eine Weile.

Dann war das Pfeifen wieder da. Und da sah ich - es war inzwischen dunkel - vor mir wieder die Aufschrift eines LKWs (selber Typ und Firma, aber wohl nicht selber LKW), der auch auf der A2 so ziemlich genau 60 Kilometer vor mir hergefahren war.

Als ich dann von der A1 abfuhr, war das Pfeifen weg. Seither frage ich mich, ob es LKWs gibt, die selbst bei einem Abstand von > 200 Metern noch einen sehr laut hörbaren Pfeifton abgeben, der klingt wie eine gerade noch für menschliche Ohren hörbare Hundepfeife (eine weitaus leiseres Pfeifen, Stichwort Ladeluftkühler, kenne ich - das Geräusch war dafür jedoch ganz deutlich zu laut). Rein rational müsste ich eher auf mein Auto tippen, denn das war immer da. Nur irgendwie attribuiere ich das Pfeifen doch auf den möglicherweise nur zufällig dort zugegen gewesenen LKW.

(Oder es mag eine Abwehrreaktion nach dem Motto "ich mag nicht in die Werkstatt..." sein.)

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Spieglein, Spieglein an der Wand, ich habe einen Hammer in der Hand!

Letzte Woche fand der DGPs-Kongress in Bochum statt. Sehr, sehr viele sehr, sehr interessante Vorträge. Wie ein übergroßes Wissens-Buffet, wo ich zumindest hier und da Schwierigkeiten hatte mich zu entscheiden, wo ich hingehe. Weil einfach so viel interessante Sachen gleichzeitig stattfanden. Immerhin habe ich so zumindest einige interessante Anregungen für Blogbeiträge erhalten.

Da gab es zum Beispiel, mein heutiges Thema, einen Beitrag über das "Spiegeln" (bzw. mirroring), was letztendlich nichts anderes ist als das Nachahmen von Verhaltensweisen des Gegenübers. Erwartungsgemäß fanden die vorgestellten Studien, dass man dadurch deutlich sympathischer wirkt. Spiegeln ist ein natürliches Verhalten - Menschen, die sich positiv gegenüberstehen, tun es automatisch. Es läuft unbewusst ab. Man kann das natürlich auch bewusst machen.

Allerdings wurden zwei Einschränkungen gefunden:
1. Ein zeitlicher Abstand ist wichtig - erfolgreiches Spiegeln hatte eine Zeitverzögerung von im Durchschnitt 4 Sekunden (plusminus 1,5 Sekunden), es fand nie sofort statt. Sofortiges Spiegeln fällt sehr oft auf, wird als Nachäffen empfunden, und das mögen Leute nicht.
2. Bei gemischtgeschlechtlichen Personen trat ein gegenteiliger Effekt ein.

Punkt 2 ist nun interessant, und sagt viel weniger über das Spiegeln und mehr über Probleme der Forschung aus. Spiegeln ist, wie erwähnt, ein unbewusster Vorgang. Die allerallermeisten Menschen spiegeln nur Verhaltensweisen, die in ihr eigenes Verhaltensrepertoir passen. Ich kann nur Vermutungen anstellen aus ähnlichen Versuchen, bei denen ich dabei war. Ich schätze, dass bei den Studien, die den gegenteiligen Effekt bei gemischtgeschlechtlichen Gruppen fanden, auch für die Person untypisches Verhalten gespiegelt wurde.

Ganz extremes Beispiel: Ein Mann soll eine Frau spiegeln. Erstmal sitzt die Frau in eine für den Mann etwas unbequemeren Art und Weise da, was bei ihm zu typischen Symptomes des Nichtwohlbefindens führt. Dann frischt sie auch noch ihren Lippenstift auf - und der Mann malt sich in Ermangelung eines eigenen Lippenstifts seine Lippen mit einem Kugelschreiber an. Kommt bestimmt toll.

Empfehlungen, die ich in Bezug aufs Spiegeln gebe - und meiner Erfahrung nach funktionieren diese auch geschlechtsunabhängig: Gut spiegeln lassen sich...
- das allgemeine Energielevel der anderen Person. (Das ist übrigens wichtig, wenn man Leute beruhigen will, die gerade wütend sind. Denen völlig ausgechillt zu kommen verstärkt eher deren Ärger, weil sie sich unbewusst nicht ernstgenommen fühlen.)
- Sprachtempo.
- Generelle Körperneigung.
- Offenheit der Körperhaltung.
- Abstraktheitslevel des Denkens (großes Bild, einzelne Details...).
- Faktualitätslevel (eher an Fakten oder an Emotionen interessiert?).

Generell aber sollte man das alles vergessen. Bewusstes Spiegeln kann helfen, ist aber ohnehin nur nötig, wenn man der anderen Person nicht positiv gegenüber steht. Steht man ihr positiv gegenüber, spiegelt man automatisch (weil unbewusster Vorgang), und das auch ohne dabei seltsam zu wirken.

Hier könnte ich mich auf eine generell positive Grundeinstellung Menschen gegenüber berufen. Das wäre aber nicht hilfreich. Stattdessen vielleicht eine andere Idee. Nutzen wir den emotionalen Zustand. Vor der Interaktion mit einer unbekannten Person an jemanden denken, den man mag. Sich wirklich, wenn auch nur für ein paar Sekunden, darauf konzentrieren. Darauf achten, wie es sich anfühlt, an die Person zu denken. Und dann, im Nachhall dieses Gedankens, in die Interaktion gehen. Sorgt meiner Erfahrung nach für ganz deutlich authentischeres Spiegeln.