Sonntag, 26. Oktober 2014

Ratschläge bezüglich Abschlussarbeiten II

Nachdem sich der erste Teil hauptsächlich mit der Technik beschäftigte, kommen wir nun zu den psychologischen Aspekten. Vorab sollte erwähnt werden, dass letztendlich jede Abschlussarbeitssituation individuell ist - nur weil ich hier einen generellen Ratschlag gebe, muss der nicht für alle Personen in allen Situationen gelten!

Vorgehen - Abschlussarbeiten

Interne Informationssuche bezüglich der Form
Eine der besten Möglichkeiten, sich verrückt zu machen und falschen Informationen aufzuliegen, ist es, bezüglich der erwarteten Form woanders als bei der Betreuung nach Informationen zu suchen. Sei es Umfang, Layout, Formatierung, Zitationsweise und vieles mehr, all diese Sachen hängen zum Teil stark von der Institution ab, bei dem man schreibt. Nur, wenn von dieser Seite aus keine Informationen zur Verfügung gestellt werden, sollte im Internet gesucht werden bzw. bei Bekannten an anderen Institutionen nachgefragt werden.

Weiterhin gilt: Im Zweifelsfall sollte die gewählte Form erstens funktional und zweitens konsistent sein. Gerade zwischen verschiedenen Formen zu springen kommt selten gut an.


Zeitenreservierung
Stell dir vor, du sitzt in einem Seminar, hältst einen Vortrag, und ein guter Freund spricht dich an, ob du genau jetzt und sofort ins Kino gehen willst. Wie reagierst du? Vermutlich in Hinblick auf den Vortrag, den du gerade hältst, ziemlich irritiert und verschiebst das auf später.

Zeiten, in denen an Abschlussarbeiten gearbeitet wird, sollten ähnlich behandelt werden. Kaum jemand kommt auf die Idee, mal eben ein Seminar abzubrechen - aber Arbeit an der Abschlussarbeit? Die wartet doch!
...
Und schon ist man in der Aufschiebefalle. Gerade zu Beginn der Arbeit kann es passieren, dass man abgelenkt wird. Sei es durch Freunde, Kollegen, Lebensereignisse, völlig egal. Ich rate hier sehr dazu, von Anfang an feste Zeiten zu reservieren, und diese wie oben genanntes Seminar zu behandeln. Sofern nicht gerade das Gebäude brennt oder wirklich schlimme Nachrichten eintreffen, dann bleibt man darin. Je umfangreicher eine Arbeit ist, je länger sie in die Zukunft geplant werden muss, desto wichtiger wird dies.


Früh tätig werden!
Oder auch, nicht in der "Konzeptionshölle" verbleiben. Egal womit man anfängt - sei es Literaturrecherche, Datenerhebung, Datenauswertung, Verfassen einzelner Abschnitte - allein aufgrund der dabei gewonnenen Erfahrung ist es meinem Eindruck nach sinnvoll, damit möglichst früh anzufangen, selbst wenn die Gefahr besteht, später deutlich nachkorrigieren zu müssen. Erstens hilft einem die Erfahrung. Damit einher geht zudem die Tendenz, so nicht in der "Konzeptionshölle" zu verweilen. Das ist ein Phänomen, welches ich bei manchen Kommilitonen beobachtet habe. Sie wussten bezüglich einiger zentraler Fragen nicht weiter, hofften auf Klärung durch die Betreuung, und taten in der Zeit nichts. Mir ist kein Fall bekannt, in dem das positiv verlaufen ist.

Hier kommt auch etwas ins Spiel, was in der Kognitionspsychologie als "Lohhausen-Effekt" bekannt ist. Bei komplexen Problemen (und eine Abschlussarbeit zu verfassen kann ein sehr komplexes Problem sein) ist der beste (und nahezu einzige) Erfolgsindikator mit Selbstbewusstsein irgendwas zu machen. Völlig egal was. Selbst wenn man in der Zeit, die man auf die Abstimmung wartet, ein Experiment oder eine Auswertung gegen die Wand fährt, das ist immer noch um Welten besser, als in der Zeit gar nichts getan zu haben. Im schlimmstmöglichen Fall hat man immer noch etwas gelernt - doch in aller Regel lässt sich das, was man getan hat, später doch noch irgendwie verwenden.


Absprachen schriftlich festhalten.
Kein Problem, wenn die Kommunikation über E-Mail stattfindet. Ebenfalls kein Problem, wenn die Betreuung weiß, was sie will. In allen anderen Fällen, gerade bei sehr langandauernden Abschlussarbeiten, Besprechungsergebnisse protokollieren. Das ist mir zum Glück nicht passiert, und ich bilde mir auch ein, als Betreuer eine ziemlich stringente Linie zu haben, aber ich kenne genug Leute, bei denen sich feste Absprachen von einem Termin zum nächsten um 180° drehten. Schlecht!


Vom Baumstamm zu den Blättern planen.
Was soll der rote Faden der Abschlussarbeit sein? Dieser rote Faden ist quasi der "Baumstamm" der Arbeit. Von ihm aus dann lassen sich etwaige zugehörige Äste, Zweige und Blätter planen. Anders formuliert, erst das große Bild betrachten, dann hinein in die Details gehen. Fängt man zuerst mit den Details an, bekommt man hinterher oft das Problem, daraus ein stimmiges Bild zu formen.

Ich beobachtete als Betreuer immer wieder eine gewisse Abneigung gegen Exposés. Wie ich damals schon immer sagte, das Exposé ist nicht für mich als Betreuer, sondern für die Abschlussarbeitenschreiber. (Und zugegebenermaßen, damit ich grundlegende Fehler wie z.B. den bei Literaturevaluationen gern vergessene Methodenabschnitt frühzeitig erkenne.)


Ausgleich ist wichtig!
Mit zunehmender Belastung und insbesondere mit zunehmender Uhrzeit fängt irgendwann an, die Qualität der Arbeit abzunehmen. Wenn man z.B. um 5 Uhr für den Arbeitsplatz aufsteht, dann in der Nacht bis 2 Uhr an der Arbeit schreibt, passieren Fehler. Die Fehler müssen später korrigiert werden. Daher ist es auch sinnvoll, früh anzufangen und sich Zeiten freizuhalten. Mammutsitzungen ohne Ausgleich, das ganze über Wochen oder vielleicht gar Monate, wird sich in der Qualität der Arbeit niederschlagen.

Ich erlebe es immer wieder, dass sich Leute dann sagen "ich gönne mir erst wieder etwas Erholung, sobald ich fertig bin!", tatsächlich musste ich auch immer wieder bei mir selbst aufpassen, nicht in diese Denkweise zu verfallen. Problem ist, einen Ausgleich braucht man gerade dann, wenn man sich in einen stressigen Lebensabschnitt befindet. Wenn man also die Ratschläge des frühen Beginns und der Zeitenreservierung beachtet hat, dann sollte man sich genauso auch erlauben, hier und da mal die Batterien aufzuladen.


"Kluge Ziele" bezüglich der Abschlussarbeit setzen und einhalten, Zielprioritäten im Auge behalten.
Hier möchte ich an meine beiden Beiträge zu den Themen "Zielprioritäten" und "Kluge Ziele" erinnern. Gerade bei den Zielprioritäten kommt wieder ein wenig das vor, was ich oben schon schrieb. Die Abschlussarbeit ist, bis das Abgabedatum drohend im Kalender auftaucht, eher vom Typ "wichtig, aber nicht dringend", daher besteht dort die Gefahr, dass Aufgaben vom Typ "unwichtig, aber dringend" vorgezogen werden. Ganz ehrlich, nach jeder Abschlussarbeit von mir hatte ich einen ganzen Berg aus E-Mails, die ich zu beantworten hatte. Und aus Frühjahrsputz wurde dann auch schon mal ein Herbstputz. Ergo, Abschlussarbeit entsprechend prioritisieren.
Genauso wichtig, bei der Abschlussarbeit allein schon aus Gründen der Motivation Unterziele setzen, jene klar umreißen, messbar formulieren und die etwa benötigte Zeit einschätzen. Um sich so von Aufgabe zu Aufgabe, von Seite zu Seite vorzuhangeln. Gerade große Abschlussarbeiten können wie ein riesiger Berg wirken. In einem Schritt, in einem Sprung kommt man den kaum hoch. In vielen kleinen Schritten jedoch schon.

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