Donnerstag, 2. Oktober 2014

Spieglein, Spieglein an der Wand, ich habe einen Hammer in der Hand!

Letzte Woche fand der DGPs-Kongress in Bochum statt. Sehr, sehr viele sehr, sehr interessante Vorträge. Wie ein übergroßes Wissens-Buffet, wo ich zumindest hier und da Schwierigkeiten hatte mich zu entscheiden, wo ich hingehe. Weil einfach so viel interessante Sachen gleichzeitig stattfanden. Immerhin habe ich so zumindest einige interessante Anregungen für Blogbeiträge erhalten.

Da gab es zum Beispiel, mein heutiges Thema, einen Beitrag über das "Spiegeln" (bzw. mirroring), was letztendlich nichts anderes ist als das Nachahmen von Verhaltensweisen des Gegenübers. Erwartungsgemäß fanden die vorgestellten Studien, dass man dadurch deutlich sympathischer wirkt. Spiegeln ist ein natürliches Verhalten - Menschen, die sich positiv gegenüberstehen, tun es automatisch. Es läuft unbewusst ab. Man kann das natürlich auch bewusst machen.

Allerdings wurden zwei Einschränkungen gefunden:
1. Ein zeitlicher Abstand ist wichtig - erfolgreiches Spiegeln hatte eine Zeitverzögerung von im Durchschnitt 4 Sekunden (plusminus 1,5 Sekunden), es fand nie sofort statt. Sofortiges Spiegeln fällt sehr oft auf, wird als Nachäffen empfunden, und das mögen Leute nicht.
2. Bei gemischtgeschlechtlichen Personen trat ein gegenteiliger Effekt ein.

Punkt 2 ist nun interessant, und sagt viel weniger über das Spiegeln und mehr über Probleme der Forschung aus. Spiegeln ist, wie erwähnt, ein unbewusster Vorgang. Die allerallermeisten Menschen spiegeln nur Verhaltensweisen, die in ihr eigenes Verhaltensrepertoir passen. Ich kann nur Vermutungen anstellen aus ähnlichen Versuchen, bei denen ich dabei war. Ich schätze, dass bei den Studien, die den gegenteiligen Effekt bei gemischtgeschlechtlichen Gruppen fanden, auch für die Person untypisches Verhalten gespiegelt wurde.

Ganz extremes Beispiel: Ein Mann soll eine Frau spiegeln. Erstmal sitzt die Frau in eine für den Mann etwas unbequemeren Art und Weise da, was bei ihm zu typischen Symptomes des Nichtwohlbefindens führt. Dann frischt sie auch noch ihren Lippenstift auf - und der Mann malt sich in Ermangelung eines eigenen Lippenstifts seine Lippen mit einem Kugelschreiber an. Kommt bestimmt toll.

Empfehlungen, die ich in Bezug aufs Spiegeln gebe - und meiner Erfahrung nach funktionieren diese auch geschlechtsunabhängig: Gut spiegeln lassen sich...
- das allgemeine Energielevel der anderen Person. (Das ist übrigens wichtig, wenn man Leute beruhigen will, die gerade wütend sind. Denen völlig ausgechillt zu kommen verstärkt eher deren Ärger, weil sie sich unbewusst nicht ernstgenommen fühlen.)
- Sprachtempo.
- Generelle Körperneigung.
- Offenheit der Körperhaltung.
- Abstraktheitslevel des Denkens (großes Bild, einzelne Details...).
- Faktualitätslevel (eher an Fakten oder an Emotionen interessiert?).

Generell aber sollte man das alles vergessen. Bewusstes Spiegeln kann helfen, ist aber ohnehin nur nötig, wenn man der anderen Person nicht positiv gegenüber steht. Steht man ihr positiv gegenüber, spiegelt man automatisch (weil unbewusster Vorgang), und das auch ohne dabei seltsam zu wirken.

Hier könnte ich mich auf eine generell positive Grundeinstellung Menschen gegenüber berufen. Das wäre aber nicht hilfreich. Stattdessen vielleicht eine andere Idee. Nutzen wir den emotionalen Zustand. Vor der Interaktion mit einer unbekannten Person an jemanden denken, den man mag. Sich wirklich, wenn auch nur für ein paar Sekunden, darauf konzentrieren. Darauf achten, wie es sich anfühlt, an die Person zu denken. Und dann, im Nachhall dieses Gedankens, in die Interaktion gehen. Sorgt meiner Erfahrung nach für ganz deutlich authentischeres Spiegeln.

1 Kommentar:

  1. Mechanistisches Spiegeln muss ein Windei der mechanistischen Verhaltenstherapeuten gewesen sein, so läuft das nicht. Wie Sie richtig festgestellt haben, funktioniert Spiegeln am besten unbewusst. Den "Trick" mit der Vorstellung eines sympatischen Gegenübers halte ich für eher unwirksam, da sich unser Unbewusstes weniger gut austricksen lässt als unser Bewusstsein - es erkennt durchaus den Unterschied zwischen Personen auf eine sehr zuverlässige und durchgreifende Art und wir kommunizieren das auch unwillkürlich und sehr schnell - viel zu schnell, um da noch bewusst eventuelle Komunikationstotschläger aufzufangen.
    Viel sinnvoller dürfte es sein, sich in einen echten (!) gewogenen Zustand gegenüber dem realen Gegenüber zu begeben - extra dafür gibt es beispielsweise im NLP ein paar Grundannahmen, die gezielt einen aktuellen spontanen hilfreichen State fördern; auch beim Standardvorgehen des konstruktiven Feedbacks wird zunächst auf irgendeine Weise das Verhalten des Gegenübers gewürdigt; dass es hierbei darum gehe, das Gegenüber "gewogen" für die Breitseite zu machen, glauben nur die BWLer und die Psychomechaniker aus der A&OPsy; In Wirklichkeit geht es darum, den eigenen (!) Fokus zu verändern, sein Gegenüber aus einem anderen Blickwinkel wahrzunehmen und zu bewerten; Das folgende Feedback wird dann vielleicht inhaltlich identisch, aber stilistisch höchstwahrscheinlich ganz anders ablaufen, und zwar so, dass das Gegenüber eine Kritik auch bestmöglich annehmen kann. Ich brauche auch nicht besonders darauf hinzuweisen, dass dies wahrscheinlich so ist, weil auch die Sache mit dem unwillkürlichen und blitzschnellen Spiegeln optimal klappt, ganz von alleine. Und ganz ohne Lippenstiftsimulation :o)

    Am Rande: von Milton Erickson wird berichtet, dass er den Atem von Leuten mit kaum bemerkbaren Zuckungen des Fingers gespiegelt hat; Probieren sie´s mal aus :o)

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