Sonntag, 12. Oktober 2014

Was ist.

Es gibt eine ganze Reihe nützlicher Fähigkeiten. Viele auch, die in allen möglichen Kontexten nützlich ist. Beispielsweise verbales Geschick. Wo überall nutzt es uns, gut reden zu können? Quasi überall. Nun gibt es eine Fähigkeit, die ich persönlich für die nützlichste überhaupt in nahezu allen nur vorstellbaren Kontexten halte, und die doch nur selten besprochen wird.

Wahrnehmen, was ist.

Klingt simpel. Warum nun mag das wichtig sein? Gehen wir einmal ein paar Kontexte durch:
- In Lehrveranstaltungen erkennen, inwieweit die Lernenden einen folgen (können), und wo Probleme auftreten.
- Im Umgang mit Klienten deren Problem erkennen, und nicht eigene Interpretationen bzw. Schwierigkeiten zu projizieren.
- In Diskussionen die "Schmerzpunkte" ausmachen, jenseits der Worte die emotionalen Beteiligungen des Gegenübers ausmachen.
- Bei mündlichen Prüfungen erahnen, ob man richtig liegt, oder sich um Kopf und Kragen redet.

Dies (und viel, viel mehr) ist jedoch noch der kleinste Vorteil. Wahrnehmen, was ist, kann in Sachen Psychohygiene, eigenem Wohlbefinden, unendlich nützlich sein.
- Wahrnehmen, wenn einem etwas Gutes oder Schönes wiederfährt.
- Probleme rechtzeitig erkennen (und gegensteuern).
- Ein Verständnis eigener Denkmuster aufbauen, um mit jenen optimal umgehen zu können.
- Überhaupt die Realität wahrnehmen, und von dem zu unterscheiden, was nicht ist.

Man denke hier einmal an die Reihe über "Realitäten" aus dem vergangenen Jahr. Ich glaube, es war Erickson, der meinte, die meisten psychischen Probleme entstünden, wenn Menschen sich gegen die Wirklichkeit sträuben - gemeint die physische Wirklichkeit. Ein Detail, das sich interessanterweise sogar in der Schmerzforschung wiederfindet. Nur kurz umrissen - Schmerz ist letztendlich (von Sonderfällen einmal abgesehen) ein Warnsignal des Körpers. Nimmt man die Anwesenheit des Warnsignals wahr, ohne dagegen anzukämpfen, wird es von den meisten Personen subjektiv als spürbar weniger dramatisch wahrgenommen, als wenn es versucht wird zu leugnen oder dagegen angekämpft wird.

Wahrnehmen, was ist. In der Psychologie findet sich das unter zwei völlig anderen Namen, die an sich nichts miteinander zu tun haben. Ich wage aber zu behaupten, sie beschreiben beide Facetten davon. Einer der Begriffe ist dabei noch etwas weiter gefasst als der andere.

Der erste ist "Metakognition". Das "Denken über das Denken". Ich glaube, der Name ist eine Irreführung. Was meist unter Metakognition beschrieben wird, ist mehr als nur ein Beobachten und Sinnieren über gedankliche Prozesse, sondern auch über emotionale/motivationale Prozesse wie auch das der Aufmerksamkeit. Anders gesagt, bei metakognitiven Prozessen schauen wir, was unser Verstand eigentlich macht.

Das gibt es noch unter einem anderen Namen. Achtsamkeit. Achtsamkeit ist ein wenig weiter gefasst, und bezieht noch mit ein, was außerhalb des Verstands ist. Das ist in der Metakognition wenn dann nur über den Aspekt der Wahrnehmung und Aufmerksamkeit mit abgedeckt. Alles eine Frage der Definition.

Ist es denn nicht so, dass wir nicht immer wahrnehmen, was ist? Schon - aber dann treiben die Gedanken ab, verlieren sich Überlegungen, Bewertungen, all das sind Verzerrungen. Oder wir weigern uns wahrzunehmen, was ist. Kämpfen dagegen an. Verlieren uns in Erklärungen, Rationalisierungen. Dann nehmen wir nicht mehr wahr, was ist.

Metakognition/Achtsamkeit ist nun etwas, was eine Frage der Übung ist. Meditation (Vipassana/Achtsamkeitsmeditation) ist eine Möglichkeit, aber wohl für die meisten Menschen die unpraktischste. Die sehr positiven Folgen von 30 Minuten Achtsamkeitsmeditation pro Tag sind erstaunlich gut erforscht, bloß haben die meisten Menschen schon mit einer Minute pro Tag Probleme. Fünf Minuten? Eine Ewigkeit. Weshalb? Flow. (Kurz gesagt, entweder es unterfordert, oder es frustriert, da es so ungewohnt ist. Kommt kein Flow auf, ist die Abbruchwahrscheinlichkeit sehr hoch. Lösung: Vereinfachung oder Erschwerung, je nachdem.)
Es gibt dazu einige Alternativen, die auch die eigene Achtsamkeit steigern. Nämlich innehalten, auf die Umgebung achten, wenn es dazu Gelegenheit gibt. Sei es, wenn man auf dem Weg zur Arbeit an einer Straße entlang geht. Sei es, wenn man Geschirr spült. Sei es, wenn einem gerade irgendwelche Gedanken durch den Kopf gehen. Schauen, was ist gerade um einen herum. Was läuft im Verstand ab. Und auch, wo ist man gerade - zum Beispiel in der Gegenwart, oder in der Vergangenheit, oder in der Zukunft? Inwieweit nimmt man wahr, was gerade ist? Und was ist nur in unserem Verstand?

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