Samstag, 29. November 2014

Lewins Konflikte

Lewin formulierte vor vielen, vielen Jahrzehnten seine Feldtheorie. Zentrale Idee darin ist, dass gezeigtes Verhalten eine Funktion von Person und Umwelt ist. Hier brachte er eine Idee ins Spiel, nämlich die so genannte Valenz.

Mit Valenz ist der aktuelle subjektive Wert eines Objekts oder einer Begebenheit gemeint. Beispielsweise habe ich hier neben mir eine halb aufgebrauchte Mineralwasserflasche stehen. Würdest du die für 100€ kaufen wollen?

Nein?

Was wäre, wenn du dich gerade seit Tagen durch die Wüste schleppst, kurz vorm Verdursten wärst. Würdest du dann die 100€ für die aufgebrauchte Mineralwasserflasche ausgeben?

Es ist eine wirklich grundlegende und auch einfache Idee. Die da sagt, Gegenstände, genauso wie Begebenheiten oder Tätigkeiten haben keinen objektiven Wert, sondern einen subjektiven - der abhängt von den Bedürfnissen und Eigenschaften der Person. Drei Leute können an einem Bücherladen vorbei gehen, der eine denkt "hey, toll!" (Bücher haben eine positive Valenz), der eine bemerkt den Laden nicht einmal (Bücher haben keine Valenz) und der dritte denkt "iehh, Bücher!" und wechselt die Straßenseite (Bücher haben eine negative Valenz).

Jetzt kommt aber noch eine Beobachtung von Lewin hinzu. Die Valenz ist distanzabhängig. Sowohl bezogen auf räumliche als auch auf zeitliche Distanz. Je näher etwas ist, desto stärker wird sie. Heißt wenn wir uns etwas wünschen, und es direkt vor uns ist, ist das Verlangen danach größer als wenn es weit entfernt ist. Dies gilt ebenso für negative Valenzen, hier wird die Abneigung immer größer, je näher das Objekt kommt (beispielsweise sind Spinnenphobiker in Europa die dicken Riesenspinnen im südamerikanischen Urwald ziemlich egal, außer ihnen läuft so eine ausgebüchste Vogelspinne doch mal übern Weg).

Die Idee der Valenz ist erstens für den Bereich der Motivation wichtig. Wie in meiner Reihe über Motiverkennung geschrieben bringt es nichts, wenn man jemanden mit etwas zu motivieren versucht, was für denjenigen keine Bedeutung hat. Lewin würde sagen, das hat keine Valenz. Andererseits ergibt sich aus dem Näheaspekt Zündstoff für verschiedene Konflikte. Denn Lewin beobachtete auch, dass die Valenz nicht gleichmäßig beginnt und steigt. Generell beginnt positive Valenz früher zu steigen, steigt jedoch auch flacher, als negative Valenz.

Nun kann es zu einer Reihe von Konflikten kommen, wenn sich eine Person in einem unguten Valenzfeld befindet.

Das berühmteste Beispiel dafür ist der Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt. Der entsteht, wenn am selben Ort sowohl positive als auch negative Valenzen liegen. Lewin brachte hier als Beispiel Kinder, deren Spielzeug im Wasser schwimmen, die aber Angst vorm Wasser hatten. Sie liefen dann zum See (positive Valenz stärker, da früher einsetzend), bekamen aber nasse Füße (negative Valenz stärker, da steiler ansteigend), wichen zurück, liefen dann wieder vor, wichen wieder zurück... und tänzelten so um den Punkt, wo sich die Valenzen schnitten.
Annäherungs-Vermeidungs-Konflikte lösen sich mit der Zeit von alleine, weil entweder die negative Valenz nachlässt (sich im Beispiel die Kinder an das Wasser gewöhnen), oder weil die positive Valenz nachlässt (im Beispiel das Spielzeug nicht mehr interessant genug wird).

Aus der Feldtheorie lassen sich jedoch noch zwei weitere Konflikte ableiten, die es mehr in sich haben.

Da wäre der Vermeidungs-Vermeidungs-Konflikt. Dies tritt auf, wenn zwischen zwei (oder mehr) Übeln gewählt werden muss, die sich nicht am selben Ort befinden. Die sprichwörtliche Wahl zwischen Pest und Cholera. Die gefährliche Dynamik ist hier, dass selbst wenn sich für ein Übel entschieden worden ist, durch die wachsende Nähe dazu dieses Übel anfängt schlimmer zu wirken, hingegen das andere nicht gewählte Übel weniger schlimm. Das kann dazu führen, dass eine Person immer wieder zwischen den Annäherungen hin und her schwankt.
Idealerweise lassen sich Vermeidungs-Vermeidungs-Konflikte dadurch lösen, indem weitere Möglichkeiten gefunden werden, sodass beide Übel vermieden werden können. Ist dies nicht möglich, kann man mit Rahmenänderungen arbeiten - beispielsweise die Perspektive stark in die Zukunft orientieren, den Prozess nominalisieren (also "fester" machen, als er eigentlich ist - statt also von einem fortwährenden Entscheiden die ganze Sache zu einer einmaligen Entscheidung umdefinieren), oder (mein Favorit) die Vorteile, die Silberstreifen am Horizont, der einzelnen Übel herausarbeiten und vergleichen. Hier können sich oft Unterschiede zeigen.

Dann wäre da der Annäherungs-Annäherungs-Konflikt. Dies tritt auf, wenn zwischen zwei (oder mehr) guten Dingen gewählt werden muss, die sich an unterschiedlichen Orten befinden. Viele Wahlsituationen, in denen man etwas will und wirklich die Wahl hat, fallen hier herein. Der Annäherungs-Annäherungs-Konflikt tritt wirklich nur dann auf, wenn die Wahlmöglichkeiten beide gut sind, dies jedoch auf unterschiedliche Art und Weise. Sobald einmal eine Wahl getroffen ist, hat sich dieser Konflikt in aller Regel erledigt, weil die positive Valenz des gewählten Ziels zunimmt und die des nicht gewählten Ziels abnimmt. Dumm nur, in solchen Situationen nun kann es zu einer Art "Wahllähmung" kommen. Heißt die Person vermeidet den entscheidenden ersten Schritt.
Manchmal erledigt das den Konflikt von alleine, weil irgendwann eins der möglichen Ziele wegbricht. Wenn aber nicht, oder beide circa gleichzeitig wegbrechen könnten, sollte etwas passieren. Die Person zur Entscheidung stubsen. Auch hier lassen sich gut Perspektivwechsel einbringen, sei es die Entscheidungsfolgen in der Zukunft ausmalen, oder auch den aktuellen Standort unattraktiver machen. Was ich hier nicht machen würde, wäre die Ziele anhand möglichlicher negativer Folgen zu evaluieren - das würde die Trägheit und den Entscheidungsunwillen eher noch verstärken. Stattdessen lieber die Nachteile des Standorts aufzeigen, wo sich die Person gerade befindet, damit sie gewillter ist, den ersten Schritt zu gehen - denn dann erledigt sich diese Art von Konflikt oft von allein.

Montag, 24. November 2014

Grenzen unserer Begriffe

Sprechen wir einmal über eine Idee Cattells zum Thema Intelligenz. Intelligenz als Fähigkeit zur Lösung von Problemen. Cattell hatte die Idee, dass es zwei unterschiedliche Arten von Intelligenzen gibt. Erstens eine fluide Intelligenz, zweitens eine kristallisierte Intelligenz.

Wenn unser Gehirn ein PC wäre, dann wäre die fluide Intelligenz die pure, reine potentielle Rechnerleistung. Takt, Arbeitsspeicher und co. Die maximale Leistung, die für beliebige Probleme eingesetzt werden kann. Am Anfang des (erwachsenen) Lebens sehr hoch, dann aber im Laufe der Jahre abnehmend.
Dem gegenüber die kristallisierte Intelligenz. Das sind so etwas wie Programme, die sich (aus Erfahrung) speziell für bestimmte Probleme entwickelt haben. Sie können nur für diese Probleme eingesetzt werden, in diesen Bereichen jedoch etwaige Schwierigkeiten im Bereich der Rechenleistung kompensieren, oder gar übertrumpfen. Schönes Beispiel dafür sind verschiedene Stellwerke, die immer noch mit 286er-Prozessoren (aus den frühen 80er-Jahren) laufen. Minimale Rechenleistung, aber speziell darauf abgestimmte Programme, die trotz antiker Technik noch heute gute Leistung bringen. Kristallisierte Intelligenz bezüglich bestimmter Lebensbereiche nimmt im Laufe des Lebens zu, steht jedoch für unbekannte Aufgaben nicht zur Verfügung.

Soweit klar?

Gut. Was habe ich gemacht? Zwei bildhafte Begriffe durch noch mehr Metaphern erklärt.

Dieses Beispiel war jetzt ziemlich doof, weil (denke ich) jeder Leser eine ungefähre Vorstellung von "klassischer" Intelligenz (bei Cattell fluide Intelligenz) und Erfahrung/Fertigkeiten (bei Cattell kristallisierte Intelligenz) hat. Allerdings steckt hier schon ein Zweck hinter. Manchmal gibt es Begriffe aus anderen Sprachen, für die wir kein Äquivalent haben. Dann kommt es oft zu blumigen Beschreibungen. Ebenso gibt es für manche Vorgänge im Geist keine wirklich passenden Begriffe.

Wir haben zum Beispiel den Begriff der Aufmerksamkeit. Es gibt jedoch Aufmerksamkeiten verschiedener Qualitäten. Dafür gibt es keine Begriffe. Es gibt Umschreibungen, aber diese können nur insofern wirklich etwas aussagen, wenn man die unterschiedlichen Qualitäten der Aufmerksamkeit erlebt hat. Hierfür sind überhaupt erst einmal Referenzerfahrungen nötig, damit wir mit den Begriffen etwas anfangen können.

Ohne diese Referenzerfahrungen nämlich bleiben die Begriffe, da sie (etwas) außerhalb unserer Grenzen liegen, schwammig, unklar. Ein Begriff, der nichts sagt, dann eine Umschreibung, die ebenso wenig etwas sagt. Ist wie ein Gehirn gezeigt zu bekommen mit dem Kommentar "und das da ist die Amygdala!", und man selbst sieht nur grauweiße Schwabbelmasse.

Mittwoch, 19. November 2014

Zwang, äußerer Druck vs. Motivation und innerer Druck

Ich wäre fast versucht gewesen zu schreiben, ich fände es putzig, wenn Leute durch Zwang bzw. Druck versuchen, andere zu motivieren. Leider ist das keine "putzige" Angelegenheit, sondern eine ziemlich problematische.

Aber von Anfang an. Sprechen wir einmal über Druck. Es gibt so einen inneren Druck. Ich bin sicher, so etwas kennst Du auch. Wenn Du Lust hast, etwas zu unternehmen. Das Wetter schön ist, du gut gelaunt bist, und einfach etwas machen willst. Vielleicht vorher schon vor Vorfreude ein wenig kribbelig bist. Du es kaum erwarten kannst, dass es endlich los geht!

Das ist letztendlich der Druck, der durch Motivation genutzt wird. Innerer Druck. In gewisser Weise emotionale Impulse. Dieser innere Druck kann auch völlig in die andere Richtung gehen. Stelle Dir einen langen Arbeitstag vor, an dem Du viel geschafft hast, aber danach auch völlig KO bist. Vielleicht vom vielen Herumlaufen die Beine schwer sind. Da wird ein ruhiger Abend gleich viel attraktiver. So oder so, das ist innerer Druck.

Tatsächlich ist eine der Grundsätze im Bereich sämtlicher Formen des Überzeugens nicht auf das gewünschte Verhalten zuarbeiten, sondern auf einen dafür nützlichen emotionalen Zustand. Denn der Rest kommt dann fast von allein.

Umgekehrt, und da schließt sich der Kreis, wird an vielen Stellen in der Gesellschaft mit Zwang und äußerem Druck gearbeitet. Fängt schon in der Schule an, und hört danach eigentlich nie mehr auf. Bloß was löst äußerer Druck aus?

Gegendruck. Reaktanz. Zwang macht häufig erst Zwang nötig. Ebenso Ressentiments. Selbst wenn Leute so zu etwas "motiviert" werden, was ihnen nützt, werden damit keine positiven Emotionen verbunden sein. Vor einiger Zeit schrieb ich ziemlich ausführlich über eine Gesetzmäßigkeit, die absolut zentral ist: Verhalten, das belohnt wird, wird häufiger gezeigt. Verhalten, das bestraft wird, wird seltener gezeigt. Zwang wirkt bestrafend.

Sicher nicht auf alle Menschen. Aber das ist ein Scheinargument. Auch Schläge wirken nicht auf alle bestrafend - Stichwort Masochismus. Dennoch sollte man nicht herumgehen und aus Prinzip Leute schlagen, um sie zu etwas zu "motivieren". Zwang wird meinen Beobachtunge nach von den meisten Menschen als unangenehm erlebt, erzeugt Reaktanz und Ressentiments. Ich glaube, in vielen Bereichen könnte Menschen viel besser und für alle Beteiligten angenehmer geholfen werden, wenn Zwang das letzte und nicht schon das erste Mittel zur Motivation wäre.

Samstag, 15. November 2014

Die Regeln der Gesellschaft

Woher wissen wir, wie unsere Gesellschaft funktioniert? Wer bestimmt, wie unsere Gesellschaft funktioniert? Was ist wahr, was ist nicht wahr?

Es gibt eine Parabel - ich weiß nicht, ob sie wahr ist. Sie handelt von Elefanten. Babyelefanten im Zirkus wurden im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert (angeblich) an dicken Holzpfählern angekettet. Sie rissen daran. Sie zerrten daran. Aber sie waren zu schwach. Der Pfahl bewegte sich nicht. Sie probierten es immer wieder. Bis sie es irgendwann lernten, durch Erschöpfung und Schmerz, dass sie den Pfahl nicht ausreißen konnten. Dass sie gefangen waren. Und nun nicht mehr gegen den Pfahl ankämpften.
Ein Glauben, den sie ihr Leben lang behielten. Auch als ausgewachsene Elefanten, bei dem sie die Pfähle mit Leichtigkeit ausreißen könnten, aber es nie taten, nie versuchten. Denn sie hatten die Regel gelernt, der Pfahl war stärker. Es sollen sogar bei Bränden angekettete Elefanten bei lebendigem Leib verbrannt sein, weil sie nicht einmal versuchten, zu entkommen. Solchen Respekt hatten sie vor dem Pfahl.

Ich weiß nicht, ob das stimmt. Bei einer anderen Tierart weiß ich von diesem Effekt. Bei vielen Insekten, wenn man sie in ein verschlossenes Glas steckt, und sie einige Zeit gegen den Deckel fliegen, geben sie es irgendwann auf. Dann kann man den Deckel abnehmen, und sie bleiben im Glas. Weil für sie mental ein Deckel existiert, der lange nicht mehr da ist.

Jetzt könnte ich auf ankonditionierte Phobien und ähnliche Dinge verweisen. Das wäre aber zu offensichtlich.

Wie nehmen wir die Regeln der Gesellschaft wahr? Manche werden uns vermittelt. Diese können stimmen, können aber auch falsch sein. Manche erschließen wir durch unsere Beobachtung. Auch diese können stimmen, können aber auch falsch sein. Falsche Glaubenssätze bezüglich wie die Welt funktioniert können überall zu großen Problemen führen.

Ein Glaubenssatz, gegen den ich in diesem Blog schon so ziemlich seit Anfang an anschreibe, ist die Überzeugung, es gäbe eine objektive Wahrheit. Wenn es eine zentrale Erkenntnis aus der Kognitionspsychologie gibt, dann, dass die Auswahl an Informationen und Vorabannahmen die Bewertung einer Situation bestimmen.

Konkretes Beispiel dafür: Hast du von dem 1,53€-Stundenlohn-Anwalt gehört, der kürzlich deshalb durch die Klage der Arbeitsagentur einen drüber bekommen hat? Ein Sieg gegen ausbeuterische Beschäftigungsverhältnisse und ein Zeichen dafür, dass gegen solche Machenschaften vorgegangen wird?
Komplettieren wir einmal das Bild um das, was die betroffene Angestellte und der Anwalt dazu sagt. Es gab keinen Stundenlohn, lediglich eine Anstellung als 100€-Kraft mit minimalen Arbeitsaufwand pro Tag. Worum die Angestellte selbst gebeten hat, um (ihre Worte) nicht mehr von Schikanen der Arbeitsgemeinschaft betroffen zu sein. Der Anwalt selbst hat aberhunderte erfolgreiche Verfahren für drangsalierte Betroffene gegen die Arbeitsgemeinschaften geführt. Tatsächlich hat dieselbe Arbeitsgemeinschaft dieselbe Angestellte zuvor an Unternehmen verwiesen, wo sie für dasselbe "Gehalt" ungleich mehr arbeiten musste. Diese Anstellung, so ausbeuterisch sie auch wirken musste, war für die Angestellte ein von ihr gewünschtes Schutzschild.
Interessant, wie solche zusätzlichen Informationen die Bewertung und die emotionale Reaktion einer konkreten Situation ändern können, hm?

Anderes aktuelles Beispiel, Dr. Matt Taylor. Einer der Wissenschaftler, die entscheidend zum Erfolg der Rosettamission beigetragen haben. Und der leider in ein riesiges Fettnäpfchen getreten ist - er dachte sich, "eine Freundin hat mir dieses Shirt für solche Gelegenheiten gekauft, und ich kann mal etwas gegen das Stereotyp des Raketenwissenschaftlers tun!", keine zwei Tage später musste er öffentlich zu Kreuze kriechen, weil das Shirt die Gefühle bestimmter Menschen verletzt hat. Als ich das Video sah, ahnte ich schon, dass das böse endet.

Manchmal hasse ich es, richtig zu liegen. Besonders, da dies einige weitere Regeln der Gesellschaft offenbahrt, in Bezug auch auf Realitätsbildung.

Freitag, 14. November 2014

Die Mondlandung unserer Zeit

Stell dir vor, du hättest ein Staubkorn. In gut hundert Kilometer Entfernung liegt ein Sandkorn. Zu weit weg für dein Staubkorn, um es je zu erreichen. Aber zwischen dir und dem Sandkorn liegen hier und da verstreut Erbsen. Irgendwann hast du mal etwas über Newton und Einstein gehört, dass alle Körper eine Anziehungskraft haben, und man diese Anziehungskraft nutzen kann, um kleineren Körpern einen Schwung zu verpassen. Man muss nur den richtigen Winkel treffen, damit sie von Erbse zu Erbse geschleudert werden, Zickzack, hin und her, da der direkte Weg unmöglich ist, aber so die Distanz überbrückt werden kann. Es muss nur alles klappen. Auf den Nanometer genau. Sonst stimmt der Winkel nicht, und das Staubkorn fällt entweder auf die Erbse, oder fliegt so davon, dass es die nächste Erbse nicht trifft.

Oh, und das Sandkorn am anderen Ende? Das bewegt sich auch noch!

Das ganze vergrößern wir dann mal und haben wir die Rosetta-Mission. 6 400 000 000 Kilometer unterwegs, Geschwindigkeiten vor der Landung von beinahe 50 000 km/h. 10 Jahre Flug. Signale von und zur Raumfähre brauchten am Ende 45 Minuten. Mal eben den Flug des Staubkorns spontan korrigieren? Nix da.

Und das Staubkorn traf. Das ist ziemlich fantastisch. Eine Meisterleistung. Durch die wir viel über die Entstehung des Sonnensystems lernen können - aber zugleich auch bereits viel über die Ansteuerung von Kometen gelernt haben. Auch wenn es hoffentlich nie der Fall sein wird, so etwas könnte in ferner Zukunft zur Abwehr von Asteroiden und co nützlich sein. In der Entfernung reicht ein kleiner Stoß, eine kleine Kursänderung, und sie flögen hunderte Meilen an der Erde vorbei, die sie sonst getroffen hätten.

Irgendwie muss ich da auch an unsere Leben denken. Rosetta fand ihr Ziel, so weit entfernt es auch gewesen sein mochte, durch den ursprünglichen Impuls und kleine Kurskorrekturen. Können wir nicht auch so sehr weit kommen?

Vielleicht. Ich muss zugeben, ich habe mir gestern abend einige Reaktionen auf die Mondlandung unserer Zeit angeschaut. Am lustigsten fand ich, wie sich über das Hemd eines der beteiligten Wissenschaftler aufgeregt wurde. Seufz.

Montag, 10. November 2014

(Meine) Probleme mit Visualisierungstechniken

Gerade im Selbsthilfebereich finden sich eine ganze Reihe von Visualisierungsübungen. Diese können durchaus großen Wert haben, allerdings kommt es meiner Beobachtung nach häufig zu fünf Problemen, die den möglichen Erfolg deutlich einschränken. Ich liste die Probleme einmal auf. Die meisten lassen sich selbständig umgehen, das allererste hingegen nur sehr bedingt.

1. Fremde Symbolik:
"Und nun, stelle Dir vor, die Wolken brechen auf, die Sonne kommt hervor und du fühlst Dich gleich viel glücklicher!"
... ich mag aber den Sturm (1, 2, 3) ...
Wie man an den obigen Links sieht, ist Regen bzw. Sturm ein für mich positiv besetztes Symbol. Meine symbolische Realität passt also nicht zur Suggestion und wird daher sehr wahrscheinlich abgeschmettert. Das ist das größere Problem, was auftreten kann.
Das kleinere, aber viel häufigere Problem ist, dass etwas für einen selbst keine besondere Bedeutung hat. Die symbolische Welt ist sehr individuell, und oft sind besonders mächtige und hilfreiche Symboliken nicht gerade alltäglich. Ein aktuelles Beispiel, das ich erlebt habe, da war ein sehr mächtiges Symbol für eine bestimmte Person ein Haltegriff wie man ihn aus Bussen kennt mitten im Regenwald über einen Fluss. Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwer durch Zufall so ein Symbol trifft ist, ich sage mal, gering. Daher lassen sich durch Visualisierungen, und auch durch Symbolifizierungen innerhalb derer, durchaus oberflächliche Effekte wie z.B. Stimmungsaufhellung oder Entspannung erreichen, ein Großteil unbewusster Dynamiken jedoch bleibt einen durch vorgefertigte Symbolik entschlossen. Erst durch sehr viel Übung können vorgefertigte Symbole mit eigenen Symbolen verbunden werden. (Irgendwie muss ich gerade auch an den Beitrag denken, bei dem Symbole mit Desktopverknüpfungen verglichen wurden - das Gefühl, was bei mir das Symbol "Sturm" auslöst, müsste erst einmal mit einem weiteren, fremden Symbol assoziiert werden. Das dauert.)

2. Fehlende Stabilität:
Wenn die visualisierten Inhalte nicht real genug wirken, ist die Lösung oftmals "mehr davon!". Hat etwas von Anstrengung, Frustration. Die Stabilität von Visualisierungen lässt sich jedoch durch drei einfache Kniffe erhöhen, von denen nur eines bei den meisten vorgefertigten Visualisierungen enthalten ist. Erstens geschlossene Augen, zweitens die visualisierte Situation sprachlich selbst beschreiben, drittens mit Körperbewegungen bzw. Gesten jene Versprachlichung unterstützen.

3. Keine Aktivierung der Problemsituation:
Für allgemeine Ziele wie zum Beispiel Entspannung oder Wohlbefinden absolut unnötig. Soll hingegen zum Beispiel eine Visualisierung gegen Redeängstlichkeit helfen, und es wird nicht am Anfang zumindest eine Winzigkeit des Stressgefühls eingestreut, wird jedwede erzeugte Ressource freischwebend sein und nur sehr bedingt in der kritischen Situation zur Verfügung stehen.

4. Fokussierung auf bildliche Vorstellungen:
Die sind einfach, braucht man aber nicht. Ob jemand Bilder sieht oder nicht, ist völlig egal. Ist eine sprachliche Beschreibung möglich (siehe Punkt 2)? Darauf kommt es an. Egal, ob da Bilder und falls ja, wie detaillierte Bilder damit einhergehen.

5. Fehlende Achtsamkeit:
Ich meine das absolut wörtlich. Wörtlicher, als es wahrscheinlich erscheint. Sehr wahrscheinlich erscheint. Visualisierungen führen durchaus zu Veränderungen im Gehirn. Sie aber alleine zu betreiben ist wie nur die Arme zu trainieren und dann zu erwarten, davon bei Tätigkeiten zu profitieren, bei denen Arme und Beine gleichermaßen belastet werden. Die Komplementärübung zu jedweder Visualisierung ist Achtsamkeit. Achtsamkeit ist unspezifisch, in den Veränderungen langsam, aber eine wichtige Grundlage, auf der andere Fertigkeiten erst gedeihen können. Hiermit meine ich nicht einmal die klassische Achtsamkeitsmeditation - ein paar Momente bewusster Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper und den eigenen Geist und die Umwelt jeden Tag, sei es nur während einer Werbepause oder des Arbeitsweges, werden bereits einen positiven Einfluss haben. Visualisierung ohne Achtsamkeit ist wie ein Haus ohne Fundament.

Sonntag, 9. November 2014

Situationsanalyse III: Advertisement Desensitisation Syndrome

Seit Jahren fuhr ich an einer Ecke vorbei, wo sich ein Geschäft für Kleidungswaren befand. Die meiste Zeit hindurch (seit irgendwann ca. 2011) stand dort ständig etwas von "Räumungsverkauf", "Schließungsverkauf", "alles muss raus!" und vieles mehr dran. Seit letztem Jahr garniert mit "jetzt wirklich!" und "sogar das Inventar muss raus!"

Ich war einigermaßen erstaunt, als ich das Geschäft (ich selbst habe es nie betreten) Anfang November doch geschlossen vorfand. Montag macht wohl ein Laden für ein völlig anderes Produkt auf. Die Werbung hängt bereits an den Fenstern - "Eröffnungsrabatt! Nur für kurze Zeit!"

Irgendwie muss ich da an Leute denken, die sich das Kochen selbst beibringen. Stell dir vor, du kochst dein erster Gericht, ganz ohne Salz. Schmeckt ein wenig fad. Dann probierst du es mit einer Messerspitze Salz aus, und es schmeckt gleich viel besser!

... also kippst du, denn viel hilft viel, direkt die ganze Salzpackung in die Suppe.

Was kann schon schief gehen?

Manipulation, wie hier der Verweis auf Knappheit, Mangel bzw. zeitliche Begrenztheit, funktioniert in Maßen, nicht in Massen. Die Leute stumpfen ab. Selbst Leute, die ich als sehr leichtgläubig erlebt habe, werden gegenüber der allgegenwärtigen Informationsschlacht immer zynischer. Seien es Werbebotschaften, sei es einseitige Berichterstattung.

Was beide Läden versuchen, und was eine allgegenwärtige Taktik ist, ist die Attraktivität ihrer Produkte dadurch zu erhöhen, indem sie als knapp beschrieben werden. "Nur für kurze Zeit!", "Räumungsverkauf!", nun, man kann das auch anders nutzen. Ein typischer Spruch, den ich nutze, wenn ich mit Behörden zu tun bekomme, ist "Guten Tag. Ich habe leider nur wenig Zeit, und man hat mir gesagt, Sie können mir helfen. Ich bin ...", was im doppelten Sinne einen Vorabrahmen setzt (einerseits ich werde denen nicht ewig Zeit wegnehmen, was deren Schilde senkt. Andererseits Druck in dem Sinne, dass ich direkt eine Mauer gegen Verantwortungsdiffusion aufbaue). Auch so lässt sich Knappheit nutzen.

Nutzt man jedoch solche kleinen Tricksereien ständig, verlieren sie ihre Wirkung. Sie werden zu hohlen Floskeln. Wer glaubt heute noch irgendwem, der ihm etwas verkaufen will? Hände hoch!

Keine? Dachte ich mir.

Freitag, 7. November 2014

Froschspinnenauto

Gestern war ein interessanter Tag. Auf dem Heimweg nach der Arbeit sah ich eine gar garstige motorisierte Kreatur. Sie sah aus wie ein mehrfaches Verbrechen gegen die Natur.

Stell dir vor, jemand kreuzt gentechnisch einen Frosch mit einer Spinne. Dem entstandenen Geschöpf hackt dann jemand die vier bis acht Beine ab, und ersetzt sie durch vier Räder. Vor Schreck über die entstandene Monstrosität lässt dann jemand ein sehr, sehr schweres Buch darauf fallen und macht sie platt, wirft sie in den Müll.

... wo sie dann ein Jugendlicher findet, und die Leiche zum Spaß mit einem Strohhalm aufbläst, bis sie fast platzt.
Ich weiß nicht, wie diese Kreatur heißt, ich weiß nur, ich habe noch nie so ein seltsames Auto gesehen. Da fragst du dich, wer für diese Kreation verantwortlich ist - und was er genommen hat.

Später am Abend dann ein Gespräch mit einem Bekannten, der sich ein neues Auto zulegen wollte. Dort zwischen zwei Anbietern schwankte. Der eine bietet kostenlos eine siebenjährige Garantie an. Der andere, ein "Premiumhersteller", hingegen verlangt für eine dreijährige Garantieverlängerung über die gesetzliche Mindestgarantie heraus einen hohen vierstelligen Eurobetrag. Da hörte ich eine gar makellose Rationalisierung - err, ich meine Logik: "Der Hersteller mit der Garantie glaubt nicht an sein Auto und muss die anbieten, um es überhaupt an den Mann zu bringen!"
Weshalb wird man dann doch um Rat gefragt? Da fragst du nach, und hörst, da ist doch die kleine Sorge, dass trotz der unbestreitbaren Qualität des "Premiumherstellers", die so gut ist, dass dafür nicht einmal eine Garantie gegeben werden muss, die Sorge besteht, etwas könne kaputt gehen. Und dann ein Batzen Geld dafür ausgegeben werden.
Hingegen beim anderen Auto die Sorge besteht, dass etwas kaputt geht, weil 'ja sonst keine Garantie gegeben würde'. Hmm.

"Sag mal, du magst doch Frösche..."

Sonntag, 2. November 2014

"Die Vielfalt der Psychologie"

"Die Vielfalt der Psychologie" war das diesjährige Motto des DGPs-Kongresses. War eine sehr interessante Veranstaltung. Der Titel des Kongresses hat mich jedoch nachdenklich gemacht. Was ich immer wieder beobachtete, ist, dass quasi jeder innerhalb der Psychologie irgendeinen anderen Teilbereich der Psychologie hat, den derjenige nicht für voll nimmt. Ich mag mich da gar nicht von ausnehmen - ich habe eine kleine Abneigung der differentiellen Psychologie gegenüber, weil meinem Verständnis nach die dort vergebenen "Labels" (z.B. NEO-Profile und co) viel zu starr sind. Über Jahre habe ich mit jemanden zusammengearbeitet, der mit Sozialpsychologie nichts anfangen konnte (während ich die Sozialpsychologie für sehr interessant halte). Die kleinen Querelen zwischen VT- und TP-orientierten klinischen Psychologen sind auch hinlänglich bekannt. Genauso gibt es einen Graben zwischen Forschern und Praktikern. In der Forschung lässt sich sehr viel Subtilität nicht abbilden, da müssen teilweise Hämmer herausgeholt werden, die in der Praxis so keine Anwendung fänden. Umgekehrt sind manche Dinge aus der Praxis (zum Beispiel bestimmte Gesprächsführungstechniken) viel mehr "Kunst" und nicht "Wissenschaft".

Dann kommt hinzu, dass sich viele Psychologen selbst "Labels" entsprechend ihrer Tätigkeitsbereichs geben. Was wäre ich da? Ich habe einen ziemlich großen Hintergrund in der klinischen Psychologie, arbeitete zuletzt und promoviere in der allgemeinen Psychologie, arbeite seit Samstag offiziell aber wieder in einem anderen Teilbereich.

Im Studium nervte mich die Eigenbrötlerei der Teildisziplinen. Da wurden zum Beispiel in der allgemeinen Psychologie, in der differentiellen Psychologie, der Sozialpsychologie und in der Entwicklungspsychologie mit unterschiedlichen Begriffen dieselben Effekte beschrieben, aber für die Lehrenden waren die anderen Fächer so etwas wie verbotenes Land. Inzwischen ist die Psychologie viel zu groß, um einen Überblick über alle Disziplinen zu behalten, samt ihren Entwicklungen. Dennoch denke ich manchmal, es wäre sinnvoll, statt die Aufsplitterung zu feiern, Brücken zwischen den Disziplinen zu bauen. Dadurch kann das Bild des menschlichen Erlebens, Denkens und Handelns nur vollständiger werden.

Die Psychologie ist ein sehr vielfältiges Fach geworden, und jede Facette ist wichtig, leistet ihren Beitrag. Selbst wenn sie für uns nicht so relevant oder interessant scheinen. Manchmal habe ich das Gefühl, tatsächlich könnten wir am meisten von den Facetten profitieren, unser Verständnis erweitern, wenn wir uns genau mit jenen Bereichen beschäftigen, die uns auf den ersten Blick als nicht interessant erscheinen.