Samstag, 15. November 2014

Die Regeln der Gesellschaft

Woher wissen wir, wie unsere Gesellschaft funktioniert? Wer bestimmt, wie unsere Gesellschaft funktioniert? Was ist wahr, was ist nicht wahr?

Es gibt eine Parabel - ich weiß nicht, ob sie wahr ist. Sie handelt von Elefanten. Babyelefanten im Zirkus wurden im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert (angeblich) an dicken Holzpfählern angekettet. Sie rissen daran. Sie zerrten daran. Aber sie waren zu schwach. Der Pfahl bewegte sich nicht. Sie probierten es immer wieder. Bis sie es irgendwann lernten, durch Erschöpfung und Schmerz, dass sie den Pfahl nicht ausreißen konnten. Dass sie gefangen waren. Und nun nicht mehr gegen den Pfahl ankämpften.
Ein Glauben, den sie ihr Leben lang behielten. Auch als ausgewachsene Elefanten, bei dem sie die Pfähle mit Leichtigkeit ausreißen könnten, aber es nie taten, nie versuchten. Denn sie hatten die Regel gelernt, der Pfahl war stärker. Es sollen sogar bei Bränden angekettete Elefanten bei lebendigem Leib verbrannt sein, weil sie nicht einmal versuchten, zu entkommen. Solchen Respekt hatten sie vor dem Pfahl.

Ich weiß nicht, ob das stimmt. Bei einer anderen Tierart weiß ich von diesem Effekt. Bei vielen Insekten, wenn man sie in ein verschlossenes Glas steckt, und sie einige Zeit gegen den Deckel fliegen, geben sie es irgendwann auf. Dann kann man den Deckel abnehmen, und sie bleiben im Glas. Weil für sie mental ein Deckel existiert, der lange nicht mehr da ist.

Jetzt könnte ich auf ankonditionierte Phobien und ähnliche Dinge verweisen. Das wäre aber zu offensichtlich.

Wie nehmen wir die Regeln der Gesellschaft wahr? Manche werden uns vermittelt. Diese können stimmen, können aber auch falsch sein. Manche erschließen wir durch unsere Beobachtung. Auch diese können stimmen, können aber auch falsch sein. Falsche Glaubenssätze bezüglich wie die Welt funktioniert können überall zu großen Problemen führen.

Ein Glaubenssatz, gegen den ich in diesem Blog schon so ziemlich seit Anfang an anschreibe, ist die Überzeugung, es gäbe eine objektive Wahrheit. Wenn es eine zentrale Erkenntnis aus der Kognitionspsychologie gibt, dann, dass die Auswahl an Informationen und Vorabannahmen die Bewertung einer Situation bestimmen.

Konkretes Beispiel dafür: Hast du von dem 1,53€-Stundenlohn-Anwalt gehört, der kürzlich deshalb durch die Klage der Arbeitsagentur einen drüber bekommen hat? Ein Sieg gegen ausbeuterische Beschäftigungsverhältnisse und ein Zeichen dafür, dass gegen solche Machenschaften vorgegangen wird?
Komplettieren wir einmal das Bild um das, was die betroffene Angestellte und der Anwalt dazu sagt. Es gab keinen Stundenlohn, lediglich eine Anstellung als 100€-Kraft mit minimalen Arbeitsaufwand pro Tag. Worum die Angestellte selbst gebeten hat, um (ihre Worte) nicht mehr von Schikanen der Arbeitsgemeinschaft betroffen zu sein. Der Anwalt selbst hat aberhunderte erfolgreiche Verfahren für drangsalierte Betroffene gegen die Arbeitsgemeinschaften geführt. Tatsächlich hat dieselbe Arbeitsgemeinschaft dieselbe Angestellte zuvor an Unternehmen verwiesen, wo sie für dasselbe "Gehalt" ungleich mehr arbeiten musste. Diese Anstellung, so ausbeuterisch sie auch wirken musste, war für die Angestellte ein von ihr gewünschtes Schutzschild.
Interessant, wie solche zusätzlichen Informationen die Bewertung und die emotionale Reaktion einer konkreten Situation ändern können, hm?

Anderes aktuelles Beispiel, Dr. Matt Taylor. Einer der Wissenschaftler, die entscheidend zum Erfolg der Rosettamission beigetragen haben. Und der leider in ein riesiges Fettnäpfchen getreten ist - er dachte sich, "eine Freundin hat mir dieses Shirt für solche Gelegenheiten gekauft, und ich kann mal etwas gegen das Stereotyp des Raketenwissenschaftlers tun!", keine zwei Tage später musste er öffentlich zu Kreuze kriechen, weil das Shirt die Gefühle bestimmter Menschen verletzt hat. Als ich das Video sah, ahnte ich schon, dass das böse endet.

Manchmal hasse ich es, richtig zu liegen. Besonders, da dies einige weitere Regeln der Gesellschaft offenbahrt, in Bezug auch auf Realitätsbildung.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen