Sonntag, 2. November 2014

"Die Vielfalt der Psychologie"

"Die Vielfalt der Psychologie" war das diesjährige Motto des DGPs-Kongresses. War eine sehr interessante Veranstaltung. Der Titel des Kongresses hat mich jedoch nachdenklich gemacht. Was ich immer wieder beobachtete, ist, dass quasi jeder innerhalb der Psychologie irgendeinen anderen Teilbereich der Psychologie hat, den derjenige nicht für voll nimmt. Ich mag mich da gar nicht von ausnehmen - ich habe eine kleine Abneigung der differentiellen Psychologie gegenüber, weil meinem Verständnis nach die dort vergebenen "Labels" (z.B. NEO-Profile und co) viel zu starr sind. Über Jahre habe ich mit jemanden zusammengearbeitet, der mit Sozialpsychologie nichts anfangen konnte (während ich die Sozialpsychologie für sehr interessant halte). Die kleinen Querelen zwischen VT- und TP-orientierten klinischen Psychologen sind auch hinlänglich bekannt. Genauso gibt es einen Graben zwischen Forschern und Praktikern. In der Forschung lässt sich sehr viel Subtilität nicht abbilden, da müssen teilweise Hämmer herausgeholt werden, die in der Praxis so keine Anwendung fänden. Umgekehrt sind manche Dinge aus der Praxis (zum Beispiel bestimmte Gesprächsführungstechniken) viel mehr "Kunst" und nicht "Wissenschaft".

Dann kommt hinzu, dass sich viele Psychologen selbst "Labels" entsprechend ihrer Tätigkeitsbereichs geben. Was wäre ich da? Ich habe einen ziemlich großen Hintergrund in der klinischen Psychologie, arbeitete zuletzt und promoviere in der allgemeinen Psychologie, arbeite seit Samstag offiziell aber wieder in einem anderen Teilbereich.

Im Studium nervte mich die Eigenbrötlerei der Teildisziplinen. Da wurden zum Beispiel in der allgemeinen Psychologie, in der differentiellen Psychologie, der Sozialpsychologie und in der Entwicklungspsychologie mit unterschiedlichen Begriffen dieselben Effekte beschrieben, aber für die Lehrenden waren die anderen Fächer so etwas wie verbotenes Land. Inzwischen ist die Psychologie viel zu groß, um einen Überblick über alle Disziplinen zu behalten, samt ihren Entwicklungen. Dennoch denke ich manchmal, es wäre sinnvoll, statt die Aufsplitterung zu feiern, Brücken zwischen den Disziplinen zu bauen. Dadurch kann das Bild des menschlichen Erlebens, Denkens und Handelns nur vollständiger werden.

Die Psychologie ist ein sehr vielfältiges Fach geworden, und jede Facette ist wichtig, leistet ihren Beitrag. Selbst wenn sie für uns nicht so relevant oder interessant scheinen. Manchmal habe ich das Gefühl, tatsächlich könnten wir am meisten von den Facetten profitieren, unser Verständnis erweitern, wenn wir uns genau mit jenen Bereichen beschäftigen, die uns auf den ersten Blick als nicht interessant erscheinen.

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