Samstag, 29. November 2014

Lewins Konflikte

Lewin formulierte vor vielen, vielen Jahrzehnten seine Feldtheorie. Zentrale Idee darin ist, dass gezeigtes Verhalten eine Funktion von Person und Umwelt ist. Hier brachte er eine Idee ins Spiel, nämlich die so genannte Valenz.

Mit Valenz ist der aktuelle subjektive Wert eines Objekts oder einer Begebenheit gemeint. Beispielsweise habe ich hier neben mir eine halb aufgebrauchte Mineralwasserflasche stehen. Würdest du die für 100€ kaufen wollen?

Nein?

Was wäre, wenn du dich gerade seit Tagen durch die Wüste schleppst, kurz vorm Verdursten wärst. Würdest du dann die 100€ für die aufgebrauchte Mineralwasserflasche ausgeben?

Es ist eine wirklich grundlegende und auch einfache Idee. Die da sagt, Gegenstände, genauso wie Begebenheiten oder Tätigkeiten haben keinen objektiven Wert, sondern einen subjektiven - der abhängt von den Bedürfnissen und Eigenschaften der Person. Drei Leute können an einem Bücherladen vorbei gehen, der eine denkt "hey, toll!" (Bücher haben eine positive Valenz), der eine bemerkt den Laden nicht einmal (Bücher haben keine Valenz) und der dritte denkt "iehh, Bücher!" und wechselt die Straßenseite (Bücher haben eine negative Valenz).

Jetzt kommt aber noch eine Beobachtung von Lewin hinzu. Die Valenz ist distanzabhängig. Sowohl bezogen auf räumliche als auch auf zeitliche Distanz. Je näher etwas ist, desto stärker wird sie. Heißt wenn wir uns etwas wünschen, und es direkt vor uns ist, ist das Verlangen danach größer als wenn es weit entfernt ist. Dies gilt ebenso für negative Valenzen, hier wird die Abneigung immer größer, je näher das Objekt kommt (beispielsweise sind Spinnenphobiker in Europa die dicken Riesenspinnen im südamerikanischen Urwald ziemlich egal, außer ihnen läuft so eine ausgebüchste Vogelspinne doch mal übern Weg).

Die Idee der Valenz ist erstens für den Bereich der Motivation wichtig. Wie in meiner Reihe über Motiverkennung geschrieben bringt es nichts, wenn man jemanden mit etwas zu motivieren versucht, was für denjenigen keine Bedeutung hat. Lewin würde sagen, das hat keine Valenz. Andererseits ergibt sich aus dem Näheaspekt Zündstoff für verschiedene Konflikte. Denn Lewin beobachtete auch, dass die Valenz nicht gleichmäßig beginnt und steigt. Generell beginnt positive Valenz früher zu steigen, steigt jedoch auch flacher, als negative Valenz.

Nun kann es zu einer Reihe von Konflikten kommen, wenn sich eine Person in einem unguten Valenzfeld befindet.

Das berühmteste Beispiel dafür ist der Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt. Der entsteht, wenn am selben Ort sowohl positive als auch negative Valenzen liegen. Lewin brachte hier als Beispiel Kinder, deren Spielzeug im Wasser schwimmen, die aber Angst vorm Wasser hatten. Sie liefen dann zum See (positive Valenz stärker, da früher einsetzend), bekamen aber nasse Füße (negative Valenz stärker, da steiler ansteigend), wichen zurück, liefen dann wieder vor, wichen wieder zurück... und tänzelten so um den Punkt, wo sich die Valenzen schnitten.
Annäherungs-Vermeidungs-Konflikte lösen sich mit der Zeit von alleine, weil entweder die negative Valenz nachlässt (sich im Beispiel die Kinder an das Wasser gewöhnen), oder weil die positive Valenz nachlässt (im Beispiel das Spielzeug nicht mehr interessant genug wird).

Aus der Feldtheorie lassen sich jedoch noch zwei weitere Konflikte ableiten, die es mehr in sich haben.

Da wäre der Vermeidungs-Vermeidungs-Konflikt. Dies tritt auf, wenn zwischen zwei (oder mehr) Übeln gewählt werden muss, die sich nicht am selben Ort befinden. Die sprichwörtliche Wahl zwischen Pest und Cholera. Die gefährliche Dynamik ist hier, dass selbst wenn sich für ein Übel entschieden worden ist, durch die wachsende Nähe dazu dieses Übel anfängt schlimmer zu wirken, hingegen das andere nicht gewählte Übel weniger schlimm. Das kann dazu führen, dass eine Person immer wieder zwischen den Annäherungen hin und her schwankt.
Idealerweise lassen sich Vermeidungs-Vermeidungs-Konflikte dadurch lösen, indem weitere Möglichkeiten gefunden werden, sodass beide Übel vermieden werden können. Ist dies nicht möglich, kann man mit Rahmenänderungen arbeiten - beispielsweise die Perspektive stark in die Zukunft orientieren, den Prozess nominalisieren (also "fester" machen, als er eigentlich ist - statt also von einem fortwährenden Entscheiden die ganze Sache zu einer einmaligen Entscheidung umdefinieren), oder (mein Favorit) die Vorteile, die Silberstreifen am Horizont, der einzelnen Übel herausarbeiten und vergleichen. Hier können sich oft Unterschiede zeigen.

Dann wäre da der Annäherungs-Annäherungs-Konflikt. Dies tritt auf, wenn zwischen zwei (oder mehr) guten Dingen gewählt werden muss, die sich an unterschiedlichen Orten befinden. Viele Wahlsituationen, in denen man etwas will und wirklich die Wahl hat, fallen hier herein. Der Annäherungs-Annäherungs-Konflikt tritt wirklich nur dann auf, wenn die Wahlmöglichkeiten beide gut sind, dies jedoch auf unterschiedliche Art und Weise. Sobald einmal eine Wahl getroffen ist, hat sich dieser Konflikt in aller Regel erledigt, weil die positive Valenz des gewählten Ziels zunimmt und die des nicht gewählten Ziels abnimmt. Dumm nur, in solchen Situationen nun kann es zu einer Art "Wahllähmung" kommen. Heißt die Person vermeidet den entscheidenden ersten Schritt.
Manchmal erledigt das den Konflikt von alleine, weil irgendwann eins der möglichen Ziele wegbricht. Wenn aber nicht, oder beide circa gleichzeitig wegbrechen könnten, sollte etwas passieren. Die Person zur Entscheidung stubsen. Auch hier lassen sich gut Perspektivwechsel einbringen, sei es die Entscheidungsfolgen in der Zukunft ausmalen, oder auch den aktuellen Standort unattraktiver machen. Was ich hier nicht machen würde, wäre die Ziele anhand möglichlicher negativer Folgen zu evaluieren - das würde die Trägheit und den Entscheidungsunwillen eher noch verstärken. Stattdessen lieber die Nachteile des Standorts aufzeigen, wo sich die Person gerade befindet, damit sie gewillter ist, den ersten Schritt zu gehen - denn dann erledigt sich diese Art von Konflikt oft von allein.

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