Montag, 10. November 2014

(Meine) Probleme mit Visualisierungstechniken

Gerade im Selbsthilfebereich finden sich eine ganze Reihe von Visualisierungsübungen. Diese können durchaus großen Wert haben, allerdings kommt es meiner Beobachtung nach häufig zu fünf Problemen, die den möglichen Erfolg deutlich einschränken. Ich liste die Probleme einmal auf. Die meisten lassen sich selbständig umgehen, das allererste hingegen nur sehr bedingt.

1. Fremde Symbolik:
"Und nun, stelle Dir vor, die Wolken brechen auf, die Sonne kommt hervor und du fühlst Dich gleich viel glücklicher!"
... ich mag aber den Sturm (1, 2, 3) ...
Wie man an den obigen Links sieht, ist Regen bzw. Sturm ein für mich positiv besetztes Symbol. Meine symbolische Realität passt also nicht zur Suggestion und wird daher sehr wahrscheinlich abgeschmettert. Das ist das größere Problem, was auftreten kann.
Das kleinere, aber viel häufigere Problem ist, dass etwas für einen selbst keine besondere Bedeutung hat. Die symbolische Welt ist sehr individuell, und oft sind besonders mächtige und hilfreiche Symboliken nicht gerade alltäglich. Ein aktuelles Beispiel, das ich erlebt habe, da war ein sehr mächtiges Symbol für eine bestimmte Person ein Haltegriff wie man ihn aus Bussen kennt mitten im Regenwald über einen Fluss. Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwer durch Zufall so ein Symbol trifft ist, ich sage mal, gering. Daher lassen sich durch Visualisierungen, und auch durch Symbolifizierungen innerhalb derer, durchaus oberflächliche Effekte wie z.B. Stimmungsaufhellung oder Entspannung erreichen, ein Großteil unbewusster Dynamiken jedoch bleibt einen durch vorgefertigte Symbolik entschlossen. Erst durch sehr viel Übung können vorgefertigte Symbole mit eigenen Symbolen verbunden werden. (Irgendwie muss ich gerade auch an den Beitrag denken, bei dem Symbole mit Desktopverknüpfungen verglichen wurden - das Gefühl, was bei mir das Symbol "Sturm" auslöst, müsste erst einmal mit einem weiteren, fremden Symbol assoziiert werden. Das dauert.)

2. Fehlende Stabilität:
Wenn die visualisierten Inhalte nicht real genug wirken, ist die Lösung oftmals "mehr davon!". Hat etwas von Anstrengung, Frustration. Die Stabilität von Visualisierungen lässt sich jedoch durch drei einfache Kniffe erhöhen, von denen nur eines bei den meisten vorgefertigten Visualisierungen enthalten ist. Erstens geschlossene Augen, zweitens die visualisierte Situation sprachlich selbst beschreiben, drittens mit Körperbewegungen bzw. Gesten jene Versprachlichung unterstützen.

3. Keine Aktivierung der Problemsituation:
Für allgemeine Ziele wie zum Beispiel Entspannung oder Wohlbefinden absolut unnötig. Soll hingegen zum Beispiel eine Visualisierung gegen Redeängstlichkeit helfen, und es wird nicht am Anfang zumindest eine Winzigkeit des Stressgefühls eingestreut, wird jedwede erzeugte Ressource freischwebend sein und nur sehr bedingt in der kritischen Situation zur Verfügung stehen.

4. Fokussierung auf bildliche Vorstellungen:
Die sind einfach, braucht man aber nicht. Ob jemand Bilder sieht oder nicht, ist völlig egal. Ist eine sprachliche Beschreibung möglich (siehe Punkt 2)? Darauf kommt es an. Egal, ob da Bilder und falls ja, wie detaillierte Bilder damit einhergehen.

5. Fehlende Achtsamkeit:
Ich meine das absolut wörtlich. Wörtlicher, als es wahrscheinlich erscheint. Sehr wahrscheinlich erscheint. Visualisierungen führen durchaus zu Veränderungen im Gehirn. Sie aber alleine zu betreiben ist wie nur die Arme zu trainieren und dann zu erwarten, davon bei Tätigkeiten zu profitieren, bei denen Arme und Beine gleichermaßen belastet werden. Die Komplementärübung zu jedweder Visualisierung ist Achtsamkeit. Achtsamkeit ist unspezifisch, in den Veränderungen langsam, aber eine wichtige Grundlage, auf der andere Fertigkeiten erst gedeihen können. Hiermit meine ich nicht einmal die klassische Achtsamkeitsmeditation - ein paar Momente bewusster Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper und den eigenen Geist und die Umwelt jeden Tag, sei es nur während einer Werbepause oder des Arbeitsweges, werden bereits einen positiven Einfluss haben. Visualisierung ohne Achtsamkeit ist wie ein Haus ohne Fundament.

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