Sonntag, 9. November 2014

Situationsanalyse III: Advertisement Desensitisation Syndrome

Seit Jahren fuhr ich an einer Ecke vorbei, wo sich ein Geschäft für Kleidungswaren befand. Die meiste Zeit hindurch (seit irgendwann ca. 2011) stand dort ständig etwas von "Räumungsverkauf", "Schließungsverkauf", "alles muss raus!" und vieles mehr dran. Seit letztem Jahr garniert mit "jetzt wirklich!" und "sogar das Inventar muss raus!"

Ich war einigermaßen erstaunt, als ich das Geschäft (ich selbst habe es nie betreten) Anfang November doch geschlossen vorfand. Montag macht wohl ein Laden für ein völlig anderes Produkt auf. Die Werbung hängt bereits an den Fenstern - "Eröffnungsrabatt! Nur für kurze Zeit!"

Irgendwie muss ich da an Leute denken, die sich das Kochen selbst beibringen. Stell dir vor, du kochst dein erster Gericht, ganz ohne Salz. Schmeckt ein wenig fad. Dann probierst du es mit einer Messerspitze Salz aus, und es schmeckt gleich viel besser!

... also kippst du, denn viel hilft viel, direkt die ganze Salzpackung in die Suppe.

Was kann schon schief gehen?

Manipulation, wie hier der Verweis auf Knappheit, Mangel bzw. zeitliche Begrenztheit, funktioniert in Maßen, nicht in Massen. Die Leute stumpfen ab. Selbst Leute, die ich als sehr leichtgläubig erlebt habe, werden gegenüber der allgegenwärtigen Informationsschlacht immer zynischer. Seien es Werbebotschaften, sei es einseitige Berichterstattung.

Was beide Läden versuchen, und was eine allgegenwärtige Taktik ist, ist die Attraktivität ihrer Produkte dadurch zu erhöhen, indem sie als knapp beschrieben werden. "Nur für kurze Zeit!", "Räumungsverkauf!", nun, man kann das auch anders nutzen. Ein typischer Spruch, den ich nutze, wenn ich mit Behörden zu tun bekomme, ist "Guten Tag. Ich habe leider nur wenig Zeit, und man hat mir gesagt, Sie können mir helfen. Ich bin ...", was im doppelten Sinne einen Vorabrahmen setzt (einerseits ich werde denen nicht ewig Zeit wegnehmen, was deren Schilde senkt. Andererseits Druck in dem Sinne, dass ich direkt eine Mauer gegen Verantwortungsdiffusion aufbaue). Auch so lässt sich Knappheit nutzen.

Nutzt man jedoch solche kleinen Tricksereien ständig, verlieren sie ihre Wirkung. Sie werden zu hohlen Floskeln. Wer glaubt heute noch irgendwem, der ihm etwas verkaufen will? Hände hoch!

Keine? Dachte ich mir.

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