Dienstag, 30. Dezember 2014

Anfallende Stichproben

Ich habe mal in der Störungsstelle eines großen Kabelfernsehanbieters gearbeitet. Eines Tages hat jemand angerufen, der in das Gebiet dieses Kabelfernsehanbieters gezogen ist und dann wissen wollte, wie so die technische Zuverlässigkeit aussah. Was sollte ich darauf antworten? Meine Worte lauteten ganz ungefähr "ich höre jeden Tag von Problemen, aber das ist meine Aufgabe hier. Störungsstelle."

Im Bereich der Forschung nennt man dieses Problem "anfallende Stichproben". Das tritt auf, wenn die Menschen, die an irgendeiner Erhebung teilnehmen, sich systematisch von der Grundgesamtheit unterscheiden. Außerhalb der Forschung aber trägt dieses Phänomen sehr stark dazu bei, wie wir die Welt wahrnehmen. Berufe spielen dabei eine große Rolle, da bei vielen Stellen eine gewisse Selektion vorliegt. Man denke hier an Ärzte, Polizisten, und sehr viel mehr. Selbst innerhalb einer Berufsgruppe können anfallende Stichproben zu großen Unterschieden führen. Ein Bekannter von mir arbeitet viel mit traumatisierten Personen aus Krisenregionen, ein anderer hingegen viel mit Personen mit Angststörungen. Letzterer ist viel konstruktivistischer eingestellt als der andere.

Auch in anderen Bereichen schlägt dies zu. So neigen die meisten Menschen dazu, sich mit anderen Menschen zu umgeben, die ähnliche Einstellungen haben. Folge, die eigenen Einstellungen werden für verbreiteter gehalten, als sie es möglicherweise sind.

Sprechen wir einmal kurz über ein damit verwandtes Phänomen, genannt "Verfügbarkeitsheuristik". Das besagt, dass abhängig davon, wie schnell uns eine Information in den Sinn kommt bzw. gefunden werden kann, deren Wichtigkeit beziehungsweise Richtigkeit bewertet wird. Im Endeffekt dasselbe Problem in etwas anderem Gewand. Sorgt es doch zum Beispiel mit dafür, dass wir völlig verschrobene Risikoabwägungen treffen, weil sich manche "Gefahren" einfach besser als Geschichten machen (neben diversen anderen Gründen - Langfristigkeit und Kontrollüberzeugungen spielen bei Risikoabwägungen auch eine große Rolle). Oder allein schon für wie positiv oder negativ wir die Welt halten. Ein Kollege wetterte mal gegen Nachrichten, da er meinte, die Welt sei zu 95% ein positiver Ort, aber nur die schlechten 5% würden es meist in die Nachrichten schaffen. Ob diese Zahl nun stimmt oder nicht, oder welche es stattdessen sein sollen - woher soll ich das wissen?

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