Freitag, 5. Dezember 2014

Gespräche vs. Selbstberatung

Vor nicht allzu langer Zeit wurden mir zwei Fragen gestellt, die schon auf dem ersten Blick miteinander verwandt wirken. Einerseits: Warum hilft es Menschen, mit anderen über ihre Probleme zu reden? Das ganze nicht (nur) bezogen auf etwaige professionelle Kontexte, sondern auf jede zwischenmenschliche Interaktion. Andererseits: Kann denn so etwas wie Selbstberatung bzw. gar Selbsttherapie überhaupt klappen?

Hm.

Jeder Mensch, dem ich je begegnet bin, hat in dessen Leben schon Abertausende Probleme selbst gelöst. Das gilt, dessen bin ich mir sicher, auch für dich, der du dies gerade liest. Es gehört zu unserem Leben dazu, dass wir unzählige kleinere, mittlere und auch ein paar größere Probleme im Laufe unseres Lebens lösen. Bei den meisten davon sind wir so gut, wir merken nicht einmal, was wir dabei alles geleistet haben. Uns wird das wenn dann erst bewusst, wenn wir auf einen Menschen treffen, der das noch nicht kann. Oder bei dem es aus welchen Gründen auch immer hakt.

Genau das ist ein grundlegender Baustein, um beide Fragen überhaupt erst beantworten zu können. Die allermeisten Probleme lösen wir ohnehin selbst. Dann gibt es Probleme, bei denen uns dies aus welchen Gründen auch immer schwer fällt - und bei denen uns die Kommunikation mit anderen hilft. Was macht diese Probleme so besonders?

Auf der einen Seite stehen dort Probleme, die durch unzureichendes Wissen bzw. unzureichende Referenzerfahrungen verursacht werden. Im wahrsten Sinne des Wortes weiß der Betroffene in so einem Fall noch nicht, wie er zur Lösung gelangt. Mitmenschen können da dann sehr gut in die richtige Richtung weisen. Diese Probleme, sofern man sich der Wissens- bzw. Erfahrungslücke bewusst ist, können auch gut selbst geschlossen werden.

Auf der anderen Seite stehen Probleme, bei denen die eigenen Problemlösekompetenzen nicht greifen. Und da ist es dann interessant zu sehen, welche Elemente in so ziemlich jedem Gespräch auftauchen. Sie sind wirklich grundlegend, aber sie haben eine große Wirkung.
- Durch die Formulierung wird das Problem fester und damit greifbarer. Das geht ein wenig in die Richtung, die ich schon beim Thema Visualisierungstechniken angesprochen habe. Wenn man etwas ausspricht, wird es fester, greifbarer. Gedanken hingegen sind viel instabiler. In gewisser Weise (hier gerate ich gerade jedoch an die Grenzen meiner Begriffe) sind sie formloser. Rein mit Gedanken zu arbeiten, die noch formlos sind, ist wie zu versuchen eine Suppe mit einer Gabel zu löffeln. Es geht, nur nicht sonderlich gut. Spricht man hingegen darüber, gibt man den Gedanken Gestalt, und bemerkt so viel leichter Ansatzpunkte.
- Der Gesprächspartner sorgt normalerweise dafür, dass man regelmäßig in die Realität zurückgeholt wird. Im Sinne von allein um ein Gespräch führen zu können, kann man sich nicht in Gedankenwelten verlieren. Das hat direkt zwei Vorteile. Die Lernerfahrung einer (wenn auch geringen) Abstandsgewinnung zwischen sich selbst und dem Problem, ebenso eine Orientierung auf die Aspekte, die wirklich da sind, sei es in Bezug auf die Frage, was das eigentliche Problem ist, oder auch, welche Problemlösekompetenzen da sind.
- Der Gesprächspartner ist nicht in der eigenen Perspektive gefangen. Zumindest sollte er es idealerweise nicht sein. Dies ist nicht immer der Fall, und wenn es nicht der Fall ist, ist es wie wenn sich zwei Leute gegenseitig das Schwimmen beibringen wollen, aber beide Angst vorm Wasser haben. Schlecht, aber durch die obigen beiden Elemente immer noch nützlich. In allen anderen Fällen aber kann der Gesprächspartner durch die andere Perspektive Details und Aspekte aufzeigen, sowohl in Bezug auf das Problem wie auch in Bezug auf mögliche Lösungswege, die vorher ausgeblendet worden sind.

Damit lässt sich jetzt gut die Frage beantworten, warum Gespräche generell vielen Menschen etwas bringen. Bei der Selbstberatung hingegen wird es schwieriger. Auf der einen Seite lösen wir Probleme ohnehin ständig selbst, auf der anderen Seite lassen sich die obigen drei Aspekte nur sehr schwer miteinander vereinen. Die Realitätsorientierung sorgt für eine Art Erdung, die ist weniger das Problem (und gut trainierbar). Der Formulierungsaspekt verfestigt, die Perspektiverweiterung entfestigt. Einen dieser Vorteile auch alleine zu nutzen ist noch verhältnismäßig leicht, wobei gerade der Punkt des Perspektivwechsels bezogen auf die eigene Person durchaus Übung braucht. Beide zusammen aber scheinen auf dem ersten Blick ein Widerspruch zu sein. Verfestigen und Entfestigen. Tatsächlich muss erst verfestigt werden, damit man das ganze Problem wieder entfestigen kann - sonst stochert man mit einer Gabel in der Suppe herum. Auch das ist möglich, allerdings ein schwierigerer Weg, der zu beschreiten meiner Beobachtung nach eine Menge Übung erfordert. Und ohnehin nur wirklich betretbar ist, wenn man gut darin ist, sich zu erden. Schwierige Sache. Dürfte auch einer der Gründe sein, warum alle Arten von Beratungen, Coachings und co interaktiven Charakter haben und nicht bloße Informationsweitergabe sind.

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