Montag, 22. Dezember 2014

Grau

Nur selten sind Ereignisse nur gut oder nur schlecht, auch wenn es zuerst den Anschein haben mag. Es mag nur manchmal sehr lange brauchen, bis wir das erkennen. Ich habe bisher keinen Menschen kennengelernt, der folgende Aussage verneint hat - zumindest den zweiten Teil: "Ich bin sicher, Sie alle hatten in der Vergangenheit Erlebnisse, die schlimm waren, bei denen Sie sich vielleicht wünschten, sie wären nicht passiert - oder die sie ungeschehen machen könnten. Und zugleich glaube ich, dass Sie durch diese Erlebnisse als Person gewachsen sind, aus ihr gelernt haben - sie ohne diese Lernerfahrung nicht die Person wären, die sie heute sind, und sie daher auf keinen Fall aus den Lehren aus den Erlebnissen verzichten wollten."

Positive Erfahrungen wiederum können einen seltsamen Kontrast bilden, gerade wenn man vorher keine irgendwie vergleichbaren Lebenserfahrungen hatte. Wie mal jemand zu mir sagte "das ist, wie wenn ich in einem Luxussportwagen gefahren wäre - danach wirken alle normalen Autos schal und langweilig", und dies lässt mich ironischerweise an ein Gespräch führen, dass ich mal zum Thema Wünsche führte. Dort wurde als Thema der Buddhismus eingeworfen, als "selbstlose" bzw. "wunschlose" Religion, meine Erwiderung war, dass gerade im Buddhismus sich sehr viel um die Linderung und Vermeidung von Leid dreht, und dazu gehört auch, die Flüchtigkeit schöner Erfahrungen anzuerkennen. Um nicht an ihnen festzuhalten, wenn sie wieder schwinden. Damit, um im Autobeispiel zu bleiben, normale Autos nicht schal und langweilig werden.

Insofern könnte man sagen, nichts ist schwarz und weiß, alles ist in einer unterschiedlichen Schattierung von Grau. Manche heller, manche dunkler. Ich habe Menschen kennengelernt, die fast gestorben sind, und diese für die meisten traumatischen Erlebnisse als das beste Ereignis betrachten, was ihnen je passiert ist. Warum? Weil sie sozusagen die Sterne am dunklen Nachthimmel sahen, und nun als Kontrast kommende dunkle Stunden gleich viel weniger dunkler wirkten. Jemand meinte einmal, "ein wütender Chef kann einen zwar nicht töten, aber die Existenzgrundlage entziehen, daher ist dieselbe Furcht wie vor einem Säbelzahntiger berechtigt", wo ich nur einerseits erwiderte, die Fluchtemotion ist für so eine Situation nicht funktional, und andererseits mir dachte, nein, das ist nicht dasselbe. Wie aber das jemanden ohne Referenzerfahrungen erklären, wie das jemanden erklären, der nie selbst mit dem möglichen körperlichen Ende konfrontiert gewesen war?

Aber es geht über Situationen hinaus. Für mich war es wohl der größte Schritt persönlicher Entwicklung, manche Figuren aus meiner Vergangenheit in all ihren Schattierungen zu betrachten. Gerade jene, die keine gemeinhin positive Rolle gespielt haben. Sei es in Bezug auf ihre Intentionen, oder sei es auch in Bezug auf die Gesamtheit ihrer Handlungen. Zu erkennen, das, was wir im Leben geschafft haben, haben wir auch und gerade wegen der Menschen geschafft, die uns das Leben erschwert haben. Denn wie hätten wir ohne sie wachsen können? Oder auch nur zu sehen, es war nicht alles schlecht.

Und dann sind da wir selbst. Mal nicht als "Wahrheit", sondern als Idee eingeworfen. Jung beschrieb einen Teil des Selbst als "Schatten" - jenen Teil von uns, den wir ablehnen, unterdrücken, für schlecht halten, und der es durchaus sein kann. Aber zugleich auch Hort unserer größten ungenutzten Potentiale. In vielen Geschichten werden die Helden in gewisser Weise "reiner", man denke da an die Verwandlung von Gandalf den Grauen in Gandalf den Weißen. Vielleicht aber ist es ein größerer Schritt für uns selbst, wenn wir wie Saruman aufhören, einfarbig zu sein - Saruman of many colours. Auch jene Aspekte von uns akzeptieren, die unbequem sind, unerwünscht, möglicherweise gar destruktiv. Denn nur so können wir sie nutzen, oder vernünftig mit ihnen zurechtkommen. Damit wir die Grenzen zwischen Schatten und Licht verwischen. Und am Ende bleibt, ja, was eigentlich? Grau? Schwarz und Weiß? Viele Farben?

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