Sonntag, 7. Dezember 2014

Referenzerfahrungen

Wie lernen wir? Fakten sind eine Sache. Die gehen relativ einfach. Wie aber erwirbt man praktische Fertigkeiten? Hier wird es interessant. Um diesbezügliches Wissen überhaupt anlegen oder nutzen zu können, brauchen wir Erfahrungen. Erfahrungen, die durchaus auch in der Vergangenheit liegen können. Bei offenkundig handwerklichen Tätigkeiten ist dies den meisten Menschen meiner Beobachtung nach bewusst. Kaum jemand käme auf die Idee, Schwimmen oder Fahrradfahren aus einem Buch zu lernen. Beim Schwimmen muss man ins Wasser, beim Fahrradfahren aufs Rad. Selbst wenn es anfangs nur sehr flaches Wasser ist, oder das Rad Stützrädchen hat. All das sorgt für Referenzerfahrungen. Erfahrungen, durch die einerseits Bewegungswissen erworben wird, andererseits aber auch überhaupt erst möglich macht, etwaiges Faktenwissen "anzukleben". Anders formuliert, wie will man das Gefühl von Schnee auf der Haut beschreiben, wenn man nie Schnee gefühlt hat? Selbes Prinzip. Selbst grundlegendes Weltwissen braucht Referenzerfahrungen, um für uns einen Sinn zu ergeben.

In prüfungsvorbereitenden Seminaren und Vorlesungen brachte ich immer Beispiele für verschiedene psychologische Theorien. Immer etwas, was die Zuhörer selbst erlebt oder beobachtet haben. Und sei es nur so etwas wie Spendenbereitschaft bei unterschiedlichen Katastrophen. Ganz getreu dem Motto "man kann nicht nicht lernen" haben die meisten Menschen schon Referenzerfahrungen für sehr viele Bereiche, nur sind sie sich dessen nicht bewusst sind.

Allerdings geht das nur bis zu einem bestimmten Punkt. Gerade im Bereich der Wahrnehmung wird es richtig schwierig, wenn nie auf bestimmte Aspekte geachtet worden ist. Da muss dann teils der Holzhammer ausgepackt werden, damit später Feinheiten erkannt werden. Genauso Denkprozesse. Auch diese benötigen Übung. Nicht um der Übung willen, sondern um dabei Erfahrungen zu sammeln.

Konkretes Beispiel: Die allermeisten Menschen sind meiner Erfahrung nach unendlich kreativ - besser gesagt sie haben ein sehr großes kreatives Potential. Denn mal ehrlich, nur als Beispiel, wer plant seine Träume? Der Hauptgrund, weshalb sich das nicht im Alltag zeigt? Sie zensieren sich selbst. Sich dieser Selbstzensur bewusst zu werden und zu überwinden geht, sogar relativ einfach, nur man braucht dafür entsprechende Erfahrungen. Allein, um den Zensor zu erkennen. Ich muss hier zugeben, hier befinde ich mich ein wenig an den Grenzen meiner Begriffe. Bei entsprechenden Übungen lasse ich Teilnehmer erst die eigene Selbstzensur erleben, um dann darüber zu sprechen - weil vorher meine Worte diesbezüglich keinen Sinn ergeben. Weshalb? Fehlende Referenzerfahrungen.

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