Dienstag, 16. Dezember 2014

Vorteil von Beratungs- bzw. Therapieverfahren XYZ?!

Immer wieder schaue ich mal, was für Suchbegriffe Leute hier her führen. Alle paar Wochen taucht da die Frage auf, die sich zusammenfassen lässt mit "was ist der Vorteil von XYZ?", wobei XYZ alles Mögliche und Unmögliche sein kann, was auch nur irgendwie mit der Psychologie zu tun hat - egal ob Beratung, Therapie, wie auch immer.

Ich könnte jetzt auf Metastudien verweisen, welche die Erfolgsaussichten verschiedener Richtungen untersucht haben. Allerdings wäre ich dann nicht wirklich aufrichtig. Die grundlegende Frage halte ich bereits für falsch, weil nachrangig.

Worauf kommt es an, wenn man Hilfe sucht? Egal in welchem Kontext? Sicher, derjenige, bei dem man Hilfe sucht, sollte kompetent sein und nicht völlig unbegründeten Unsinn verzapfen ("mein Tassenpyramidenscherbenhaufen sagt mir, Sie sollten gegen ihre Prüfungsangst im Schwimmbad vom Zehnmeterbrett springen!"). Die gute Nachricht ist, im therapeutischen Bereich sind die Kriterien zur Anerkennung sehr konservativ - egal ob Tiefenpsychologie, Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, die funktionieren (gibt sogar noch mehr Therapieverfahren, die laut unzähligen Studien funktionieren, aber nicht anerkannt sind, da die Anerkennung so konservativ ist). Im Beratungsbereich gibt es einen viel größeren Dschungel, da auf die Ausbildung bzw. den Hintergrund des Beraters zu achten halte ich schon für sinnvoll.

Davon aber einmal abgesehen, geht meiner Einschätzung nach die Frage, welche Richtung jetzt jemand vertritt, völlig in die falsche Richtung. Und zwar aus drei Gründen. Besser gesagt drei Fragen.

Frage #1: Komme ich mit der Person zurecht?
Das ist das A und O. Egal welche Richtung jemand vertritt, welche Erfahrung derjenige hat, welche Referenzen vorzuweisen hat - kommt man mit der Person nicht zurecht, aus welchem Grund auch immer, gefährdet das jedweden Erfolg massiv. Egal wie irrational etwaige Vorbehalte oder Einschränkungen oder was auch immer sein mögen - sind sie da, kann es massiv Probleme geben. Jeder Mensch hat da andere Vorlieben. Ich kenne Psychologen, die mit >90% aller Menschen zurechtkommen - aber ich habe nur sehr selten jemanden getroffen, der von sich behauptet hat, dass mit ihm 100% aller Menschen zurechtkämen.
Nur fürs Protokoll, ja, man kann auch viel erreichen, wenn man mit jemanden arbeitet, der einem selbst gegenüber eher verhalten bis feindselig gegenübersteht. Nur ist das eine ungleich schwierigere Ausgangslage. Aus dem Grund halte ich diese Frage für weitaus wichtiger als die Frage nach dem Richtungshintergrund.
Erstgespräche haben auch den Sinn, dass der Klient danach sagen kann "lieber wer anders".

Frage #2: Hat die andere Person nicht dasselbe Problem?
Stellen wir uns zwei Personen vor. Beide haben Angst vorm Wasser. Die eine nun will die Angst überwinden, und hat durch die Angst einen Leidensdruck, der anderen ist die Angst egal und hat keinen Leidensdruck. Wie gut könnte die Person mit Angst ohne Leidensdruck der Person mit Angst und Leidensdruck helfen?
... kann schon, ist aber wiederum schwieriger, weil sich in dem Fall der Berater selbst mitberaten muss.

Frage #3: Ist da im Terminplan überhaupt etwas in annehmbarer Zeit frei?
Stellen wir uns vor, jemand hat wegen etwas einen hohen Leidensdruck. Bei einem Therapeuten mit Richtung X betrüge die Wartezeit sechs Monate, beim Kollegen mit Richtung Y elf Monate, und in einer Institution mit Ausrichtung Z sogar nur zwei Monate. Das klingt jetzt wie bewusst auf die Spitze getrieben, vielleicht ist es das auch, allerdings können Wartezeiten bei nicht akuten Hintergründen je nach Region durchaus stark schwanken.

Erst daran anschließend quasi als vierte Frage würde ich die inhaltliche Ausrichtung einbringen, und die hat schon einen großen subjektiven Faktor. Erwartungen spielen eine große Rolle. Auch eigene Vorlieben. Ich könnte jetzt wieder auf die Metastudien verweisen und eine Liste erstellen nach dem Motto "bei X ist Y das erfolgreichere Verfahren", aber damit werde ich der Komplexität nicht gerecht. Das sind wenn dann Durchschnittswerte, die relativ dicht zusammen liegen - und die Unterschiede oft kleiner sind als der der persönliche Faktor (Frage #1). Dazu kommen dann noch Erwartungen.

Als ich noch Schüler war, Ewigkeiten her, überhörte ich mal einen Gesprächsfetzen, der da sinngemäß lautete "also ich war gestern das erste mal bei X, und wir haben gar nicht über meine Kindheit geredet. Der kann kein guter Therapeut sein!"
Erinnert mich gerade an die Geschichte von Erickson, der mit so ziemlich jeder Technik erfolglos versuchte, eine Klientin in Trance zu kriegen - und die nach gut einer Stunde etwas irritiert fragte, wann er endlich eine Uhr rausholen und beginnen würde.

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