Mittwoch, 10. Dezember 2014

Zeitwahrnehmung

Es gibt in vielen Sprachen Redenarten im Sinne von "glückliche Zeiten vergehen wie im Flug, aber schlechte Zeiten ziehen sich hin". Das ist in gewisser Weise korrekt, aber in gewisser Weise auch nicht. Schauen wir doch einmal an, was die Zeitwahrnehmung wie beeinflusst. Sich dessen bewusst zu sein kann in vielen Situationen hilfreich sein - sei es, unangenehme Zeiten subjektiv zu verkürzen, schöne zu verlängern, oder auch nur ein Verständnis dafür zu bekommen, warum uns manche Abschnitte im Leben so verdammt kurz vorkommen, während sich andere (egal ob sie kürzer oder länger waren) im Vergleich so viel länger erscheinen.

- Bei Tätigkeiten der Grad der Passung zwischen Anforderung der Aufgabe und eigener Fähigkeit, auch bekannt als Flow. Je mehr die eigene Fähigkeit den Anforderungen entsprechen, desto kürzer erscheint die Zeit. Umgekehrt aber, je geringer die Passung ist, also sowohl Unter- als auch Überforderung, desto länger zieht sich die Zeit. Langeweile und Stress durch Überlastung haben hier denselben Effekt, ironischerweise jedoch benötigen sie gegenteilige Maßnahmen. Bei einer Überlastung eine Verringerung der Aufgabenschwierigkeit, bei einer Unterlastung eine Erhöhung der Schwierigkeit.
Möglicherweise unangenehme Aufgaben schwieriger zu gestalten klingt erst einmal kontraintuitiv. Aus eigener Erfahrung im Rahmen von Nebenjobs in Schul- und Studienzeiten kann ich das aber nur empfehlen. Gerade bei sehr anspruchslosen Tätigkeiten wäre ich metaphorisch verrückt geworden, wenn ich da nicht selbst Herausforderungen für mich gefunden hätte.

- Neuartigkeit von Erfahrungen bzw. Aufgaben: Je neuer etwas ist, egal ob eine Erfahrung oder eine Aufgabe, desto länger erscheint sie. Dies gilt auch hochgerechnet auf eine gesamte Zeitspanne. Wie anlässlich des zweijährigen Blogjubiläums geschrieben kam mir ein Jahr sehr viel länger vor als das andere - aus dem darin genannten Grund, dass ich in jenem Jahr konstant meinen Horizont erweitert hatte. Anderes Beispiel, wenn ich mit Leuten spreche, dann sagen fast alle, dass ihnen Schul- und Ausbildungs- bzw. Studienzeiten so lang vorkamen wie die Berufstätigkeit danach, obwohl jene teils fünfmal mehr Jahre umfasste.
Über viele Kulturen hinweg, über viele Zeitalter hinweg gibt es eine gewisse Faszination für und Suche nach Unsterblichkeit. Ich glaube nicht, dass es dazu zumindest in meinen Lebzeiten kommen wird. Allerdings kann durch fortwährende Horizonterweiterungen uns unser Leben so viel länger und reicher erscheinen. Subjektiv, nicht objektiv, aber ist diese Unterscheidung wichtig?

- Achtsamkeit spielt eine ganz, ganz seltsame Rolle. Achtsamkeit verlängert die subjektive Länge positiver Erlebnisse, während sie zugleich die subjektive Länge negativer Erlebnisse verkürzt. Die Wirkweise hier ist, vermute ich, etwas komplizierter. Auf der einen Seite stört Achtsamkeit die Mechanismen vieler negativer emotionaler Zustände (Stichwort Rahmenbedingungen dieser Emotionen - benötigt eine Emotion eine Zukunftsorientierung oder Vergangenheitsorientierung, und man ist in die Gegenwart orientiert, dann kann die Emotion nicht so greifen, außerdem wird schneller die "Nachricht" etwaiger Emotionen erkannt), auf der anderen Seite sorgt sie dafür, dass mehr Neuartigkeit bemerkt bzw. entdeckt wird.

Dies sind meiner Einschätzung nach die wichtigsten drei Facetten, welche die Zeitwahrnehmung abseits von "gut = schneller" und "schlecht = langsamer" beeinflussen, auf die wir auch selbst Einfluss haben. Es gibt noch viele mehr. Beispielsweise spielt es bei Tätigkeiten auch eine Rolle, ob sie für uns belohnend wirken (falls ja, kürzere Zeiteinschätzung) oder nicht, in welchem emotionalen und körperlichen Zustand wir uns befinden. Darüber ließen sich ganze Bücher schreiben.

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