Donnerstag, 31. Dezember 2015

Willkürlichkeit der Zeitengrenzen

Ein Jahr neigt sich dem Ende zu. Feuerwerke, Rückblicke auf 2015, Gedanken über 2016. Alles an jenem Tag, der Grenze zwischen zwei Jahren, dem 31.12. hin zum ersten Januar. Bei uns zumindest. Als jemand, der sich auch ein wenig astronomisch interessiert ist, komme ich nicht umhin, mich zu wundern.
 
Es gibt eine Rhythmik im Verlauf der Zeit. Jahreszeiten, Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Damit einhergehend astronomisch bedeutsame Tage, welche jene einläuten. Winteranfang ist zum Beispiel der kürzeste Tag im Jahr, nach welchem die Tage wieder anfangen länger zu werden. Solche Daten hätten sich doch gut für einen Jahreswechsel gemacht. Ist bei uns aber nicht der Fall. Stattdessen liegt der Jahreswechsel ein paar Tage nach dem astronomischen Ereignis.
Auch feiern zwar viele Kulturen auf der Nordhalbkugel den Jahresbeginn irgendwann im Winter, doch nicht alle an jenem Tag, der bei uns der 31.12. & 01.01. ist. Viele Kulturen haben eigene Kalender. Tatsächlich hatten auch "wir" mal andere Kalender, in denen der Neujahrstag anders lag.
 
Es ist nicht überraschend, dass das neue Jahr im Winter beginnt. Psychologisch betrachtet. Im Winter fangen die Tage an wieder länger zu werden, das Leben bereitet auf die Rückkehr im Frühling vor. Das ganze natürlich in der Antike theologisch verwurstelt. Und dann die Tage jeweils irgendwo ausgewählt, wo es gerade passt.
 
Abseits von diesem Rhythmus der Jahreszeiten, was ist überhaupt ein Jahr? Viele sagen, eine Umkreisung um die Sonne - und offenbaren dabei ein sehr solarzentrisches Weltbild, ähnlich dem erdzentrischem Weltbild des Mittelalters. Die Erde dreht sich nicht um die Sonne, sie schwingt um sie, da sich die Sonne ziemlich schnell durchs All bewegt. Nur aus Sicht der Sonne sieht es aus, als ob die Erde sich um sie drehte.
 
Irgendwann hat irgendwer mal gesagt, da und da endet ein Jahr und ein neues beginnt, und wir halten es für eine Gesetzmäßigkeit der Natur, so wie die Schwerkraft. Ist es nicht. Es ist völlig willkürlich. Was ist wohl ähnlich willkürlich gesetzt, was uns ganz festgesetzt und natürlich vorkommt?
 
Interessanter Gedanke. Aber psychologisch ist das nicht die einzige Zeitgrenze. Viele Menschen teilen sich ihre persönliche Geschichte anders ein, nicht in Jahre. Beispielsweise nach Arbeitgebern oder Beschäftigungen (Schule(n), Ausbildung oder Studium, Arbeitgeber I, Arbeitgeber II, ... , Arbeitgeber n), nach Beziehungen (Partner I, Partner II, ..., Partner n), nach großen persönlichen Projekten im Leben, nach Ereignissen, nach Grundstimmungen, und sehr viel mehr.
 
Diese Einteilungen zu erfahren ist deshalb interessant, weil es sehr viel über die mentale Landkarte einer Person aussagt. Auch, weil sich daraus Probleme ergeben können. Wenn jemand z.B. seine persönliche Geschichte nach Arbeitgebern sortiert, und gerade irgendwo arbeitet, wo die Arbeitsbedingungen (vorsichtig formuliert) suboptimal sind, dann hat das gravierendere psychische Auswirkungen als wenn derjenige seine Geschichte nach anderen Kriterien sortiert. Weil in dem Fall die Arbeit eine subjektiv größere Rolle einnimmt und Änderungen mit größeren Sorgen verbunden sein können. Sinnvoll kann es dann sein, sich darauf zu besinnen, dass jedwede Zeiteinteilung subjektiv ist. Willkürlich. Der Versuch, einen fortwährenden Rhythmus irgendwie einzuteilen. Der Rhythmus mag außerhalb von uns liegen, die Einteilung jedoch in uns.
 
So. Und jetzt fragen wir uns alle mal, weshalb so viele gute Vorsätze für ein neues Jahr scheitern. Hm?

Mittwoch, 30. Dezember 2015

Die subtile Formung durch die Welt, oder auch eine andere Art des Jahresrückblicks

Stelle dir einen Stein vor. Kantig, eckig, so ein richtiger Stein, frisch aus der Erde. Stelle dir vor, wie dieser Stein in einen Fluss fällt. Er wird sich verändern. Nicht von heute auf morgen, doch im Laufe der Zeit. Zusammenpralle, Kollisionen, der stete Strom des Wassers. So wird der Fels langsam rundlicher, erinnert mehr und mehr an einen Kieselstein. Irgendwann ist er ein Kiesel. Und dann, Jahre, Jahrzehnte später, liegt er irgendwo als Sandkörner an einer Küste. Eine stetige Veränderung. Hält man den Stein kurz ins Wasser, dann ist davon nichts, gar nichts zu bemerken. Über die Zeit jedoch?

Wir formen die Welt, aber die Welt formt auch uns. Das zeigt sich zum Beispiel bei Berufsgruppen. Berufsanfänger sind sich meist zwischen Berufen relativ ähnlich, doch im Laufe der Zeit verändert sich dies. Da jeder Beruf unterschiedliche Herangehensweisen, unterschiedliche Stärken und Schwächen fördert.

Ganz konkretes Beispiel, dieser Blog. Früher habe ich viel Themen in meine berufliche Umgebung eingebracht, daher fielen mir quasi täglich neue Inhalte ein. Inzwischen jedoch reagiere ich viel mehr auf die Themen, die andere einbringen. Fördert meine Spontaneität und Anpassungsfähigkeit, doch kommen mir weniger eigene Ideen, wenn ich z.B. vor einem weißen (elektronischen) Blatt sitze.

Das war sicherlich nicht alles. Dieses Jahr war sehr bewegt, in vielerlei Hinsicht. Gerade in der zweiten Jahreshälfte fehlte mir auch zunehmend die Zeit. Aus wöchentlich, wie ich es mir vorgenommen hatte, wurde dann schon mal "alle zwei Monate".

2015 neigt sich dem Ende zu. Für mich war es ein sehr lehrreiches Jahr. Manche Dinge lasse ich im alten Jahr zurück, und bin froh, sie hinter mir gelassen zu haben. Manche werde ich vermissen. Auch ein paar gute Vorsätze gibt es. Rein theoretisch sollte sich meine Zeitsituation zumindest ansatzweise verbessern, dann schaffe ich hoffentlich auch wieder wöchentliche Veröffentlichungen. Falls nicht, dann nicht. Auch darin hatte ich viel Übung in diesem Jahr, Akzeptanz der Realität. Auch wenn sie oft nicht so ist, wie wir sie uns gern wünschten. Gegen sie anzukämpfen bringt nichts außer Leid. Akzeptieren wir sie, dann haben wir die Möglichkeit, sie zu formen. Und sei es, wie viele in einen Fluss gefallene Steine, einen Damm zu bilden - und so den Lauf zu verändern.

PS: Themenwünsche fürs kommende Jahr willkommen!

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Unsere eigenen kleinen Rituale

Heiligabend. Frohe Weihnachten!

Was ich jedoch die letzten Tage immer wieder hörte, war, dass keine rechte Weihnachtsstimmung aufkommen mag. Liegt es am Wetter? Dann gäbe es in Australien nie Weihnachten. Nein. Denken wir einmal anders.

Rituale sind immer wiederkehrende Handlungen, die nach einem mehr oder weniger starr vorgegebenen Ablauf ausgeführt werden. Das klingt erstmal beengend, hat jedoch große Vorteile. Unter anderem werden Emotionen schnell mit den Ritualen verknüpft. Ich kenne keine zwei Familien, die gleich Weihnachten verbringen, jede hat ihre eigenen Rituale. Werden die auch halbwegs eingehalten, hurra, Weihnachtsstimmung! Wenn nicht, dann doof.

Dies ist Schatten und Licht zugleich. Auf der einen Seite zeigen uns unsere eigenen Rituale einen Weg hin zu positiven Emotionen. Manchmal reicht es sogar jene Rituale im Kopf durchzugehen (wenn dann wirklich sehr kleinschrittig aber), um jene Emotionen hervorzuholen.

Umgekehrt haben wir auch Rituale, die uns zu negativen Emotionen führen. Auch das kann manchmal nützlich sein, um jene zu verarbeiten. Werden sie jedoch durch sie immer wieder hervorgeholt, dann lohnt es sich nicht, bei der Emotion anzusetzen - die ist ein Echo, ein Nachhall, sondern beim Ritual.

Aber das ist kein Thema für die Weihnachtstage. Heute sollten positive Rituale im Vordergrund stehen.

In dem Sinne fröhlichen Nudelsalattag!

Mittwoch, 9. Dezember 2015

Der (Sirenen-)Gesang der Vergangenheit

Ganz rein objektiv gesprochen ist die Vergangenheit das, was vorbei ist. Gerade wenn wir älter werden scheint die späte Kindheit und Jugend irgendwann sehr fern zu sein. Obschon jene Zeit den meisten so lang erschien. Wie das halbe Leben. Aber heute soll es nicht um subjektive Zeitempfindungen gehen.
 
Immer wieder zu Feiertagen kramen viele Menschen Rituale heraus. Man denke nur an das für die Familie typische Weihnachtsessen. Schmuck. Musik. Dahinter steckt mehr als nur Atmosphäre, mehr als nur Stimmung. Dahinter stecken emotionale Brücken. Die Sachen, mit denen wir aufgewachsen sind, üben einen sehr starken Reiz des Vertrauten aus.
 
Einen Reiz, der sich durchaus nutzen lässt. Selbst Demenzkranke, die geistig extrem abgebaut haben, empfinden oft immer noch Freude bei den Beschäftigungen aus ihrer Jugend. Selbst wenn jene vergessen sind. Ein Extrembeispiel, ja.
 
Erinnerungen an Jugendtage üben einen Reiz aus. Beschäftigungen, Einrichtung, Musik, Filme, Kultur... all das hilft den Kontakt zu den Teilen in uns wieder aufzubauen, die im Laufe des Lebens verschütt gehen.
 
Es erklärt auch manche Besonderheiten. Beispielsweise wenn etwas auf den ersten Blick Schlechtes gemocht wird, und sei es auch nur so etwas wie Urlaube in einer notorisch verregneten Gegend. Mehr als suboptimale Wohnorte. Der alljährliche Familienstreit. Mag alles nicht schön sein, aber es ist vertraut.
 
Daher auch Sirenengesang. Die Anziehungskraft können wir positiv für uns nutzen, um so Freude wiederzuentdecken. Nur empfiehlt sich da auch eine gewisse Achtsamkeit, um nicht in problematische Gewässer abzudriften. Denn nicht alles, was früher da war, war auch gut. Auch wenn unsere Erinnerung uns das manchmal so zu verkaufen versucht.

Freitag, 13. November 2015

Maslows Motive im Mixer

Maslow stellte vor Jahrzehnten eine Theorie vor, welche sagte, dass es grundlegende und darauf aufbauende Motive gäbe. Ganz unten Bedürfnisse, die sich aufs akute Überleben beziehen, ganz oben hingegen Dinge wie Selbstverwirklichung. Er stellte es als Idee vor, es gab dazu keinerlei Studien.
 
Es wurde versucht das ganze in Studien zu beweisen. Ging schief.
 
Zumindest in der Struktur, die Maslow vermutete.
 
Was jedoch, wenn die Idee allgemeiner betrachtet wird? Nämlich, dass jeder Mensch bestimmte Bedürfnisse hat - die aber von Mensch zu Mensch anders sind - und sobald eines erfüllt ist, treten andere stärker ins Bewusstsein.
 
Dafür gibt es einen Hinweis. Allerdings einen ziemlich makabren. Nämlich wenn man es umdreht.
 
Wenn jemand gerade in der Wüste verdurstet, dann ist nicht gerade die Zeit sich mit Selbstwertregulation und Stressabbau durch Entspannungstechniken zu beschäftigen. Ist durchaus wichtig, um überhaupt zu verstehen, wo gerade das primäre Problem ist.
 
Interessant wird es, wenn man richtig bösartig wird, und ein grundlegenderes Bedürfnis aktiviert. So funktionierte vor über einem halben Jahrhundert die Behandlung mancher psychiatrischer Störungen. Setzt man den Körper starken Belastungen aus, gehen selbst schwere psychische Störungen oft zurück.
Das klingt erst einmal seltsam, wenn man Maslows Idee nicht bedenkt. In dem Moment, in welchem der Körper in Gefahr gerät, tritt Überleben in den Vordergrund, während (psychische) Aspekte und Motive (Stichwort Sekundärnutzen) in den Hintergrund treten.
 
Grundsätzlich ist das kein ethisches Vorgehen. Wichtig finde ich jedoch, dass dieser Aspekt menschlichen Verhaltens und Erlebens bekannt ist. Denn er erklärt, weshalb unter bestimmten Situationen Probleme hervorkommen und/oder verschwinden, die sich anders kaum erklären lassen. Beispielsweise, dass der Absturz dann kommt, wenn eine ruhige Phase im Leben erreicht wurde. Erscheint vielen Menschen komisch, verrückt gar - ist es nur dummerweise nicht. Ist Maslow in Aktion.

Sonntag, 27. September 2015

Die Treppen-Metapher

Folgende Metapher stelle ich als Frage ziemlich gern. "Stell dir vor, du stehst vor einer Treppe. Kannst du mit einem Schritt eine Stufe hochgehen?"
Die Antwort lautet zumeist "ja".
"Kannst du mit einem Schritt zwei Stufen hochgehen?"
Hier lautet die Antwort meistens auch ja.
"Kannst du mit einem Schritt vier Stufen hochgehen?"
Da wird es schwierig. Manche bekommen das noch hin, die meisten nicht mehr.
"Acht Stufen mit einem Schritt?"
Ab hier wird es unrealistisch.
"Sechszehn Stufen?"
 
Sinn des Ganzen ist den wahrgenommenen Berg zu verkleinern. Im Leben haben wir unzählige Aufgaben. In Krisensituationen noch viel mehr als sonst. Die können überwältigend wirken.
 
Oftmals aber sind sie es nicht, wenn man sie nur klein genug herunterbricht. Im Sinne von "einen Schritt nach dem anderen". Das hat den Vorteil, weil es eine Schockstarre bzw. depressive "das schaffe ich nie!"-Reaktion verhindert.
 
Es hat aber auch Nachteile. Denn die Stufen haben viel mit Prioritätssetzung zu tun. Gerade unwichtige Sachen fallen beiseite. Darin nun liegt auch eine Gefahr. Denn wenn wir schon die Treppe erklimmen, so ist auch wichtig, dass wir für uns sorgen.
 
Unter Belastungssituationen werden drei Fehler sehr oft gemacht.
1. Schockstarre, da gedacht wird, die ganze Treppe müsste mit einem Schritt gegangen werden.
2. Fehlerhafte Prioritätensetzung, wichtige Schritte werden aufgeschoben oder unwichtige vorgezogen.
3. Mangelnde Selbstfürsorge.
 
Ausgleich ist wichtig. Viele Burn-Out-Patienten berichten, dass sie sich am Anfang erschöpft gefühlt haben, und daher zuerst auf die angenehmen Seiten des Lebens verzichtet haben. Wir Psychos nennen das dann "Verstärkerverlust", und das ist eine der Wege in eine ausgewachsene Depression. Denn psychosomatisch teilt der Körper in so einer Situation ja mit "ey, mach mal langsamer mit dem Treppensteigen!", stattdessen wird die Selbstfürsorge - also das, was unsere Kraft erhält - heruntergefahren. Um beim Treppenbild zu bleiben, versuch mal eine sehr hohe Treppe aufzusteigen, wenn du hungrig, durstig und übermüdet bist...

Samstag, 19. September 2015

Praktische Lerntipps im Fernstudium (und in ähnlichen stark selbstbestimmten Lernkontexten; vielleicht auch woanders) | Oder auch "was für eine lange, seltsame Reise"

Vor nunmehr einigen Jahren dachte ich mir, ziemlich naiv, "ich schaue mir mal an, wie Fernstudierende so lernen, was das Lernverhalten beeinflusst uund was sich positiv/negativ auf den Lernerfolg auswirkt". Entsprechend entwickelte ich Instrumente, führte danach eine Längsschnittstudie durch, und am Ende gab es eine Menge Ergebnisse. Nicht unbedingt die, die ich erwartet hatte. Jedoch schön am explorativen Vorgehen ist, dass jedes Ergebnis ein gutes Ergebnis ist. Mittlerweile bin ich mit dem ganzen Projekt fertig, und es gab durchaus einige Anregungen in Bezug auf die Frage, was selbstbestimmtes Lernen erfolgreicher werden lässt. Darunter Dinge, die sich auch gut beeinflussen lassen.

Diverse Ergebnisse sind zwar "nett zu wissen", aber viel lässt sich daraus nicht mitnehmen. Beispielsweise lässt ein voriges erfolgreiches Studium ein aktuelles Studium tendenziell erfolgreicher werden. Überraschung - bester Prädiktor für zukünftiges Verhalten ist vergangenes Verhalten. Bloß lässt sich damit etwas machen? Nö. Na ja. Man kann erst einmal sein zweitliebstes Fach studieren, bevor man sich an sein eigentliches Zielfach macht. Das wäre aber in etwa so praktikabel wie im Winter bei Glatteis die Straße mit einem Feuerzeug zu enteisen. Mag zwar gehen, ist aber mehr als umständlich.

Was also kann ich anhand meiner Forschung empfehlen? Wichtige Erkenntnis vorneweg, die Art des Lernens hat nur einen geringen Einfluss. Hier führen viele Wege zum Ziel. Was ich da mit gutem Gewissen sagen kann, ist, dass alles, wobei mit den Inhalten in irgendeiner Form aktiv gearbeitet wird, sich leicht positiv auswirkt (im Vergleich zu rein passiver Betrachtung). Sich Beispiele zu überlegen, in einen Wissenskontext einbauen, grafisch darstellen, was auch immer. Interessanter aber sind drei andere Aspekte.

Lerngruppen haben sich als sehr hilfreich erwiesen. Das ist nicht überraschend. Am wichtigsten ist, dass in ihnen Wissen überhaupt erstmal "aus dem Kopf" raus kommt, also in Worte gefasst wird. In Klausuren wird nicht abgefragt, was im Kopf drin ist, sondern was da auch wieder herausgefischt werden kann. Genau das wird in Lerngruppen geübt. Weiterhin werden da die Informationen (siehe oben) auch aktiv mit gearbeitet. Sie werden unterschiedlich dargestellt von den Gruppenmitgliedern. Man arbeitet damit, erklärt sie, veranschaulicht sie. Schließlich auch halten Lerngruppen die Teilnehmer bei der Stange. Ich habe Fernstudierende untersucht, die haben keine Pflichtveranstaltungen. Lerngruppen können da eine Strukturierungshilfe sein, wirklich regelmäßig zu lernen. In dem Rahmen können auch eigene Lücken bemerkt und geschlossen werden. Lerngruppen, zumindest im Fernstudium, sind eine gute Idee.

Die Lernzeit war interessant. Erstens, sie war wesentlich geringer als bisher in der Literatur beschrieben. Zweitens, sie stieg (wenig überraschend) während des Semesters deutlich an. Drittens diverse Aspekte, welche sich auf die Lernzeit auswirkten, wirkten sich wie die Lernzeit auch auf die Klausurnote aus. Lernzeit selbst wirkte sich positiv aus. Genauso jedoch auch die Neigung bei Aufgaben konkurrierende Tätigkeiten zu unterdrücken, heißt bei der (geplanten) Aufgabe zu bleiben. Auch eine Beobachtung. Was die Leute von geplanten Lernzeiten abhielt veränderte sich im Laufe des Semesters. Krisen oder Krankheit traten recht gleichmäßig auf, aber die Themen Beruf, Familie und Freizeit drängte sich zu Anfang des Semesters erheblich häufiger in den Vordergrund als am Ende des Semesters (z.B. Freizeit fast doppelt so häufig). Dadurch geht, wenn man das denn zulässt, eine Menge Lernzeit verloren. Hier daran zu arbeiten, sich dem Studium schon zu Beginn des Semesters mit demselben Ernst zu widmen wie zum Semesterende dürfte also von Vorteil sein.

Prüfungsängstlichkeit hat sich ebenfalls als bedeutsam erwiesen. Kein Wunder, unter Angst ist der Körper auf Flucht gepolt, nicht darauf, Wissen abzurufen. Alles, was Prüfungsängstlichkeit reduziert - und Prüfungsängstlichkeit lässt sich doch sehr gut behandeln - dürfte also helfen.

Das war jetzt nur ein sehr kurzer Abriss. Wenn ich aber ein Fazit ziehen sollte, dann das: Lerngruppe, Lernzeit und Prüfungsängstlichkeit, das sind die Aspekte, welche (zumindest in meiner Studie) sich als sehr bedeutsam erwiesen haben und von uns beeinflussbar sind. Daher würde ich genau da hinschauen. Welche Möglichkeiten es gibt. Hier wäre es, gerade was die Lernzeit angeht, auch zu leicht alles nur auf externe Faktoren zu schieben. Wie Berufstätigkeit, Familie, wie auch immer. Auch das hatte ich untersucht, und ja, diese Aspekte spielen eine Rolle. Allerdings spielen genauso der Umgang mit anderen Aktivitäten und Belastungen mit herein, Motivation, Aufschiebeverhalten, Dinge also, die wir beeinflussen können. Denn darauf kommt es letztendlich an. Ansonsten könnte ich auch drauf hinweisen "ja, also Intelligenz hatte auch einen Einfluss" (übrigens in meinem Datensatz* geringeren als Prüfungsängstlichkeit, Lernzeit, Lerngruppenteilnahme), bloß dann sind wir wieder beim Glatteis und dem Feuerzeug. Auch Intelligenz lässt sich trainieren, nur weitaus weniger effizient als sich Prüfungsängstlichkeit reduzieren lässt.

* = Anmerkung, in der untersuchten Stichprobe gab es keinen numerus clausus, Personen fast aller Altersgruppen und Schulabschlüssen. Daher war hier die Streubreite der Intelligenz sogar höher als bei den meisten klassischen Studien mit Studierenden. Was letztendlich auch eines der vielen überraschenden Ergebnissen war.

Vielleicht mag ja jemand davon profitieren. Der ganze Wust ist in Langfassung veröffentlicht. Das oben wäre jedenfalls das Fazit, was ich für Studierende ableiten würde.

Zum Abschluss noch ein Wort der Ernüchterung. Zu Beginn der Studie hatte ich diverse standardisierte Verfahren eingesetzt (Intelligenztest, Prüfungsängstlichkeitsfragebogen und viele mehr). Mit denen konnte ich knapp 10% der Varianz aufklären (hier ist die generelle Neigung an Lerngruppen teilzunehmen mit drin, welche die tatsächliche Lerngruppenteilnahme sehr gut vorhersagte). Kamen verschiedene personenbezogene Daten (Schulabschlussnote, Berufstätigkeit, höchstes bisheriger Abschluss und co) dazu immerhin gute 13%. Mit den Daten aus der Längsschnittstudie gute 24%, also nicht einmal Einviertel. Heißt über Dreiviertel der Varianz des Lernerfolgs kann ich auch nur drei Zeichen sagen:

???

Freitag, 14. August 2015

Volldampf voraus!

Stell dir vor, ein Dampfschiff fährt auf einen Eisberg zu. Was kann man nun tun, um das Schiff zu retten?

- Dem Kapitän den Kurs ändern lassen. Dies ist der Ansatz direkt am Verhalten, was immer dann Sinn ergibt, wenn sowohl Schiff, Steuerung und Besatzung ansonsten, also vom Verhalten abgesehen, in Ordnung sind.

- Den Eisberg in so kleine Stücke sprengen, bis das Schiff so, wie es ist, durchfahren kann. Dies ist ein Teil des umweltorientierten Ansatzes. Hier ist kaum bis keine Änderung am Schiff notwendig. Dafür aber am Eisberg, was nicht immer möglich ist.

Was nun, wenn der Eisberg nicht gesprengt werden kann, und das Schiff immer wieder auf den Kollisionskurs zurückkehrt, oder gar nicht davon abweicht?

- Vielleicht will der Kapitän nicht hören, oder die Steuerung funktioniert nicht richtig. Hier wäre eine Arbeit direkt an der Kontrollebene sinnvoll, heißt am Verstand. Kognitive Ansätze wären hier sinnvoll.

- Vielleicht stimmt jedoch auch mit dem ganzen Schiff etwas nicht, sei es Ruder, Maschine, eine meuternde oder sabotierende Mannschaft. Hier wird es schon aufwendiger. Jede Form der Arbeit mit un(ter)bewussten Prozessen stünde dann an.

Stellen wir uns weiter vor, beides schlägt fehl. Die Kollision kann nicht verhindert werden. Was dann?

- Die Hülle des Schiffes verstärken. Dies ist Resilienzaufbau. Schauen, dass das Schiff die Kollision überlebt.

- Notrufe absetzen, Rettungsboote nutzen und schwimmen. Durch das Unglück gehen und überleben, auch wenn das Schiff es nicht tut. Akzeptanzbasierte Ansätze.

Interessant ist nun, oft ist auf den ersten Blick gar nicht sichtbar, welcher Ansatz nun erfolgsversprechend ist. Sie sind auch unterschiedlich tiefgreifend. Lässt sich ein Problem rein auf der Verhaltens- oder auf der Umweltebene ändern, so braucht sich die Person nicht zu ändern, was alles sehr viel einfacher macht. Bloß dafür sollte das Schiff voll funktional sein, denn ansonsten klappt das nicht, oder man verstärkt gar das Problem. An Denkprozessen zu arbeiten ist, wenn die Person diesbezüglich zugänglich ist, leichter, als an un(ter)bewussten Prozessen. Bloß klappt das nur, wenn der Rest des Schiffs funktional ist. Ist er es nicht, muss man da heran. Wodurch einerseits der Aufwand steigt, und es andererseits auch größerer, tiefgreifenderer Änderungen bedarf.

Und wenn diese nicht machbar sind, dann eben schauen, das Beste aus der Situation zu machen. Oder, wie mal jemand so schön sagte, schwimmen lernen.

Freitag, 7. August 2015

Die Theorien unserer Zeit

Eins finde ich immer fasziniert. Schon in der Schule lernen wir über all die überholten Theorien der Vergangenheit, wie Menschen in früherer Zeit die Welt sahen. Angefangen bei "die Erde ist eine Scheibe" über teils richtig schräge Vorstellungen über den Menschen, die Welt und alles, was dazu gehört.

Ironischerweise durchaus Vorstellungen, die unbeabsichtigt Erfolge verbuchten. Beispielsweise Ideen wie die, dass die Pest von üblen Winden aus Sümpfen ausgelöst wurde, woraufhin einige Herrscher inmitten von Feuern gesetzt wurden, welche die Winde reinigen sollten. Folge war, dass die eigentlichen Pestüberträger (Rattenflöhe auf Ratten) nicht an die Leute heran kamen. Auch eine stehen gebliebene Uhr zeigt zweimal am Tag die richtige Zeit an.

Jetzt aber mal die richtig gemeine Frage. Was ist mit den Theorien von heute? Hier unterscheidet sich Wissenschaft von Pseudowissenschaft(en). In der Wissenschaft gibt es nur "zeitweise Erkenntnisse", in der Wissenschaft lässt sich niemals etwas beweisen, es kann nur eine Weile nicht widerlegt werden, bzw. von treffenderen Theorien abgelöst werden.

Wie werden zukünftige Generationen über die für Wahrheiten gehaltene Glaubenssätze unserer Zeit denken? Es ist ziemlich arrogant zu glauben, dass wir auch nur in einem Teil des Verständnisses unserer Welt wirklich die Wahrheit gefunden hätten. Vielleicht liegen wir näher dran, sehr wahrscheinlich in manchen Teilbereichen sogar. Dennoch denke ich, gerade was so Vorstellungen angeht, wie wir zu leben haben - all diese Dinge waren immer Veränderungen unterworfen. Ob es hier überhaupt eine Wahrheit gibt, wer weiß? Was ich aber glaube zu wissen, ist, dass sich das Rad weiterdrehen wird.

Die Frage ist nur 'wohin'.

Montag, 27. Juli 2015

Das Glücksspielautomatenproblem

Wie funktionieren Glücksspielautomaten? Man wirft Geld herein, und hat eine gewisse Chance, mehr Geld heraus zu bekommen. Unterm Strich - nach Millionen von Spielen - gewinnt unterm Strich die Bank, aber theoretisch besteht die Chance, schon früh den großen Gewinn abzuräumen. Oder mehrere kleine.

Dies ist das, was Menschen da bei der Stange hält. Die Ungewissheit, ob sie Erfolg haben - und falls ja, wie groß der Gewinn ist. Die alten Behavioristen nannten dies "intermittierende variable Quotenverstärkerpläne" - oder anders gesagt es gibt Gewinne nach einer bestimmten Quote, die aber sehr flexibel und unvorhersehbar umgesetzt wird, immer wieder unterbrochen von mehr oder weniger langen Strecken, in denen es keine Belohnung gibt.

Die alten Behavioristen stellten völlig zurecht fest, dass diese Art von Belohnung am längsten nachhallt, und das größte Suchtpotential hat.

Nur trifft es nicht nur in Spielhallen auf.

Sprechen wir doch mal einen Moment über Burn-Out. Das Lob vom Vorgesetzten, der Erfolg bei eigenen Projekten, ist sehr oft ähnlicher Natur. Dysfunktionale Beziehungen werden ebenfalls sehr oft aufrecht erhalten, weil sie eben doch manchmal funktionieren - wie auch der Spielautomat manchmal einen Gewinn ausschüttet.

Über alle Spiele gesehen gewinnt immer die Bank. Beim Glücksspiel. Im restlichen Leben? Da ist die Frage, was man selbst möchte. Und was nicht. Der erste Schritt ist, denke ich, ein Wissen um diesen Effekt. Um dann, als nächsten Schritt, einen langfristigeren Blick einzunehmen. Wie hoch ist die Gewinnquote? Kriegt man genauso viel zurück, oder gar mehr, als man einsetzt? Oder unterm Strich weniger? Obwohl, wie beim Glücksspielautomaten, gelegentliche Gewinne dazwischen sind?

Samstag, 18. Juli 2015

Zitate II

Meine absolute Lieblingsdefinition von Wahnsinn stammt nicht von einem Psychologen, sondern von einem Physiker. Albert Einstein, um genau zu sein.

"Wahnsinn ist, immer das Gleiche zu tun, und andere Ergebnisse zu erwarten."

Viele Menschen, die irgendwo Probleme haben, wollen darüber durchaus reden. Etwas jedoch anders machen? Soll sich doch eher die Welt ändern als man selbst! Funktioniert nur dummerweise nicht. Reden ist zum Beispiel in Therapien wenn dann nur Mittel zum Zweck - um neue Denkweisen anzuregen, um neue Verhaltensmöglichkeiten zu erschließen.

Tatsächlich ist eine der ersten Fragen, die ich mir im Kontakt mit Menschen stelle, folgende: "Wo ist am ehesten Beweglichkeit vorhanden?", wobei ich durchaus alles betrachte. Denken, Emotionen und was dazu gehört (Emotionen selbst, Wahrnehmung und Differenzierung, Regulation), Motivation (+Sekundärnutzen), Lernerfahrungen, Verhalten, Aufmerksamkeit, körperlicher Zustand, und dann da ansetze. Einfach weil es dort am einfachsten ist, die Leute dazu zu bringen, Neues auszuprobieren, Dinge zu ändern.

Denn alles beim Alten zu belassen? Das wäre Wahnsinn.

Dienstag, 14. Juli 2015

Der Bratpfannenmoment

Eine gute Freundin erzählte mir von einer Aktion zu Weihnachten. Da hat sie ein Geschenk, noch eingepackt, ihrem Freundeskreis präsentiert. Es war groß, luxuriös eingepackt, und die Frage stand damit einher "Was ist da wohl drin?"

Viele Vorschläge, viele Vermutungen kamen. Teils sehr ausgefallene. Deshalb sehr viel Spannung. Was es wohl ist? Was verbirgt sich hinter dem Geschenkpapier? Wer wird richtig gelegen haben, wenn sich das Geheimnis lüftet?

Am Ende war es eine Bratpfanne. Was ziemlichen Unglauben ausgelöst hat.

Seither benutze ich für solche Situatonen den Namen "Bratpfannenmoment". Erwartungshaltungen, die sich immer mehr anheizen, und am Ende ist es etwas ganz mundänes. Einfaches. Zu einfach, um dem Hype zu entsprechen. Zu einfach, um den Erwartungen gerecht zu werden. Doch es ist, was es ist. Und sei es nur eine Bratpfanne.

(Obligatorischer Hinweis, gute Bratpfannen sind für Leute, die sehr gern und gut kochen, durchaus eine tolle Sache.)

Was nun aber läuft bei einem Bratpfannenmoment eigentlich ab? Auf der einen Seite ist es ein "Blick hinter die Kulissen", wie ich es vor langer Zeit nannte. Es kann zu einer kompletten Neubewertung der Situation führen. Was sehr nützlich sein kann, aber auch das Potential für Frustration birgt. Für manche großen Probleme gibt es durchaus sehr einfache Lösungen; wirken sie zu einfach, hat man schnell einen negativen Bratpfanneneffekt.

Auf der anderen Seite führt der Moment der Enthüllung sehr kurzfristig zu einer geistigen Öffnung. Die Gedanken laufen in eine Richtung, und im Bratpfannenmoment laufen sie komplett ins Leere und es kommt zu einer geistigen Leere. Die kann genutzt werden, um da neue Perspektiven zu vermitteln, denn dann ist der Geist ganz besonders weit offen. Das ist eine Folge von Überraschungen, und auch Bratpfannenmomente sind eine Überraschung.

Donnerstag, 9. Juli 2015

Zitate I

Es gibt einige Aussagen, die nur zu perfekt auch in den Bereich der Psychologie passen. Manchmal sich auch auf ihn beziehen. Manchmal scheinbar ganz woanders hinzeigen. Jedoch allesamt nicht von Psychologen stammen.

Fangen wir also einmal mit Rumsfeld an, einem ehemaligen US-amerikanischen Verteidigungsminister:
"Es gibt das Bekannte, das bekannte Unbekannte, und das unbekannte Unbekannte."

Bezog sich auf die Unwägbarkeiten des Krieges. Allerdings ist hier eine wunderbare Einteilung dessen da, was außerhalb unseres Bewusstseins ist. Einerseits ganz auf uns selbst bezogen, manche Dinge sind uns so halbbewusst klar, im Sinne von "da stimmt was nicht", nur bereit oder in der Lage hinzuschauen sind wir nicht. Genauso können da aber auch Dinge sein, die so weit fort, so tief vergraben, oder auch einfach nur so fremdartig, dass wir wenn wir erstmals mit neuen Situationen konfrontiert werden, von uns selbst überrascht sind. Stärker aber noch im zwischenmenschlichen Kontakt. Wenn jemand sagt, er hätte Angst, dann kann ich sehr davon ausgehen ("bekannte Unbekannte"), dass er die Situation auf bestimmte Art betrachtet. Ebenso, hier aber ist so ein Übergang, kann ich damit rechnen, dass hier bestimmte Lernerfahrungen in der Vergangenheit liegen. Ich weiß aber nicht ("unbekanntes Unbekannte"), was neben der Angst noch existiert. Da kann man nachfragen. Ob jedoch alles gesagt wird, ist wieder so die Frage. Alleine schon, ob überhaupt manche Sachen in Worte gefasst werden können.

Ohnehin passt dieses Zitat auch gut zu Angststörungen. Hier wird sehr oft das Bekannte (also das, was ist) vermengt mit dem, was für das "bekannte Unbekannte" gehalten wird - also die Erwartungen, wie wahrscheinlich etwas (negativ!) passieren könnte. Was da alles sein könnte.

Wieso nun ist dieses Zitat noch schön? Weil es den Geist zu öffnen vermag. Im Sinne von da ist immer noch mehr als das, was man sieht, was man erwartet, womit man doch irgendwie rechnet. Da ist eine nahezu unendliche Möglichkeit im "unbekannten Unbekannten", immer auch für Positives.

Donnerstag, 25. Juni 2015

Ein anderer Blick aufs Priming

Die Geschichte des Primings ist eine voller Mythen und Missverständnisse. Nehmen wir einmal diese blaue Testflüssigkeit... nein, ich höre schon auf. Den meisten fällt beim Thema Priming die alten Experimente ein, wo versucht wurde Werbung am Bewusstsein vorbei zu plazieren. Beispielsweise indem für den Verstand nicht wahrnehmbare Werbebilder in Filmen untergebracht wurden, die nur Sekundenbruchteile zu sehen waren. Angeblich soll das die Verkäufe gefördert haben, aber die Ergebnisse konnten nie repliziert werden.

Was mich so gar nicht verwundert.

Was ist Priming überhaupt? Und wie funktioniert es eigentlich?

Fangen wir mal mit etwas ganz anderem an. Wissen ist miteinander verknüpft. Wenn du zum Beispiel das Wort "Flugzeug" hörst, dann denkst du an mehr als nur ein abstrakten Begriff. Vielleicht, je nachdem wie Begriffe bei dir verknüpft sind, denkst du an Reisen, an tolle Zeiten. Oder an Flugzeugabstürze. Oder an technische Entwicklungen. Vielleicht an skurrile Reiseerlebnisse. Jedenfalls füllst du diesen erstmal abstrakten Begriff mit Bedeutung.

Priming nun ist nichts anderes als die Aktivierung von Bedeutungsnetzwerken. Wenn dir jemand lange Zeit etwas von Wiesen, Wäldern, Seen, Enten, Bäumen und Wanderungen erzählt, wirst du den Begriff "Bank" mit einer Sitzbank füllen. Wurde dir hingegen etwas von Krediten, Finanzkrisen, Anlageberatern und Zinsen erzählt, wirst du den Begriff "Bank" eher auf ein Geldinstitut beziehen. Weil entsprechende Wissensnetzwerke aktiv sind.

Man kann nicht nicht primen. Die Frage ist nur, ob man geschickte Primes nutzt, nicht drauf achtet, oder sich sogar in den Fuß schießt. Denn sobald man überhaupt irgendwie Informationen übermittelt, aktiviert man Wissensnetzwerke. Die wiederum beeinflussen, wie nachfolgende Informationen verarbeitet werden.

Konkretes Anwendungsbeispiel, sehr kürzlich hatte ich eine sehr bedeutsame und sehr lange andauernde mündliche Prüfung, die mit einem Vortragsteil startete. Meine Grundfrage, die ich mir für den Vortrag gestellt habe, war nicht gewesen "was muss unbedingt in den Vortrag herein?", sondern "welche Wissensnetzwerke will ich aktivieren?", um so die nachfolgende mehrstündige Diskussion in meinem Sinne zu beeinflussen. Scheint geklappt zu haben.

Mal ein paar abstraktere Anwendungsbeispiele als Fragen gestellt.
- In einem Verkaufsgespräch, welche Wissensnetzwerke aktiviert man, wenn man sehr früh als Käufer Kaufabsicht oder Zweifel signalisiert?
- Was macht sich in einem Restaurant als Wandbehang besser, ruhig-gemütliche Bilder, oder actiongeladene?

Vielleicht ein Schwank zur letzteren Frage. In verschiedenen Studien wurden in Seminarräumen Bilder von gefüllten Gläsern und Flaschen aufgehangen und dann gemessen, wie viel die (unwissenden) Teilnehmer tranken. Hingen die Bilder direkt hinter dem Dozenten, dann gab es keine Veränderung im Vergleich zu einem leeren Raum. (Reaktanz sagt "hallo".)
Hingen sie aber im peripheren Sichtbereich, dann wurde teils erheblich mehr getrunken. Genauso fand man auch, dass erheblich mehr Süßigkeiten in Büros gegessen werden, wenn welche irgendwo sichtbar herumstehen im Vergleich zu in Schubladen verstaut oder in undurchsichtigen Behältern untergebracht. Wie das? Weil sie, so sie offen herumliegen, permanent entsprechende Wissensnetzwerke aktivieren.
Wie erwähnt, man kann nicht nicht primen.

Mittwoch, 17. Juni 2015

Rahmenkarambolage

Als ich heute einen Moment aus dem Fenster blickte sah ich, wie ein Vogelschwarm nah über dem Boden kreiste. Ich weiß nicht, was für Vögel es waren, ich erinnere mich nur, es gab sie in zwei Farben. Schwarz und weiß. Bunt im Schwarm gemischt, und doch klar getrennt, dabei Teil desselben Schwarms.

Bei den Spiralen des Schwarms musste ich an ein Gespräch denken, das ich vor nicht allzu langer Zeit mit angehört hatte. Ironischerweise während einer Pause in einem Seminar über (Gedanken-)Experimente. Stell dir vor, zwei Leute wandern einen See entlang. Einer komplett in weiß gekleidet, einer in schwarz.

Sinngemäß ging das Gespräch etwa so:
"Ich habe früher immer gedacht, die Welt sei fair", meinte der Weißgekleidete. "Das alles einen Sinn habe. Aber nach allem, was ich erlebte, nein, die Welt ist nicht fair."
"Fair", wiederholte der Schwarzgekleidete. "Alles eine Frage des Wissens."
"Aber das ist doch Teil des Problems!" erwiderte der Weißgekleidete. "Allein, wenn alle Menschen dasselbe Wissen -"

"Bemerkst du den Fehler", unterbrach der Schwarzgekleidete. "Wo suchst du Fairness?"
"Bei den Möglichkeiten, die wir haben", erklärte der Weißgekleidete. "Bei dem, was uns auf der Welt passiert."
"Und wer sagt, dass das nicht die absolute Fairness ist", warf der Schwarzgekleidete zurück.
"Jeder hat einen anderen Start, einen anderen Weg im Leben", begann der Weißgekleidete.
"Eben nicht", unterbrach der Schwarzgekleidete. "Stelle dir vor, wir spielen Poker, und du versuchst für dich selbst immer neue Regeln zu erfinden. Was nicht klappt. Ist das unfair?"
"Als ob für alle Menschen dieselben Regeln gelten würden", rief der Weißgekleidete.
"Eine Regel" korrigierte der Schwarzgekleidete. "Wie die Engländer sagen würden 'sink or swim', schwimme oder gehe unter."
"Und doch trägt jeder andere Gewichte an den Füßen", entgegnete der Weißgekleidete. "Ist das fair?"
"Jeder muss schwimmen", meinte der Schwarzgekleidete. "Es gibt dafür so viele Möglichkeiten, so viele Hilfen und Hindernisse. Dies ist das Leben. Willst du den Menschen helfen zu schwimmen, oder allen dasselbe Gewicht ans Bein binden? Wo soll die Fairness liegen?"
"An denselben Startbedingungen", erwiderte der Weißgekleidete.
"Wer kein Ziel hat, für den gibt es keinen Start", konterte der Schwarzgekleidete. "Wo soll es hingehen?"
"Zu einem besseren Leben" sagte der Weißgekleidete.
"Dies ist der Weg, nicht das Ziel" sagte der Schwarzgekleidete.
"Was soll es dann für ein Ziel geben", fragte der Weißgekleidete.
"Zu schwimmen."

Sonntag, 7. Juni 2015

Spaß mit Pseudoarchetypen

Mir ist schon seit Jahren immer mal wieder etwas aufgefallen, was einerseits sehr einfach ist, andererseits aber auch schnell missverstanden werden kann. Daher möchte ich mit einer grundlegenden Beobachtung anfangen: Jeder Mensch geht auf seine ganz eigene Weise mit sich um. Je nachdem, wie diese aussieht, hat dies Vorteile und Nachteile, wobei manchmal eine Seite ganz deutlich überwiegt. Aus dem Grund können zwei Menschen sehr ähnliche, vielleicht sogar dieselben Lebenserfahrungen machen, und ganz anders damit umgehen. Glücklich sein, nicht glücklich sein.


Kognitive (also denkensbezogene) Ansätze setzen daran an, diesen Umgang zu verändern. Sei es durch Umstrukturierungen, Verhaltensexperimente und was es noch alles gibt. Ebenso durch Übungen, Hausaufgaben, wie auch immer.

Mir fiel auf, dass das immer ziemlich viel Zeit brauchte. Dieser Umgang mit sich selbst lässt sich erfolgreich verändern, nur es dauert. Teils sehr lange. Bis ich anfing in manchen Fällen symbolischer zu werden. Den Umgang einer Person mit sich selbst gleichzusetzen mit einer anderen Person, von der jene Denkmuster verinnerlicht worden sind. Das brachte alleine schon mal eine ziemlich größere emotionale Beteiligung. Anschließend dann als Einübung eines anderen Umgangs mit sich selbst eine reale oder imaginative andere Person entgegen zu setzen, welche quasi die funktionale(re) Personifizierung derselben Funktion wäre.

Mal als Beispiel: Bei unbegründeten Sorgenproblematiken läuft (symbolisch gesprochen) der Teil des Verstands Amok, der Hypothesen aufstellt. Aber sie werden nicht getestet. Dem gegenüber kann man einen Wissenschaftler* stellen, der sich immer wieder die Frage stellt "Okay, wie kann man das testen?". Gelingt das zu vermitteln, hat man jemanden das Werkzeug der Verhaltensexperimente und Realitätstestung an die Hand gegeben, die gerade bei unbegründeten Sorgenproblematiken sehr hilfreich sind.

Das lässt sich auch kognitiv vermitteln, es dauert nur länger.

* = Anmerkung: Leuten, die aus Cargo-Kult-Fachgebieten stammen bzw. denen anhängen muss ein anderes Bild angeboten werden, weil dort das Bild "Wissenschaftler" nicht passt.

Samstag, 30. Mai 2015

Die Wasser des Lebens

Zeichnen wir einmal ein Bild. Das, was uns in unserem Leben begegnet, ist Wasser. Sagen wir einmal ein Meer. Manche Orte sind seicht, warm, paradiesisch. Andere sind tiefer, unergründlich. Wieder andere sind stürmisch. Andere tückisch, mit Strömungen unter ruhiger Oberfläche. Dann sind da Ebbe und Flut, ein Auf und Ab, an manchen Küsten schwach, an anderen fast unendlich hoch.

Ein sehr geschätzter Kollege sagte mal zu mir, psychologisch mit Menschen zu arbeiten wäre so wie Kindern das Schwimmen beizubringen. Da ist viel dran. Egal ob es sich jetzt um Beratung, Coaching, Fortbildung, Anleitung zur Selbsthilfe, Rehabilitation oder Therapie im engeren Sinne handelt, letztendlich geht es da nicht darum, die Probleme zu lösen.

Nicht direkt. Nicht bezogen auf das, was das eigentliche Problem ist. Es gibt Gründe, weshalb z.B. im therapeutischen Kontext nicht von Krankheiten gesprochen wird, sondern von Störungen. Eine davon ist, dass das, weshalb Leute zu Psychologen kommen, in aller Regel Folgen von Problemen sind, aber nicht die Probleme selbst. Angststörungen sind z.B. die Folgen bestimmter Denk-, Reaktions- und Handelsmuster, die wiederum von bestimmten Situationen ausgelöst werden.

Anders formuliert, in bestimmten Situationen steht den Leuten das Wasser übern Kopf. Jetzt könnte man natürlich immer Rettungsringe werfen. Oder sie in flacheres Wasser führen. Versteht mich nicht falsch, als Krisenintervention kann das durchaus sehr sinnvoll sein. Das langfristige Ziel aber sollte es sein schwimmen zu lernen, damit es keine Probleme mehr gibt, wenn das Wasser mal zu tief wird. Denn das ist einer der harschen Wahrheiten unserer Existenz, Wasser wird es immer geben. Die Frage ist daher nicht, wie wir eine Wüste leer aller Probleme erschaffen, sondern wie wir es schaffen können, genug Fähigkeiten und Möglichkeiten zu sammeln, um mit dem aktuellen und möglichen zukünftigen Wasserstand zurechtzukommen.

Menschen sind was das angeht sehr unterschiedlich. Manche kriegen schon Schwierigkeiten, wenn ihre Zehen nass werden. Andere können problemlos bis zum Bauch im Wasser stehen. Andere in ruhigem Wasser schwimmen. Andere auch in Wellen. Wieder welche gegen die Strömung. Manche trotzen gar der stürmischen See. Ich finde es immer wieder faszinierend, was Menschen alles schaffen - und es oft gar nicht sehen. Wie ein Fisch, der gar nicht weiß, dass er nass ist.

Aber welche Rolle nimmt nun der Psychologe ein, unabhängig vom Kontext? Anders formuliert, was sollte ein Schwimmlehrer können? Ich würde mal sagen, zuvorderst sollte er schwimmen können.

Samstag, 23. Mai 2015

Die inneren Verhandlungen

Es gibt viele Dinge, welche emotionale Ketten nach schlimmen Ereignissen aufrecht erhalten können. Eine Reaktion scheint auf den ersten Blick positiv zu sein, nur ob sie wirklich so positiv ist, wage ich zu bezweifeln.

Nämlich so eine Art mentale Verhandlungen. Diese können sowohl in die Vergangenheit wie auch in die Zukunft gerichtet sein. Nehmen wir mal als Beispiele eine schwere Erkrankung, eine Trennung und einen Überfall.

Erkrankung
Vergangenheitsorientiert stehen hier Fragen im Vordergrund, weshalb es zur Erkrankung kam, und was man hätte anders machen können.
Zukunftsorientiert stehen hier Fragen im Vordergrund, wie in solche (oder ähnliche) Erkrankungen in Zukunft verhindert werden können. Was man besser machen kann.

Trennung
Vergangenheitsorientiert stehen hier Fragen im Vordergrund, wer Schuld hat, welche Schuld man selbst hat, was man hätte anders machen können.
Zukunftsorientiert stehen hier Fragen im Vordergrund, ob und unter welchen Bedingungen es einen Neuanfang geben könnte, wie bei neuen Partnerschaften eine Trennung aus ähnlichen oder anderen Gründen vermieden werden kann.

Überfall
Vergangenheitsorientiert stehen hier Fragen im Vordergrund, was man hätte anders machen können, um nicht zum Opfer zu werden, seien es andere Wege nehmen, sich in Selbstschutz schulen, vielleicht auch eine Abwägung a la "hätte noch schlimmer kommen können", und so weiter und so fort.
Zukunftsorientiert stehen hier Fragen im Vordergrund, wie man sich in Zukunft schützen kann, was vermieden werden sollte, was man tun kann.

Das Muster sollte ziemlich klar sein. Jetzt aber natürlich die Frage, welche emotionalen Reaktionen haben die Fragen? Sie klingen auf den ersten Blick ja nicht ganz dysfunktional, nur sind sie funktional?
Die vergangenheitsorientierten Verhandlungen sorgen einerseits für Scham bzw. Schuldgefühle, Reaktanz gegen sich selbst ("ich hätte etwas anders machen können!"), sorgen für ein Abdriften in Grübelschleifen. Die zukunftsorientierten Verhandlungen setzen einen unter Druck (denn im Zweifelsfall kann man immer noch mehr tun), bieten einen guten Sprung in Sorgenschleifen. Sie alle halten die Aufmerksamkeit auf das Ereignis, halten es präsent, weil man damit herumverhandelt. Akzeptiert es mit seinen Folgen nicht so, wie es ist. Und das hält es präsent.

Verstehe mich nicht falsch - um aus den eigenen Erlebnissen zu lernen ist es sinnvoll, zu schauen, wie es zu denen kam, und was man in Zukunft anders machen kann. Das ist durchaus funktional. In dem Moment, wo man jedoch in mentales Verhandeln abdriftet, fängt man sich an, dagegen zu sperren. Und sorgt zudem noch für Reue, weil man sich dagegen sträubt, Konsequenzen zu ziehen - denn man verhandelt ja noch (innerlich).

Dienstag, 19. Mai 2015

Die andere Seite des Unwetters

Vor gar nicht so langer Zeit wanderte ich auf mir unbekannten Pfaden entlang; war dabei, meinen neuen Wohnort zu erkunden. Es war früher Abend. Wolken standen am Himmel, das Licht wurde eher diesig. Und es nieselte, ganz leicht. Oft so schwach, wenn ich unter den Bäumen herwanderte, bemerkte ich es nicht einmal.

Frühling ist so eine wunderbare Zeit. Neues Leben erblüht überall, altes Leben erwacht aus der Winterruhe. Eine Zeit des Neubeginns, des sanften Erwachens der Lebensgeister. Ein Bild für so viele Menschen, dass sich etwas verändern kann, mit der Sonne das Licht ins Leben zurück kehrt. Überall am Wegesrand Knospen, in voller Blüte stehende Bäume, wann kann man sich lebendiger fühlen?

Ja, wann eigentlich? Wenn das Leben dahinplätschert, wie ein ruhiger Bach? Wenn es wohltuend ist wie milder Nieselregen auf der Haut? Hat etwas. Durchaus. Aber ich habe da noch eine andere Idee.

Hast du von Kyrill gehört? Orkan, vor nunmehr acht Jahren. Ich bin damals in Hamm gestrandet. Notunterkünfte wurden da aufgebaut. Bahnverkehr komplett zusammengebrochen. Als der Wind eine kurze Weile abflaute, organisierte ich mit drei anderen Gestrandeten mit demselben Ziel eine Taxifahrt. Und was wurde es für eine Fahrt! Da waren Vans, die von Böen in die Leitplanke gedrückt wurden. Umfallende Bäume. Über die Straße klappernde Satellitenschüsseln wie Steppenläufer in Western. Von Häusern wie Konfetti abperlende Schiefertafeln. Jede Böe, denn der Sturm war zurückgekehrt, drückte das Auto zur Seite. Das letzte Stück, außerhalb des Autos, in einem Häusertunnel stehend, zu beiden Seiten Dachziegel niederkrachend.

Wann fühlst du dich lebendig? Wenn du durch den Regen gehst, am besten noch geschützt durch Schirm und Jacke, gar nichts mehr vom Unbill des Lebens erlebend? Oder wenn du durch den Sturm gehst, und am Ende noch rufen kannst "Ich! Bin! Noch! Da!"?

Solche Krisen können einen Menschen erschüttern. Aber in jeder Erschütterung, eben weil es erschüttert, eben weil es an den Fundamenten wühlt, steckt die Chance zum Neuaufbau. Zum Neuanfang. So wie nach Kyrill überall neue Wälder entstanden sind.

Manche Krisen lassen sich umgehen. Vielleicht aber nicht alle. Genauso wie nicht jedes Unwetter vermieden werden kann. Womöglich aber stecken gerade darin Gelegenheiten.

Und sei es auch nur die Gelegenheit, dort heraus gehen zu können und zu wissen "ich bin noch da!"; und vielleicht, nur vielleicht, die darin gewonnene Erfahrung, das gewonnene Wissen mitzunehmen. Wenn nicht gar am Ende die Chance zu einem neuen Anfang zu haben. Einen Anfang, den man ohne Unwetter, ohne Krise nie gewagt hätte.

Sonntag, 17. Mai 2015

Die Sirenengesänge der schnellen Lösungen

Es ist verständlich, dass wir, wenn uns irgendwas quer sitzt, es am liebsten sofort ändern würden. In manchen Fällen geht das auch. In anderen jedoch nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass oftmals gar nicht von Anfang an klar ist, ob mögliche schnelle Lösungen existieren.

So oder so, können von der Idee einer schnellen Lösung auch gewisse Gefahren ausgehen.

1. Die Lösung passt gar nicht zum Problem.
Beispiel, kürzlich blätterte ich bei einer Bekannten durch die Zeitungen und sah da so einen typischen "in einer Woche mit dieser Diät 5 Kilo abnehmen!"-Artikel. Die Zahl könnte sogar stimmen. Denn die empfohlenen Nahrungsmittel wirkten alle entwässernd. Nur was will man verlieren, wenn man abnehmen will? Fett oder Wasser?

2. Die Aussicht auf eine schnelle Veränderung sorgt für eine große Erwartungshaltung.
Problem daran ist, dass diese Erwartungshaltung einerseits für Stress sorgt (und Stress ist niemals gut), andererseits ebenso konstant der Status Quo überprüft wird. Wie sinnvoll ist es, beim Backen eines Kuchens alle fünf Minuten den Ofen aufzumachen? Das hilft nicht, das schadet.

3. Sie setzen oftmals nicht auf der Verhaltensebene ein.
Selbst wenn eine schnelle Lösung funktioniert, sagt das nichts darüber aus, inwieweit sie in Zukunft verhindert, dass das Problem erneut auftritt. Gerade wenn alle Formen von Gewohnheit dazu beigetragen haben sollten. Um Gewohnheiten dauerhaft zu verändern braucht es mindestens Wochen.

4. Je komplexer ein Problem ist, desto radikaler muss die "schnelle Lösung" sein.
Nehmen wir als Beispiel ein Haus, das saniert werden muss. Wenn genug kaputt ist, ist irgendwann die einzige verbleibende schnelle Lösung "abreißen". Jede Lösung, egal wie gut oder schlecht, egal wie schnell oder langfristig, hat Konsequenzen, hat ihren Preis. Je komplexer das Problem ist, desto höher wird dieser Preis bei schnellen Lösungen, auch im Vergleich zu langsameren Ansätzen.

Allerdings möchte ich hier nicht falsch verstanden werden. Es gibt diesen Spruch "für jedes Problem gibt es eine einfache Lösung, und die ist falsch", dem würde ich mich nicht notwendigerweise anschließen. Manche Dinge im Leben sind zeitkritisch, und dann kann es sich auch lohnen, den Preis für die schnelle Lösung zu zahlen. Aber man sollte vorher schauen, passt die schnelle Lösung zum Problem, und sorgt man durch Verhaltensänderungen mit dafür, dass das Problem nicht (so schnell) wieder auftritt?

Sonntag, 10. Mai 2015

Meine beiden größten Kritikpunkte in Bezug auf das gesamte Schulsystem

Letzten Mittwoch hatte ich ein Problem. Genau genommen zwei, wobei eins zum anderen führte. Zuerst hatte ich mir den Magen verdorben. Doof. Also habe ich mich aufs Sofa gepackt und den Fernseher eingeschaltet. Da keine interessanten Dokus liefen, blieb ich bei einer Diskussionsrunde über die Schulbildung hängen. Nach knapp einer Stunde habe ich abgeschaltet, da Bauchschmerzen immer noch besser waren als das, was da ablief. Mein ganz persönliches Highlight war ja, als gesagt wurde "Goethe ist Bildung, Steuererklärung ist Wissen", denn... egal welches Thema, es kann sowohl bildungsfördernd als auch wissensfördernd behandelt werden. Aber das ist etwas für einen anderen Blogbeitrag.

Die beiden Sachen, die ich persönlich als Hauptproblem im Schulsystem ansehe, wurden jedoch nicht einmal angeschnitten. Zugebenermaßen habe ich die halbe Sendung verpasst, doch wirkte keiner der Teilnehmer so, als wäre das Hauptproblem überhaupt auf dem Schirm. Das Nebenproblem... vielleicht ein wenig.

Mein ganz persönliches Hauptproblem, mit meilenweitem Abstand vor jedweden anderen Schwierigkeiten, ist die Fixierung auf richtige Lösungen. Quasi alle Menschen, die durch das Schulsystem gehen, entwickeln eine Abneigung gegen jenen Zustand der Ratlosigkeit, wenn wir nicht weiter wissen. Weiterhin bildet sich der Glaube aus, dass es immer eine richtige Lösung gäbe. Und der Glaube, dass es immer eine richtige Lösung gäbe.

Ein reales Problem, abseits des Schulkontexts, sieht so aus: Entweder wir wissen die Lösung, dann haben wir das Problem nicht. Oder wir wissen die Lösung nicht, dann haben wir das Problem. Wenn dann aber der Zustand der Ratlosigkeit verabscheut wird, wird erst gar nicht gedanklich jenes Gefängnis verlassen, in welchem die Gedanken kreisen. In den Schulen wird vermittelt, dass "ich weiß nicht" schlecht sei. Hat man aber ein Problem, ist "ich weiß nicht" oftmals der schnellste Weg zur Lösung. Weil wir dann auch bereit sind, all die Wege und Möglichkeiten zu betrachten, die es abseits unseres Wissens und abseits unserer normalen Denk- und Verhaltensmuster gibt.

Dazu kommt, dass es nicht nur oft mehr als eine Lösung gibt, sondern sämtliche Lösungen auch allesamt Vor- und Nachteile haben. Sie nicht 100% richtig sind. Tatsächlich ist all das, was wir an Wissen haben, bestenfalls funktional, aber niemals richtig. Alles, was wir jemals über die Welt lernen, ist immer nur ein Abbild des aktuellen Wissensstandes, und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit unvollständig, manchmal gar komplett fehlerhaft. Aber auch fehlerhaftes Wissen kann funktional sein. Viele unserer technischen Errungenschaften beruhen auf Theorien, die später überworfen worden sind. Die Technik funktioniert dennoch. Nur das Wissen, weshalb sie funktioniert, das ist ein anderes Thema.
Schule "lehrt" uns aber das Gegenteil. Es gibt eine richtige Antwort, weil irgendwer (= der Lehrer und seine Quellen) es so sagt, Punkt aus Ende.

(Ich weiß, dass ich hier stark verallgemeinere. Manche Lehrer regen durchaus zu kritischem, ergebnisoffenem Denken an. Die waren aber die absolute Ausnahme; und selbst bei ihnen kamen meinen Beobachtungen nach Drohnen oft sicherer und besser durch.)

Mein zweiter großer Kritikpunkt ist, dass oft vergessen wird, was da überhaupt im Klassenraum für Kreaturen sitzen. Nämlich Menschen. Mit emotionalen und motivationalen Bedürfnissen. Werden die ignoriert, führt das zu Katastrophen. Ich weiß noch, wie in der Sendung gefragt wurde, welchen Wert "Effi Briest" in der heutigen Zeit hat. Woraufhin zwei Politiker (beides Ex-Lehrer) flammende Reden für Effi Briest hielten, was für wichtige und aktuelle Themen darin angesprochen werden.
Was durchaus stimmt. Nur entspricht Effi Briest aufgrund des Schreibstils, der Charakterisierung, der Geschichtenentwicklung etwa dem Buchäquivalent einer Elektroschockbehandlung in Bezug auf Lesemotivation. Effi Briest mag seine Zielgruppe haben - aber die allermeisten Schüler sind es nicht. Zu sagen, es gehe völlig an emotionalen und motivationalen Bedürfnissen vorbei, wäre gelogen - denn genau genommen frustriert es diese oft. Ich kenne mehr als genug Schüler, die eifrige Leser waren - dann irgendwann mal Effi Briest lesen mussten, und anschließend über Monate, manche über Jahre, freiwillig kein Buch mehr angefasst haben.
Inhalte sind wichtig. Aber um Inhalte vermitteln zu können, müssen Menschen - und damit auch Schüler - sowohl emotional als auch motivational mitgenommen werden. Sonst machen sie entweder dicht, oder arbeiten nur sehr widerwillig und sich selbst zwingen müssend mit. Keine guten Vorzeichen.

Das Ende des Säbelzahntigers

Was sehe ich, wenn ich aus dem Fenster blicke?

Ich sehe eine Landschaft, die vor zehntausend Jahren von Eis bedeckt war. In unserer Wahrnehmung eine Ewigkeit, geologisch wenig mehr denn ein Wimpernschlag. Eine Landschaft, in der unsere Vorfahren sich in Höhlen versteckten, Feuer ein heiliges Wunder war, Säbelzahntiger und andere Großtiere die Welt zu beherrschen schienen. Eine Zeit, in der unsere Vorfahren in Erdlöchern saßen und wenig mehr als Stöcke hatten.

Ich sehe eine Landschaft, in der vor zweitausend Jahren keine Säbelzahntiger mehr lebten. Eine Landschaft, durchzogen von Straßen und Mauern. Dörfern und Städten, errichtet zum Schutz vor den Elementen, in denen sich zugleich auch die Elemente Untertan gemacht worden waren. Feuer, Wasser, was das Leben so viel einfacher machte. Eine Zeit, in der längst Obst und Gemüse und Getreide nicht mehr gesucht wurde, sondern in Feldern gefangen worden war. Eine Zeit, in der riesige Festungen ebenso erbaut wie durch Waffen niedergerissen werden konnten, wo durch Schiffe die Ozeane überwunden und durch damals moderne Waffen kein Tier mehr der Menschheit gewachsen war.

Ich sehe eine Landschaft, in der vor einigen Jahrzehnten Häuser gebaut worden sind. Wasser, Licht und Wärme auf Knopfdruck. Eine Landschaft, in der die einzig verbliebene wirkliche Gefahr wir selbst sind. Alle anderen? Überwunden. Und in diesen Häusern Kabel und Funkwellen, die jeden Menschen theoretisch mit jedem anderen Menschen zu verbinden mögen. Flugzeuge am Himmel. Darüber noch eine internationale Raumstation. Und darüber noch den Mond, den schon ein Mensch betreten hat.

Hätte daran irgendeiner unserer Vorfahren denken können, der vor zehntausend Jahren in einem Loch saß? Und doch steckte es in ihnen. In uns allen. Wir sind Überlebensmaschinen. Uns verbindet eine ungebrochene Linie vom heutigen Tag zurück zu den Anfängen des Lebens.

Was hat uns dahin gebracht, wo wir heute sind? Stärke? Geschicklichkeit? Soziale Ader? Größere unseres Gehirns? Hm?

Diskutabel.

Eins können wir Menschen besser als jedes Lebewesen auf diesem Planeten: Probleme lösen. Das konnten wir schon immer. Die Grenzen des Möglichen immer weiter verschieben. Und damit die Welt selbst neu zu gestalten.

Nun ist ein Mensch nicht die Menschheit, und unsere Lebenszeit ist begrenzt. Doch werden wir meistens mit ungleich kleineren Problemen konfrontiert als "wie kann man Menschen fliegen lassen?", "wie sorgt man für sicheres Licht?", "wie macht man sich Naturkräfte zunutze?" oder auch nur "Hilfe, da ist ein Säbelzahntiger im Busch!"
Was können wir alles lösen, an unseren eigenen Problemen, von denen wir gar nicht zu glauben vermögen, dass sie überhaupt lösbar sein könnten? Was können wir alles lösen, an unseren eigenen Problemen, wenn wir uns darauf besinnen, was wir als Person, als Mensch, aber auch als Teil der Menschheit schon alles an Problemen gelöst haben? Welches Problem kann uns wirklich widerstehen?

Ich sehe aus dem Fenster, und was ich nicht sehe, ist ein Säbelzahntiger.

Mittwoch, 6. Mai 2015

Primärer und sekundärer Krankheitsnutzen

Warum werden wir überhaupt krank? Hm. Das haben wir kaum in der Hand. Aber wie kommt es, dass wir Krankheitssymptome verspüren? Welchen Sinn hat es, dass wir leiden - körperlich, geistig - nur weil etwas nicht stimmt?

Hier kommt der primäre Krankheitsnutzen ins Spiel. Fieber z.B. hilft bei der Bekämpfung von Krankheitserregern. Schmerz bedeutet, irgendwo ist etwas kaputt und muss geschont werden (oder anderweitig nicht in Ordnung). Durch Erbrechen sollen mögliche Gifte im Magen entfernt werden, bevor sie noch mehr Schaden anrichten. Ist alles nicht schön, hat aber in den allermeisten Fällen einen Sinn.

Dann gibt es aber auch noch einen sekundären Krankheitsnutzen. Der ist schwieriger zu fassen. Das sind positive Nebeneffekte der Krankheit. Nehmen wir ein Schulkind, das vor einer Mathearbeit steht. Es überstresst sich, und der Stress resultiert z.B. in Magenkrämpfen, primärer Krankheitsgewinn Stressabbau (auf eine dysfunktionale Art und Weise, aber nun gut). Bleibt das Kind nun zuhause, muss also die Arbeit nicht mitschreiben, kommt es zum sekundären Krankheitsgewinn - eben der nicht mitgeschriebenen Arbeit. Was nun dummerweise die Wahrscheinlichkeit erhöht, auch in Zukunft zu somatisieren (also Stress durch körperliche Beschwerden auszudrücken).

Wichtig dabei ist, sekundärer Krankheitsgewinn ist keine Simulation! Ich habe schon einige richtig üble Fälle erlebt, wo Menschen sehr gelitten haben, teilweise auch schon eine Menge Therapieerfahrung hinter sich hatten, sie sehr änderungsmotiviert waren; und doch keine Besserung eintrat. Bis dann irgendwann einmal jemand auf die Idee kam, erst andere Möglichkeiten aufzuzeigen, dieselben Sekundärnutzen zu erreichen, ohne die Krankheit haben zu müssen.

"Krankheitsgewinn" klingt jetzt sehr klinisch. Kommt auch aus dem Bereich. Das Prinzip gilt jedoch für Probleme aus allen Lebenslagen.

Bewusste sekundäre Krankheitsgewinne sind meist sehr leicht zu identifizieren - da fehlt es dann der Person an Änderungsmotivation. Ist aber Änderungsmotivation da, aber baut sich das Problem immer wieder neu auf, dann könnte es sich um einen unbewussten Sekundärnutzen handeln, den man mit im Hinterkopf behalten sollte. Nimmt man den nämlich nicht mit, dann viel Glück.

Freitag, 1. Mai 2015

"Das Leben geht weiter"

Ich höre immer wieder, wie viele Menschen den Satz "das Leben geht weiter" hassen. Es klingt wie eine hohle Phrase, einen daher gesagten Satz, der scheinbar vorhandenes Leid lindert. Nicht hilft. Nicht zu helfen scheint. Wie kann er auch helfen, wenn eine schlimme Katastrophe über das eigene Leben herein bricht? Wenn sich vor einem eine riesige Schlucht öffnet, oder ein hoher Berg auftürmt?

"Das Leben geht weiter" klingt so ein wenig wie "die Zeit heilt alle Wunden", noch mehr Phrasendrescherei. Letzteres hat jedoch einen etwas anderen Inhalt. Auch einen, den ich so nicht unterschreiben würde. "Das Leben geht weiter" hingegen kann ein Schutz sein gegen Überforderung, auch gegen so ein faszinierendes Phänomen namens "gelernte Hilflosigkeit".
 
Weshalb gegen Überforderung? In Krisen zählt jeder geschaffte Schritt, jeder weggeräumte Stein, jedes überwundene Hindernis. Auch wenn dahinter noch viele weitere liegen. Es muss nicht alles gleichzeitig wieder gut werden. Ein Schritt nach dem anderen. Ganz aktuell fand ich da ein Interview mit einem Erdbebenopfer in Nepal interessant - völlig glücklich darüber, jetzt ein Zelt bekommen zu haben! Wieder nachts trocken und halbwegs geschützt schlafen zu können!
 
"Die Zeit heilt alle Wunden" impliziert, dass etwas von alleine wieder gut werden würde. Mag manchmal der Fall sein. Oftmals aber müssen wir selbst aktiv werden. Und dann zählt es, weiterzumachen. Eben weil das Leben weiter geht. Einen Schritt nach den anderen.
 
Am heutigen Tag blicke ich, wie ich zugeben muss, mit etwas gemischten Gefühlen zurück. Vor genau zehn Jahren weckte mich ein lautes Geräusch - Rauchmelder. Ich taumelte aus dem Bett, in den Flur, roch Schmorrgeruch. Sah dann in der Küche, neben dem Gasherd, Rauch aus einer Steckdose quellen. Kurz darauf war aus der Wohnung eine Bauruine geworden. War nicht schön. Aber das Leben ging weiter. Wie bei jeder anderen kleinen und großen Krise.

Immer wieder höre ich den Wunsch, keine Probleme mehr zu haben. Wie realistisch ist das? Kaum. Wichtiger, als keine Probleme im Leben zu bekommen, ist doch, die Probleme, die uns begegnen, zu überwinden, zu lösen. Eben weil auch in Krisenzeiten das Leben weitergeht. Und wir immer neue Anläufe starten können unser Leben zu verbessern. Das ist das, was meiner Meinung nach in "das Leben geht weiter" steckt. Die Unendlichkeit der neuen Chancen, so lange wir leben.

Samstag, 25. April 2015

Das Nicht-Teil

Sagen wir, jemand hat ein Problem. Welches auch immer. Welche Fragen stellst du?

Überlegen wir einmal typische Fragen:
- "Was ist das Problem?"
- "Wie erklärt sich derjenige sein Problem?"
- "Was muss derjenige tun, damit das Problem gelöst wird?"
- "Wie kam es zum Problem?" (Okay, das ist eine doofe, da zu unkonkrete, Frage, konkretisieren wir einmal!)
- "Was tat derjenige, damit es zum Problem kam?"
- "Was tut derjenige, damit das Problem aufrecht erhalten wird?"
- "Welche Umweltbedingungen waren da, dass das Problem entstand?"
- "Welche Umweltbedingungen sind da, dass das Problem aufrecht erhalten wird?"


Das sind durchaus wichtige Fragen. Was passiert nun, wenn wir das Wort bzw. Konzept des "Nicht" einbauen?

- "Was ist nicht das Problem?"
=> Differentialdiagnostik!

- "Wie erklärt sich derjenige nicht sein Problem?"
=> Hier lassen sich die Grenzen der gedanklichen Karte austesten. Auslöser und Lösung sind oft irgendwo außerhalb. Denn wenn sie es nicht wären, dann hätten die meisten das Problem schon gelöst.

- "Was muss derjenige nicht tun, damit das Problem gelöst wird?"
Ich formuliere mal schöner, dann springt es mehr ins Auge! "Was muss derjenige aufhören zu tun, damit das Problem gelöst wird?", genauso umfasst es natürlich ebenso allen Ramsch, der keinen Einfluss hat. Regentänze bei einer Axt im Rücken sind wohl eher nicht hilfreich. Aber der Punkt, womit jemand aufhören sollte, ist oftmals sehr, sehr bedeutsam.

- "Was tat derjenige nicht, damit es zum Problem kam?"
- "Was tut derjenige nicht, damit das Problem aufrecht erhalten werden kann?" 
- "Welche Umweltbedingungen waren nicht da, dass das Problem entstand?"
- "Welche Umweltbedingungen sind nicht da, dass das Problem aufrecht erhalten wird?"
=> Dies ist keine einfache Verneinung. Hier wird nach Lücken gefragt. Dinge, die fehlen. Ich habe Menschen erlebt, die eine unendliche Therapiegeschichte hinter sich hatten, quer durch alle Richtungen. Theoretisch also austherapiert. Dennoch hat dann doch irgendwann mal wer den Knoten gelöst. Die haben dann aber nach dem geschaut, was jemand unterlässt, was im Leben fehlt, wo irgendeine große Lücke klafft, die auf den ersten Blick gar nicht Teil des Problems zu sein scheint, aber doch zu dessen Entstehung bzw. Aufrechterhaltung in entscheidendem Maße beitrugen.

Sein und Nicht-Sein sind keine zwei Gegensätze. Sie sind nicht einmal zwei Seiten derselben Medaille. Sie sind mehr wie Puzzlestücke, die erst zusammen ein gemeinsames Bild ergeben.

Samstag, 18. April 2015

"Das habe ich mir schon gedacht!"

Gestern berichtete mir jemand, einen Traum gehabt zu haben. In jenem Traum sei eine ganz wichtige, schlimme Nachricht gekommen. Dann an dem Tag kam tatsächlich per Post ein Brief. War (nur) die Nebenkostenabrechnung, und dennoch dann im Brustton der Überzeugung "habe ich doch gewusst, da kommt irgendwann was!"

Sprechen wir einmal einen Moment über eine schöne Kombination aus Phänomenen. Vage Angaben und den so genannten "confirmation bias". Der Confirmation Bias ist unsere Tendenz, Beweise für unsere Überzeugungen zu finden. Wer sich für toll hält, wird Gründe dafür finden. Wer sich für problembeladen hält, wird Gründe dafür finden. Wer in ein bestimmtes (welches auch immer!) politisches Spektrum neigt, wird immer wieder Hinweise für die eigene Überzeugung finden.

Das wird ziemlich explosiv, wenn vage Vorhersagen dazu kommen, gerade wenn es um so Sachen wie Selbstwertprobleme, Sorgen, Selbstwirksamkeitserwartungen, generalisiertes Misstrauen und sehr viel mehr geht.

Ich werde jetzt einmal kurz zum Hellseher und sage, noch in diesem Jahr wird eine große Naturkatastrophe durch die Nachrichten gehen!
Wenn ich jetzt nach Bestätigung für diese Vorhersage suche, wird das sehr einfach sein. Darunter fällt so ziemlich alles, von Unwettern, Erdbeben, Fluten, Vulkanausbrüchen, Dürren. Auch die Zeitangabe ist ziemlich weit.

Mein Hellseherbeispiel scheint lustig zu sein. Wenn aber wenig selbstdienliche Vorhersagen aufgestellt werden, die durch ihre bloße Unbestimmtheit sehr wahrscheinlich eintreten werden, die dann wiederum irgendeine dysfunktionale Überzeugung dank Confirmation Bias füttern, dann fängt es an, für mich interessant zu werden. Für die betroffene Person aber? Weniger lustig.

Mittwoch, 15. April 2015

Das Binärproblem

Binärcode, Nullen und Einsen. Eine einfache Welt. Schwarz und Weiß, Gut und Schlecht. Im Informatikbereich funktioniert binäre Sprache gut, da aus Nullen und Einsen alles aufgebaut wird. Egal ob diese Buchstaben, ein Musikstück oder ein Video - was immer Du auf dem Rechner (oder dem Smartphone) siehst, intern besteht es aus Nullen und Einsen. In gewisser Weise funktioniert auch unser Gehirn so. Was deine Augen gerade sehen, wird überhaupt erst einmal von Sinneszellen wahrgenommen. Oder eben nicht wahrgenommen. Sie kennen diese zwei Zustände, entweder sie nehmen wahr und feuern, signalisieren also "1"; oder sie nehmen nicht wahr und feuern nicht, signalisieren also "0". Zugegebenermaßen spielen hier auch Frequenz und Kontrasteffekte eine Rolle, aber nun gut. Darum soll es mir heute nicht gehen.

Auch nicht um Binärsprache. Mir geht es um Informationsverlust. Sowohl in der Forschung wie auch im medizinischen Kontext wie auch so ziemlich überall sonst kommt es zu riesigen Problemen, wenn auf einer Skala von 1 bis 10 (fast) alles zwischen der 1 und der 10 ausgeblendet wird. Oder anders gesagt, es wie beim Binärcode nur noch Nullen und Einsen gibt. Was meine ich mit Informationsverlust?

Wenn alles immer nur "gut" ist, wird schnell übersehen, was nicht gut ist und dabei noch nicht so schlecht, um auf "schlecht" umzufallen. Ich habe schwer depressive Leute erlebt, bei denen "alles perfekt, alles wunderbar" war. Und doch hat sich unter der Wahrnehmungsschwelle eine riesige Menge Unrat angesammelt, und es war alles andere als gut.

Wenn alles immer nur "schlecht" ist, ist es schwer, die wirklich großen Probleme zu erkennen. Oder auch nur Gefahren wahrzunehmen. Ich habe so etwas vor nicht allzu langer Zeit selbst erlebt. Jemand, bei dem alles immer eine Katastrophe, alles immer schlimm war - und als die Katastrophe wirklich eintrat, sie niemand mehr für voll nahm. Jedenfalls bei weitem nicht rechtzeitig.

Die Welt ist voller Schattierungen von Grau. Sie auszublenden, nun ja, das ist die eigene Entscheidung. Wichtig erscheint mir jedoch im Hinterkopf zu behalten, wenn man mit anderen Menschen arbeitet, es gibt doch so einige Menschen, welche in binären Denkmustern verhaftet sind. Wenn man das selbst weiß, lässt sich dem entgegen wirken. Allein schon, indem man die eigene Wahrnehmung schärft.

Sonntag, 12. April 2015

Die Möglichkeit zu Gehen

Eins fasziniert mich am "amerikanischen Traum". Weniger die leider nur selten in Erfüllung gehende Geschichte 'vom Tellerwäscher zum Millionär', sondern die in den USA viel verbreitete Möglichkeit für Neuanfänge. Nehmen wir eine überschuldete Immobilie! In Deutschland hängt die einen ewig nach, in den USA zieht man einfach aus, die Sache fällt an die Bank, und man ist heraus. Sicher, wohnungstechnisch muss man neu anfangen, aber man fängt neu an ohne noch an der vergangenen Unterkunft finanziell gebunden zu sein.

Gehen zu können ist etwas, was sehr viel mit Seelenfrieden zu tun hat, beziehungsweise haben kann. Denn es hat sowohl etwas mit Freiheit wie auch mit Macht zu tun. Überlegen wir mal ein paar weitere Beispiele!

- Wer ist anfälliger für Mobbing? Jemand, der an einem Arbeitsplatz gebunden ist; oder jemand, der im Zweifelsfall gehen kann?

- Wer ist anfälliger für Burnout? Jemand, der aufgrund finanzieller Anforderungen an ein hohes Lohnniveau gebunden ist; oder jemand, der auch mit weniger Gehalt zurechtkommen kann?

- Wer ist anfälliger für finanzielle Krisen aufgrund extremer Mieterhöhungen? Jemand, der an den Wohnort gebunden ist; oder jemand, der ortsmäßig ungebunden ist?

- Wer ist anfälliger für fortgesetzte häusliche Gewalterfahrungen? Jemand, der an den Partner gebunden ist; oder jemand, der auch auf eigenen Beinen stehen kann?

- Wer ist anfälliger für emotionale Abstürze nach Fehlschlägen? Jemand, der ein Ziel verfolgt; oder jemand, der mehrere Ziele gleichzeitig verfolgt?

Und so weiter, und so weiter, und so weiter. Jemand, ich weiß nicht mehr, wer es war, ich weiß nur, der Spruch ist schon mehrere Jahrzehnte alt, sagte einmal, Therapie sei in erster Linie die Wiederherstellung von Wahlmöglichkeiten. Es gibt immer äußere Faktoren, die wie Zwänge wirken können. Die uns den Eindruck vermitteln, es ginge nicht anders. Das der Weg, den wir beschreiten; oder der Ort, an dem wir uns befinden, alternativlos seien. Ob dies wirklich der Fall ist, ist jedoch sehr oft sehr diskutabel.
Problem nun ist, es bringt wenig, wenn von außen andere Alternativen aufgezeigt werden. Ziel muss es sein, um die Ketten zu brechen, dass jemand selbst erkennt, da sind Wahlmöglichkeiten.

Hier kommt es aber dann manchmal zu einem Problem. Es ist leicht, Alternativen zu sehen, wenn bereits Alternativen da sind. Was aber, wenn gerade keine Alternativen in Sicht sind? Was sowohl beinhaltet, dass entweder wirklich keine da sein sollten, oder jene nicht wahrgenommen werden, was dann? Die Möglichkeit, gehen zu können, scheint da wie der letzte Ausweg zu sein. Oftmals aber scheint es mir so zu sein, dass es sich dabei um den Anfang handelt.

Ohne gehen zu können fehlt es uns an Autonomie, an Macht. Ich werde oft gefragt, wenn sich jemand in einer dysfunktionalen Beziehung befindet (Familie, Freunde, Partnerschaft, Arbeitsplatz, Wohnsituation, was auch immer), wie man denn andere verändern könnte. Irgendwelche tollen psychologischen Manipulationstricks! Wieso nun sollten sich andere verändern, wenn man keine Hebelwirkung hat? Weil man eh weitermacht wie bisher? Weil man gar nicht anders kann?

Samstag, 4. April 2015

Zwei Mauern

Einst hörte ich vom Gespräch eines Wanderers. Er reiste durch den fernen Osten, kam dort an eine große Mauer. Die chinesische Mauer, ein unermessliches Bauwerk, das sich über Täler und Hügel schlängelte. Wachtürme, wie aufgepfropft auf der Linie. Schwer befestigte Durchgänge, noch aus alten Tagen. Ein Einheimischer war dort.

Der Einheimische erzählte vom Ursprung der Mauer, wie sie vor Jahrhunderten Horden von Barbaren abwehrte. Zu einem Symbol wurde. Jene unüberwindliche Mauer wurde für die Barbaren China.
"Die Mauer ist China?" fragte der Wanderer irritiert.
"In ihr steckt all die Baukunst, all die Hingabe, all die Größe Chinas!" antwortete der Einheimische. Der Wanderer ließ seinen Blick schweifen, von der einen Seite des Horizonts zum anderen. Überall sah er jene Schlangenlinie des Mauerwerks.
"Die Barbaren sahen China, wenn sie auf die Mauer schauten." meinte der Wanderer, der Einheimische nickte. "Was sahen aber die Chinesen?"
"Auch China!" erwiderte der Einheimische.
"Sahen Sie in diesem Bauwerk die Reisfelder tief im Landesinneren?" fragte der Wanderer. "Die großen Metropolen mit ihren quirligen Märkten im Osten? Das Meer und Fischerdörfer? Die Menschen, die vor der Mauer da waren? Die Menschen, die seit dem Bestehen der Mauer das Land formten?"
"Für sie alle steht die Mauer als Symbol." erwiderte der Einheimische.
"Mauerwerk, Begrenzung. Eine steinerne Feste." entgegnete der Wanderer. "Mit zwei Seiten. Eine zu Abwehr, 'hier kommt niemand herein, hier soll niemand herein!'; eine zur Verteidigung, 'da draußen wartet das Böse!', ist das wirklich alles?"

Der Einheimische schwieg, und der Wanderer setzte seine Reise fort. Er sah auf seinen Reisen wachsende kleine Dörfer. Flüsse, die im Laufe der Jahreszeiten ihren Lauf änderten. Wälder und Wüsten, bewohnt von Menschen ganz unterschiedlicher Kultur. Er sah Zeugnisse von Geschichte, die Jahrtausende zurück reichten. Er sah eine Zukunft, die sich weit in kommende Jahrzehnte strecken würde. Er sah Erfahrungen, Potentiale, Möglichkeiten; aber auch Schwierigkeiten, Sorgen, Nöte. So viel, was nicht die Mauer ist. Und da musste er an den Einheimischen denken, dem er zuerst begegnet war, und der nur die Mauer sah, jene Grenze, jene Abwehr, die doch nicht das ist, was dahinter lag.

Samstag, 28. März 2015

Unbequem Leidende

Ich erinnere mich nicht mehr an den Namen. Vor einigen Jahren wurde ein Mensch mit deutscher Staatsangehörigkeit von der CIA entführt und in Guantanamo gefoltert. Irgendwann kam heraus, dass die damalige Regierung sich so absolut gar nicht für dessen Freilassung eingesetzt hatte. Als der Mann dann wieder frei war, hat er sich alles andere als ruhig verhalten - so wurde er irgendwann wegen Brandstiftung festgenommen. Da waren dann die Entschuldigungen für die Regierung da, denn auch wenn der Mann wie sich herausstellte unschuldig nach Guantanamo verschleppt worden war, danach hat er ja doch ganz furchtbares Verhalten gezeigt!

Gehen wir einmal in die Gegenwart. Stellen wir uns einmal folgende Person vor. Ein berühmter Fernsehmoderator, der unter chronischen schweren Schmerzen leidet, der vor kurzem einen Todesfall im engsten Familienkreis hatte, dessen langjährige Ehe zur selben Zeit in die Brüche gegangen ist, und der beruflich extrem viel Verantwortung trägt und unter enormen Stress steht. Nachdem an einem Tag dann noch einiges schief gelaufen ist, entgleist er - gibt einem Mitarbeiter eine Ohrfeige, attackiert ihn verbal. Hinterher versuchte er sich mehrfach zu entschuldigen, zeigte sich dann selbst an.  Dennoch, was für ein furchtbarer Mensch!

Problem ist, nicht alle Menschen sind "bequem", wenn sie leiden. Manche richten den Schmerz nach innen - Traurigkeit, Leere, "klassische" Depression. Aber das tun nicht alle. Manche Menschen, die leiden, richten den Schmerz auch nach außen. Wut, Gereiztheit, Jähzorn. Sie leiden genauso, nur sind sie gesellschaftlich unbequem. Sie verhalten sich nicht wie ein "gutes Opfer", sondern wie ein in die Ecke gedrängtes Tier, das nach allen Seiten hin zuschnappt.

Wir als Außenstehende haben dann die Wahl, wie wir damit umgehen. Auf Wut mit Wut und Abwertung zu reagieren, oder überhaupt erstmal den Schmerz, der hinter der Wut steht, zur Kenntnis zu nehmen. Ich persönlich empfinde es als problematisch, dass oft nur "passiv Leidenden" Mitgefühl entgegen gebracht wird, da ihr Leid für die Umwelt bequemer ist. Stattdessen finde ich, dass jedes Leid gelindert werden sollte, egal wie es sich ausdrückt.

Sonntag, 22. März 2015

Automatisierte Entscheidungen I

Wie viele Entscheidungen triffst du pro Tag? Keine? Ein paar? Vielleicht sogar ein Dutzend?

Ich erinnere mich an die Aussage eines Ernährungsexperten, der sagte (und das durchaus glaubhaft erläuterte), dass wir allein in Bezug auf unsere Ernährung jeden Tag mehrere hundert Entscheidungen träfen. Rechnen wir dies auf unseren gesamten Tag hoch, dann müssten wir bei Abertausenden Entscheidungen pro Tag sein. Kommt uns das so vor? Mir zumindest kommt es nicht so vor.

Die allermeisten Menschen erledigen Entscheidungen automatisch. Einerseits werden nur die offensichtlichsten Alternativen bei bewussten Entscheidungen wahrgenommen, andererseits viele andere Entscheidungen unbewusst, automatisiert gefällt. Allerdings hat man schon bei der Wahrnehmung der 'offensichtlichsten Alternativen' einen Automatismus drin.

Dies ist per se nichts Schlechtes. Es bewahrt uns davor, immer wieder Unsinn auszuprobieren, wie z.B. zu versuchen, Spiegeleier im Kühlschrank zu braten. Genauso hält es den Kopf frei, wir müssen nicht darüber nachdenken, wann wir zur Arbeit gehen, ob wir überhaupt zur Arbeit gehen, warum wir zur Arbeit gehen, und so weiter und so fort. Müssten wir unzählige Entscheidungen bewusst und unter Abwägung aller Alternativen fällen, wir wären nicht mehr lebensfähig.

Zum Problem wird es, wenn wir automatisiert Entscheidungsalternativen ausschließen und ebenso automatisiert Entscheidungen treffen, welche nicht in unserem Sinne sind. In dem Fall verlieren wir extrem viel Handlungsspielraum, auch in Bezug auf die Fragen, wie wir uns fühlen, wer wir sind, was wir können, wie unsere Zukunft gestaltet werden kann. Ein zentraler Aspekt psychologischer Beratung ist gar nicht, dem anderen zu sagen "wie es richtig geht", sondern Wahlmöglichkeiten wiederherzustellen, die durch Automatisierungen verloren gegangen sind.

Freitag, 20. März 2015

Die Aussprache des Unausgesprochenen

Irgendwie ist es ja doch faszinierend, zu bemerken, wie man sich selbst gedanklich ein Bein stellt. Ziemlich am Anfang meiner klinischen Ausbildung hörte ich, wie ein Dozent sagte, "manchmal geht es auch nur darum, das Unausgesprochene zur Aussprache zu bringen". Für mich klang das so simpel. Keine kognitiven Umstrukturierungen, keine verhaltensorientierte Intervention, keine Exposition, kein Aufarbeiten von Konflikten, kein gar nicht. Wie kann das schon helfen?

Und doch bemerke ich beinahe wöchentlich, wie genau das schon hilft. Wenn das vorher nicht Ausgesprochene doch ausgesprochen wird, egal wie klein oder groß es ist. Ich habe so oft gesehen, wie es Menschen danach massiv besser ging, ohne dass daraufhin irgendeine weitergehende Maßnahme ansetzte.

Und dann ging auch mir endlich ein Licht auf.

Auf der einen Seite kostet es sehr viel Kraft, um etwas hinter mentalen Mauern zu halten. Viele Ressourcen werden gebunden. Etwaige Wunden können so auch hinter Mauern kaum heilen. Werden die Sachen nur ins Licht geholt, befreit das viele Ressourcen, und die Selbstheilungskräfte (die jeder von uns hat, sonst wären wir nicht lebensfähig) können greifen.

Auf der anderen Seite ist oben vielleicht ein Verfahren aufgefallen. Exposition. Eigentlich fallen darunter Konfrontationen mit genau den Dingen, die jemand sonst vermeidet (z.B. Spinnen bei einer Spinnenphobie). In dem man darüber spricht, wird nicht länger vermieden, es findet eine Art mentale Exposition statt - mit dem, was hinter der Mauer des Schweigens verborgen war.

Und zudem wird das, was ausgesprochen ist, in gewisser Weise "fester", realer als bloße Gedanken. Damit auch kleiner. Handhabbarer. So als würde etwas, was im Schatten verborgen war, ans Licht gezerrt.

Montag, 16. März 2015

Rollenabhängige Kommunikationsbeschränkungen

Mit unterschiedlichen Menschen kommunizieren wir unterschiedlich. Klingt simpel, aber dahinter verbergen sich einige große Problembereiche. Weniger problematisch ist, dass wir zielgruppenorientiert kommunizieren. Oder anders formuliert, wir sprechen mit einem fünfjährigen Kind anders als mit einem Erwachsenen; genauso mit einem Erstklässler anders als mit einem Zehntklässler.

Allerdings bestimmen auch die Positionen zueinander im Leben, wie wir miteinander kommunizieren, welche Themen möglich sind, und wie frei miteinander gesprochen wird. Zwischen Arbeitskollegen sind andere Themen und ein anderer Umgang miteinander akzeptabel als innerhalb einer Familie. Innerhalb einer Familie wird zwischen Eltern und Kindern anders kommuniziert als zwischen Partnern. Mit Freunden sind andere Themen möglich als mit Bekannten. Jede Rolle ist mit Kommunikationsbegrenzungen verbunden. Arbeitskollegen können miteinander nicht im selben Maße so offen sein wie z.B. Patient und Arzt.

Wieso nun könnte das wichtig sein? Viele Menschen neigen dazu, Bezugspersonen mehrere Rollen aufzuerlegen, z.B. Arbeitskollege und Freund. In solchen Fällen nun gelten die Grenzen beider Rollen.

Ob das jetzt gut oder schlecht ist, darüber lässt sich streiten. Im Hinterkopf behalten sollte man es, wenn es zu Situationen kommt, wo man eine möglichst unzensierte Kommunikation benötigt. Die bekommt man nicht notwendigerweise, wenn man Leute fragt, auf die mehrere Bindungen zutreffen.

Spinnen wir mal eine hypothetische Situation. Aufgrund einer rechtlich unklaren Lage soll ein Anwalt befragt werden. Eigentlich sollte man ja meinen, der alte Freund seit Kindheitstagen, der zufällig auch Anwalt ist, wäre der beste Ratgeber, da er ja schon sehr persönliche Kenntnisse über die Situation hat. Aus der Perspektive könnte es auch stimmen. Nur fehlt da einerseits möglicherweise auch der Abstand, andererseits könnte er aus Rücksicht auf Gefühle beschönigt oder anderweitig verzerrt kommunizieren. Das wiederum könnte zu falschen Entscheidungen führen...

... und jetzt denken wir einmal an Situationen, wo es richtig weh tun kann. Arzt und Patient zum Beispiel, wenn zwei Diagnosen im Raum stehen, und eine davon eine sehr schmerzhafte Behandlung nach sich ziehen würde. In welche Richtung dürfte der Arzt-Freund schon unbewusst hin tendieren? Wie wird er die Alternativen kommunizieren?

Doppelrollen können zu Problemen führen.

Sonntag, 8. März 2015

Signale im Rauschen

Im Bereich technischer Kommunikation (also der Kommunikation zwischen Geräten) gibt es den Begriff der "signal to noise ratio", welche beschreibt, wie viele von den empfangenen Informationen Signal (also wertvoll) und wie viel "Hintergrundlärm"/"Rauschen" ist.

Ich erinnere mich da an den Fernsehempfang vor einigen Jahrzehnten, so man kein Kabel hatte. Wenn es draußen stürmte, empfing da die Technik mehr Rauschen und die Bildqualität ließ spürbar nach. Anders formuliert, das Bild wurde verschneit. Bei der modernen digitalen Technik passiert so etwas ja nicht mehr. Also nicht, dass es keine Störungen mehr gäbe. Nur statt Schnee gibt es nun Blöckchenbildung. Aber apropos Kabel. Das Problem gibt es da auch - zu lange Kabel ohne Verstärker verlieren zu viel Signal, und am Ende ist das Bild verschneit oder verblockt.

Auch in menschlicher Kommunikation gibt es eine "signal to noise ratio", nur wirkt sie sich dort weniger offensichtlich aus.

Viele Personen haben ihre eigene Art Informationen weiterzugeben. Je weniger eine Person zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen unterscheidet, desto schwerer wird es für andere, das Signal im Rauschen zu erkennen. Umgekehrt, und das führt immer wieder zu weiteren Kommunikationsproblemen, erwartet jemand, der viel "Informationsrauschen" aussendet, ebenso viel "Informationsrauschen" zu erhalten. Sich dort präziser auszudrücken (also mehr Signal unterzubringen) kann hier einen gegenteiligen Effekt haben. Es ist so, als würde ein Empfangsgerät mit einem Grundrauschen rechnen (weil es selbst so senden würde), und daher bei zu wenig Rauschen die empfangenen Informationen falsch interpretieren, quantitativ ("zu wenig") als auch inhaltlich (da der Rauschfilter dennoch Informationen herausfiltert, und so wichtige Signale verloren gehen).

Dabei scheint es mir mehrere Arten von Rauschen zu geben. Eine Form des Rauschens ist die Informationsvervielfältigung. Die Information wird mehrfach weitergegeben, was beim Gegenüber als Redundanz wahrgenommen wird. Eine andere Form des Rauschens sind Abschweifungen vom Thema (das Bildnis oben vom Fernseher ist genau genommen Rauschen, auch wenn es einen Zweck hat). Eine weitere sind Details, die eigentlich nichts zur Sache beitragen. Dummerweise ist da aber nicht immer vorher klar, was wichtig ist, und was nicht.

Das betrifft nicht nur die verbale Kommunikation. Körpersprache und co kann ebenso Signal wie auch Rauschen liefern. Aber, und das ist der interessante Aspekt, meiner Erfahrung nach ist die "signal to noise ratio" dort zumeist (aber nicht immer!) besser. Tatsächlich, ich möchte hier an die Reihe über Motiverkennung erinnern, hilft es oft, Signal im Rauschen zu erkennen, wenn das Signal kongruent verbal wie auch nonverbal gesendet wird. Soll heißen, Wortsprache und Körpersprache im Einklang sind.

Samstag, 7. März 2015

Abwechslung(en) im Alltag

Gestern musste ich an das Forschungsergebnis eines ehemaligen Kollegen denken. Kurz zusammengefasst fand er heraus, dass neuartige Situationen und kleinere unerwartete Herausforderungen im Arbeitsalltag die Zufriedenheit mit dem Arbeitsplatz erhöhen.

Wie kann etwas die Zufriedenheit erhöhen, wo es doch zu mehr Arbeit führt?

- Ungewöhnliche Ereignisse bleiben uns besser in Erinnerung, die Tage rauschen so nicht als Einheitsbrei an uns vorbei.
- Damit einhergehend verändern sie die Zeitwahrnehmung. Einerseits vergeht während der kleinen Krisen die Zeit schneller, so es sich um eine handhabbare Krise handelt. Auf der anderen Seite vergehen rückblickend (siehe oben) die Jahre nicht so schnell.
- Wir können während der neuartigen Situationen und kleinen Krisen neue Lernerfahrungen machen, auch auf unsere eigenen Fähigkeiten bezogen.
- Sie zu meistern sorgt für gesteigerte Selbstwirksamkeitsüberzeugungen.

Toll, oder?

Donnerstag, 26. Februar 2015

Die seltsam (un-)passende Motormetapher

Ich denke einfach einmal laut.

Ständig höre ich, wie in Bezug auf Stress der Vergleich zu Motoren gezogen wird - im Sinne von, wie schlimm es ist, immer im höchsten Gang zu sein, mal einen Gang herunterschalten zu lernen. Kennst du bestimmt.

Aber die Metapher geht eigentlich daneben. Was passiert, wenn man herunterschaltet? Die Drehzahl geht hoch, der Motor muss für dieselbe Geschwindigkeit mehr leisten. Höhere Gänge sind bei derselben Geschwindigkeit entlastend für den Motor. So schaltet man normalerweise nur zurück, wenn man langsamer wird, oder mehr Leistung (z.B. bei Steigungen oder Beschleunigungen) braucht.

Heißt, das Sprichwort sollte eigentlich sein "schalt mal einen Gang hoch!", denn die Drehzahl ist das, was am ehesten dem Stress entspricht. Entweder das, oder "mach mal langsamer", weil das auch beim selben Gang die Drehzahl senkt.

Umgekehrt aber findet sich hier doch eine wirklich, wie ich finde, putzige Parallele. Woran erinnert mich die Drehzahl des Motors? Flow. Wird die Drehzahl zu niedrig, müssen wir den Gang nach unten wechseln, heißt eigentlich sogar mehr Stress hereinbringen, weil sonst der Motor abstirbt. Umgekehrt, ist die Drehzahl zu hoch, müssen wir nach oben schalten, um das optimale Leistungsniveau wieder zu haben und nicht unnötig (Benzin) auszubrennen.

Insofern ist die Motormetapher in Bezug auf Stress eigentlich sogar sehr gut - nur die typischen Sprichwörter sind falsch herum. Rein technisch betrachtet.

Zum Glück achten nur die Allerwenigsten auf solch technischen Haarspaltereien.

Sonntag, 22. Februar 2015

Musik und Konzentration

Gestern fragte mich jemand, ob sich Musik positiv oder negativ auf die Konzentrationsfähigkeit auswirke.

Meine Antwort war ein klares und eindeutiges "kommt darauf an...", es hängt nämlich ab davon, ob

- die Musik dem eigenen Musikgeschmack entspricht, bzw. zumindest für einen selbst irgendwie akzeptabel ist. Musik, die man nicht mag, stört in aller Regel die Konzentration.
- die Stimmung der Musik einhergeht mit Stimmungen, in denen man sich selbst gut konzentriert. Musik hat einen sehr großen Einfluss darauf, wie wir uns fühlen. Können wir uns besser bei einer energiegeladenen Stimmung konzentrieren, dann wäre energiegeladenere Musik förderlich, ruhigere Musik abträglich. Ist es hingegen umgekehrt, heißt können wir uns bei ruhigerer Stimmung besser konzentrieren, dann wäre energiegeladenere Musik problematisch. Da tickt jeder Mensch aber anders. Und was hinzu kommt, Musik die so gar nicht der aktuellen Stimmung entspricht, kann eher wie ein Fremdkörper wirken.
- die Musik mögliche störende Nebengeräusche überdecken kann. Ist das der Fall, dann wirkt sie in den allermeisten Fällen förderlich.
- die Musik mögliche wichtige Geräusche überdeckt, z.B. weil man an einer Aufgabe sitzt, wo man genau hinhören muss. Dann ist sie abträglich.
- damit einhergehend gilt aber auch, dass die Musik die Schwierigkeit soweit erhöhen kann, um in den "Flow"-Tunnel zu kommen, und in dem Fall ist die Konzentration besser.

Wie geschrieben, die Antwort ist ein ganz klares "kommt drauf an!"

Samstag, 21. Februar 2015

Selektive Aufmerksamkeit

Gerade leide ich unter selektivem Gedächtnis, denn ich erinnere mich zwar, dass ich schon mehrfach etwas zum Thema Aufmerksamkeit geschrieben zu haben - aber habe ich auch schon einmal etwas zum Thema selektive Aufmerksamkeit geschrieben? Vielleicht, aber ein paar neue Gedanken dazu können nie schaden.

Berühmt sind Experimente im Bereich der selektiven Aufmerksamkeit die eine gewisse Skurrilität in sich tragen, beispielsweise wo Probanden die Aufgabe erhalten, den Ballwechsel in einem Basketballspiel zu verfolgen - und währenddessen läuft ein Gorilla durchs Bild, den sie nicht bemerken. Beeindruckend, aber wo liegt darin eine wichtige Botschaft? Außer natürlich, dass man hier die Wirkung von Vorab-Rahmensetzung sieht (lies, ohne die Aufmerksamkeitslenkung auf den Ball wäre der Gorilla entdeckt worden).

Jedoch findet sich hier eine Eigenheit unseres Verstands, die weit über solche Situationen hinaus geht. Wir sehen meist nur einige Handlungsoptionen - das wollen wir, das wollen wir auf keinen Fall! Und unsere Aufmerksamkeit liefert uns dann während wir durch die Welt gehen die Informationen, die genau diesen Zielen dienen - so wie die Basketballbeobachter den Ball beobachten. Indessen entgehen uns all die Alternativen, die irgendwo zwischen den Extremen liegen, oder sogar ganz weit außerhalb, jenseits dieser Fixpunkte. Anders formuliert, wir bemerken nicht die "Gorillas" in unserem Leben, wenn wir zu fixiert in unserer Aufmerksamkeit sind.

Wie aber können wir diese bemerken? Oftmals werden sie uns in Interaktionen klar, wo uns unsere Gegenüber aufzeigen, was zwischen und neben "A" und "B" noch möglich wäre. Ebenso auch eine Reduzierung unserer Anspannung - sowohl bei körperlicher als auch bei geistiger Beanspruchung verengt sich unsere Aufmerksamkeit. Durch Anspannung, durch Zwang, wird unsere Konzentration nicht notwendigerweise besser - die durch sie gesteuerte Aufmerksamkeit wird in erster Linie enger.
Ebenso aber auch eine, das gehört auch dazu, eine Akzeptanz etwaiger Anspannungen. Kämpft man gegen sie an, erzeugt das noch deutlich größeren Stress. Damit einhergehend, dieses seltsame Konstrukt der Achtsamkeit, auch das hilft den Blick zu weiten. Grundsätzlich jede Orientierung hin zur Gegenwart. Und die Hinterfragung dessen, was man tut. Soll man wirklich nur den Ball beobachten? Oder das ganze Spiel?

Wer jemals irgendein Ballspiel selbst gespielt hat, wird mir sicher zustimmen, dass es ein absoluter Anfängerfehler ist, darin nur den Ball und nicht auch die Mitspieler und Gegenspieler zu beobachten. Macht es also überhaupt Sinn, die Aufmerksamkeit so zu fokussieren, auch wenn uns das jemand sagt?

Montag, 16. Februar 2015

Das Vakuum-Problem

Stell dir vor, du bist in einem Raum. In diesem Raum steht nur eine einzige Sache, nämlich ein Stuhl. Und dieser Stuhl nervt dich. Dummerweise, aus welchen Gründen auch immer, kann der Stuhl nicht einfach verschwinden. Vielleicht tut er es irgendwann einmal von alleine, vielleicht kann er erst in einiger Zeit herausgebracht werden. So oder so, der Stuhl bleibt.

Wie nun damit umgehen? Den Stuhl ignorieren? Wird kaum gehen, denn es gibt nur den Stuhl, und sonst nichts. Den Stuhl verrücken? Bringt ihn vielleicht aus der Mitte des Raums hinaus, aber er ist immer noch da. Und er ist weiter das einzige Objekt im Raum.

Man könnte nun auch ganz geschickt sein, und versuchen, den Stuhl zu verstecken. Zum Beispiel unter dem Teppich - dann hat man einen stuhlgroßen Klumpen unter dem Teppich. Oder hinter der Tapete. Oder, auch beliebt, extra einen Schrank aufzubauen, um den Stuhl darin zu verstecken. Nur woran denkst du dann, wenn der Blick auf den Schrank fällt?

All diese Lösungen sind nicht gut. Was kann aber funktionieren? Was kann wirklich vom Stuhl ablenken?

Genau. Den Raum mit so vielen Sachen vollstopfen, dass der Stuhl gar nicht mehr auffällt.

Dies ist nicht nur eine Fortführung / Ergänzung zu dem meiner Einschätzung nach skurrilsten Artikel meines Blogs (die "einfache Frage"), sondern umreißt ein generelles Problem. Das keinen wirklichen Namen hat. Ich nenne es Vakuumproblem. Es ist sehr, sehr schwer, nicht zu denken. Und wenn man denkt, also im erwähnten Raum ist, wandert das Denken zu dem, was sich dort anbietet.

Im Fall von Personen, die ziemliche Probleme im Leben haben oder hatten, genau dann zu den Problemen. Was wiederum zu einer ganzen Menge psychosomatischer Begleiterscheinungen führt. Kann das zugrunde liegende Problem verschwinden? Ja, aber das braucht Zeit. Durch die immer wieder dahinkehrende Aufmerksamkeit sogar ungleich länger. Die Lösung ist so simpel wie schwierig, dem Geist mehr mögliche Ansatzpunkte anbieten. Worüber wir denken, und wie wir es bewerten, bestimmt, wie wir uns fühlen. Viele setzen dann bei dem Bewertungsschritt an - und das funktioniert auch. Überhaupt aber dafür zu sorgen, dass gar nicht erst an möglicherweise problematische Dinge gedacht wird, ist eine ebenso sinnvolle Herangehensweise. Die zudem schnellere Ergebnisse bringen kann, weil hier sich weniger Automatismen verändern müssen.