Samstag, 17. Januar 2015

Achtsamkeit I

Achtsamkeit aus psychologischer Sicht ist so eine seltsame Sache. Es gibt kaum einen Bereich, der so gut erforscht ist. Auf neurologischer Seite gibt es viele Befunde, dass regelmäßige Achtsamkeitsübungen verschiedene Gehirnbereiche verändern, insbesondere solche, deren Aufgabe die Regulation negativer Emotionen ist. Daher kommen auch die anderen Befunde, nämlich, dass Achtsamkeitsübungen vielen Menschen helfen, besser mit Stress und belastenden Situationen umzugehen. Klingt ja soweit ganz gut, nur leider gibt es mit Achtsamkeit eine ganze Menge Probleme.

Erstes Problem: Auch wenn Achtsamkeit helfen kann, so ist es die regelmäßige Übung, welche die positiven Effekte bringt. Steht jemand bereits unter großem Stress, oder muss mit sehr belasenden Situationen umgehen, dann kommt Achtsamkeit etwas spät. Man kann auch Schwimmen lernen, wenn man schon im tiefen Wasser gelandet ist, nur ist es nicht gerade der optimale Weg. Besonders, da die Wirkung von Achtsamkeit sich langfristig entfaltet, nicht akut.

Zweites Problem: In unserer Kultur ist Achtsamkeit sehr, sehr fremd. Ohnehin ist Achtsamkeit so ein esoterisch besetzter Begriff. Dabei handelt es sich bei Achtsamkeit eigentlich grundsätzlich um nichts anderes als Metakognition, was hingegen ein akademisch besetzter Begriff ist. Jemanden zu sagen "übe mal Achtsamkeit" wäre jedenfalls so wie einem Analphabeten zu sagen "hier ist ein Buch, viel Spaß!"

Drittes Problem: Achtsamkeitsübungen sind uns fremd. Die allermeisten brechen sie extrem schnell ab. Dafür gibt es drei Gründe. Entweder die Achtsamkeitsübungen sorgen für Langeweile oder für Frust, heißt nichts anderes als es wird kein Flow-Bereich getroffen. Der dritte Grund ist, dass die Achtsamkeitsübungen zu fremdartig sind.

Dies zeigt aber auch, wo sich Ansätze finden lassen, um Achtsamkeitsübungen erfolgsversprechender zu gestalten. Der erste Ansatzpunkt ist die Schwierigkeit. Treten bei Übungen Frustrationen auf, so sollte man sie vereinfachen. Sind sie langweilig, dann erschweren. Genauso lassen sich Übungen auch alltagsnäher gestalten. Im Laufe der Zeit habe ich in verschiedenen stationären Therapieinstitutionen hospitiert. Bei der Mehrzahl war der Tag der Klienten neben den inhaltlichen Gruppen- und Einzelsitzungen vollgepackt mit Übungen, die im Kern nichts anderes als Achtsamkeitsübungen waren - Genuss, Musikerfahrung, bestimmte Sport- und Entspannungsübungen, all diese hatten in ihrem Kern nichts anderes als Achtsamkeit.

Achtsamkeit ist so eine seltsame Sache. Vergleicht man sie mit Impfungen, dann wäre die pure Achtsamkeitsmeditation so etwas wie die Spritze. Aber manche Impfungen funktionieren auch per Zuckerwürfel. Ziel dieser Reihe soll es sein, Achtsamkeit per Zuckerwürfel darzustellen. Denn der Vergleich hinkt. Mit mehr Achtsamkeit durchs Leben zu gehen mindert nicht nur etwaiges Stress- und anderes unangenehmes Erleben, sondern kann andersherum auch die Wahrnehmung positiver Erlebnisse verstärken.

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