Dienstag, 20. Januar 2015

Achtsamkeit II

Die wichtigste Stellschraube ist die Schwierigkeit. Grundsätzlich gilt: Langweilt man sich bei Achtsamkeitsübungen, dann sollte man sie schwerer gestalten. Ist man frustriert, dann einfacher.

Die beiden Hauptmöglichkeiten, sie einfacher zu gestalten, sind kürzere Zeit verbringen und Ablenkungen nutzen. Der kürzere Zeitrahmen ist deshalb wichtig, da direkt mit sehr langen Zeiten loszulegen so wäre, als würde jemand völlig untrainiert eine riesige Hantel in die Hand bekommen mit dem Spruch "mach mal!"; unseren Muskeln muten wir so etwas nicht zu, unserem Geist hingegen schon. Klappt nicht so gut. Selbst eine Minute klassische Achtsamkeit ist für manche, die damit noch nie etwas zu tun hatten, teilweise schon zu schwer. Wie dann fünf Minuten schaffen? Oder gar dreißig?
Weiterhin können Ablenkungen genutzt werden. Achtsamkeit funktioniert ironischerweise nicht dadurch, dass man auf etwas achtet, sondern dadurch, dass man auf etwas achtet. Es spielt keine Rolle, auf was. Beispielsweise, wenn man auf seinen Atem achtet, und Geräusche im Hintergrund interessanter sind - dann folgt man den Geräuschen. So lange man dies bewusst tut, hat es unterm Strich sehr, sehr ähnliche Wirkung. Genauso wenn die Gedanken abschweifen - dann achtet man auf die Gedanken. Wichtig ist nicht, dass an einem Ziel festgehalten wird, sondern die Art der Aufmerksamkeit, mit der man einen beliebigen Ziel begegnet.

Umgekehrt ist aber oft das Problem, dass die Achtsamkeitsübungen zu einfach sind. Heißt, Langeweile auftritt. Was kann man dann tun? Stärker differenzieren. Zum Beispiel, wenn man auf Töne achtet, nur auf hohe oder niedrige Töne, statt auf alle. Wenn man auf seinen Atem achtet, dabei vielleicht auf Unterschiede zwischen den Atemzügen, oder auf die Bewegung einzelner Rippengruppen, oder Veränderungen im Körpergefühl während der Übung. Grundsätzlich alles, was mehr Feinheiten offenbart. Das ist meiner Erfahrung nach sinnvoller, als die Zeit über Gebühr zu verlängern. Fünf Minuten lassen sich gut in den Tagesverlauf einbauen (und sei es nur, indem eine Werbepause genutzt wird, beim Weg zur Arbeit der Welt mit Achtsamkeit begegnet wird, den eigenen Muskeln beim Sport, wie auch immer). Zwölf Stunden Wachsamkeit aber, um die Schwierigkeit durch Zeit hochzubringen, ist im normalen Alltag doch recht schwierig.

Die richtige Schwierigkeit für einen selbst zu finden ist ungemein wichtig. Ist sie zu schwer, kommt Frust auf. Ist sie zu leicht, dann Langeweile. Beides trägt nicht dazu bei, dass die Übungen einfach in den Alltag übernommen werden können.

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