Freitag, 9. Januar 2015

Implizite Annahmen

Würdest du mit verbundenen Augen über die Straße gehen?

Klingt erst einmal wie eine seltsame Frage. "Natürlich nicht!", dürfte so ziemlich jeder jetzt denken. Tatsächlich sehe ich so ein Verhalten, in gewisser Weise, jedoch nahezu täglich. Da wollen Leute eine Straße überqueren, schauen kurz hoch zur Ampel, dann wieder zurück auf ihre Smartphones und wandern dann weiter, ohne die Straße noch einen weiteren Blick zu würdigen. Weshalb auch? Die Ampel zeigte "grün", also kann man herübergehen!

Da steckt eine implizite Annahme drin, nämlich, dass man über die Straße gehen kann, wenn die Ampel grün ist. Dabei beruht das alles darauf, dass sich die Autofahrer auch an die Regeln des Straßenverkehrs halten, die ihrerseits rote Ampel sehen, und überhaupt erstmal ihnen auch eine rote Ampel angezeigt wird. Ich habe es auch schon erlebt, da war die Autoampel ausgefallen, aber die Fußgängerampel funktionierte noch.

Dieses Ampelbeispiel ist relativ schlecht, weil sich wohl nur wenige vorstellen können, diese Annahme nicht zu haben. Vielleicht ein persönliches Beispiel: In der Stadt, in der ich aufwuchs, wurden vor circa 20 Jahren viele Ampeln durch Zebrastreifen ersetzt. Von der Straßenverkehrsordnung ist ein Zebrastreifen eigentlich so etwas wie eine dauergrüne Fußgängerampel, aber da schauten grundsätzlich alle nach beiden Straßenseiten, ob die Autos wirklich anhielten. Taten damals nämlich bei weitem nicht alle. Selber Regelhintergrund, selbes Signal, anderes Verhalten. Weshalb? Weil die dahinter steckenden Annahmen anders waren.

Diese impliziten Annahmen nun haben wir nahezu in allen Bereichen des Lebens. Wie etwas funktioniert, was etwas aussagt, wie eine Situation zu bewerten ist. Dies ist normalerweise nützlich, erlaubt es uns doch, geistige Ressourcen wie Denkkapazitäten wie auch Aufmerksamkeit zu sparen. Allerdings hat es auch eine Reihe von Nebeneffekten.

Ein negativer Nebeneffekt sind beispielsweise Vorurteile. Man denke hier an den Halo-Effekt, so etwas wie das Aussehen einer Person beeinflusst Dinge wie Gefängnisstrafen oder Intelligenzeinschätzungen.

Ein positiver Nebeneffekt ist beispielsweise Humor. Viele Arten von Humor beruhen darauf, dass mit den impliziten Annahmen gespielt wird. Sei es, dass sie enttäuscht werden. Oder übertrieben werden. Oder einfach nur entblößt werden. All das wirkt auf viele Menschen lustig.

Diese impliziten Annahmen wurden irgendwann einmal aufgeschnappt. Nicht alle von ihnen sind korrekt. Tatsächlich glaube ich, dass in vielen Fällen ein Blick von außen (Berater, Coach, wie auch immer) gerade deshalb hilft, weil derjenige nicht dieselben Annahmen wie wir selbst haben. Allerdings, wenn wir uns bewusst machen, dass sich in unseren Denk- und Verhaltensmustern überall immer wieder so kleine Überzeugungen und Annahmen verstecken, dann können wir sie auch selbst rekonstruieren, und mit ihnen arbeiten.

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