Donnerstag, 26. Februar 2015

Die seltsam (un-)passende Motormetapher

Ich denke einfach einmal laut.

Ständig höre ich, wie in Bezug auf Stress der Vergleich zu Motoren gezogen wird - im Sinne von, wie schlimm es ist, immer im höchsten Gang zu sein, mal einen Gang herunterschalten zu lernen. Kennst du bestimmt.

Aber die Metapher geht eigentlich daneben. Was passiert, wenn man herunterschaltet? Die Drehzahl geht hoch, der Motor muss für dieselbe Geschwindigkeit mehr leisten. Höhere Gänge sind bei derselben Geschwindigkeit entlastend für den Motor. So schaltet man normalerweise nur zurück, wenn man langsamer wird, oder mehr Leistung (z.B. bei Steigungen oder Beschleunigungen) braucht.

Heißt, das Sprichwort sollte eigentlich sein "schalt mal einen Gang hoch!", denn die Drehzahl ist das, was am ehesten dem Stress entspricht. Entweder das, oder "mach mal langsamer", weil das auch beim selben Gang die Drehzahl senkt.

Umgekehrt aber findet sich hier doch eine wirklich, wie ich finde, putzige Parallele. Woran erinnert mich die Drehzahl des Motors? Flow. Wird die Drehzahl zu niedrig, müssen wir den Gang nach unten wechseln, heißt eigentlich sogar mehr Stress hereinbringen, weil sonst der Motor abstirbt. Umgekehrt, ist die Drehzahl zu hoch, müssen wir nach oben schalten, um das optimale Leistungsniveau wieder zu haben und nicht unnötig (Benzin) auszubrennen.

Insofern ist die Motormetapher in Bezug auf Stress eigentlich sogar sehr gut - nur die typischen Sprichwörter sind falsch herum. Rein technisch betrachtet.

Zum Glück achten nur die Allerwenigsten auf solch technischen Haarspaltereien.

Sonntag, 22. Februar 2015

Musik und Konzentration

Gestern fragte mich jemand, ob sich Musik positiv oder negativ auf die Konzentrationsfähigkeit auswirke.

Meine Antwort war ein klares und eindeutiges "kommt darauf an...", es hängt nämlich ab davon, ob

- die Musik dem eigenen Musikgeschmack entspricht, bzw. zumindest für einen selbst irgendwie akzeptabel ist. Musik, die man nicht mag, stört in aller Regel die Konzentration.
- die Stimmung der Musik einhergeht mit Stimmungen, in denen man sich selbst gut konzentriert. Musik hat einen sehr großen Einfluss darauf, wie wir uns fühlen. Können wir uns besser bei einer energiegeladenen Stimmung konzentrieren, dann wäre energiegeladenere Musik förderlich, ruhigere Musik abträglich. Ist es hingegen umgekehrt, heißt können wir uns bei ruhigerer Stimmung besser konzentrieren, dann wäre energiegeladenere Musik problematisch. Da tickt jeder Mensch aber anders. Und was hinzu kommt, Musik die so gar nicht der aktuellen Stimmung entspricht, kann eher wie ein Fremdkörper wirken.
- die Musik mögliche störende Nebengeräusche überdecken kann. Ist das der Fall, dann wirkt sie in den allermeisten Fällen förderlich.
- die Musik mögliche wichtige Geräusche überdeckt, z.B. weil man an einer Aufgabe sitzt, wo man genau hinhören muss. Dann ist sie abträglich.
- damit einhergehend gilt aber auch, dass die Musik die Schwierigkeit soweit erhöhen kann, um in den "Flow"-Tunnel zu kommen, und in dem Fall ist die Konzentration besser.

Wie geschrieben, die Antwort ist ein ganz klares "kommt drauf an!"

Samstag, 21. Februar 2015

Selektive Aufmerksamkeit

Gerade leide ich unter selektivem Gedächtnis, denn ich erinnere mich zwar, dass ich schon mehrfach etwas zum Thema Aufmerksamkeit geschrieben zu haben - aber habe ich auch schon einmal etwas zum Thema selektive Aufmerksamkeit geschrieben? Vielleicht, aber ein paar neue Gedanken dazu können nie schaden.

Berühmt sind Experimente im Bereich der selektiven Aufmerksamkeit die eine gewisse Skurrilität in sich tragen, beispielsweise wo Probanden die Aufgabe erhalten, den Ballwechsel in einem Basketballspiel zu verfolgen - und währenddessen läuft ein Gorilla durchs Bild, den sie nicht bemerken. Beeindruckend, aber wo liegt darin eine wichtige Botschaft? Außer natürlich, dass man hier die Wirkung von Vorab-Rahmensetzung sieht (lies, ohne die Aufmerksamkeitslenkung auf den Ball wäre der Gorilla entdeckt worden).

Jedoch findet sich hier eine Eigenheit unseres Verstands, die weit über solche Situationen hinaus geht. Wir sehen meist nur einige Handlungsoptionen - das wollen wir, das wollen wir auf keinen Fall! Und unsere Aufmerksamkeit liefert uns dann während wir durch die Welt gehen die Informationen, die genau diesen Zielen dienen - so wie die Basketballbeobachter den Ball beobachten. Indessen entgehen uns all die Alternativen, die irgendwo zwischen den Extremen liegen, oder sogar ganz weit außerhalb, jenseits dieser Fixpunkte. Anders formuliert, wir bemerken nicht die "Gorillas" in unserem Leben, wenn wir zu fixiert in unserer Aufmerksamkeit sind.

Wie aber können wir diese bemerken? Oftmals werden sie uns in Interaktionen klar, wo uns unsere Gegenüber aufzeigen, was zwischen und neben "A" und "B" noch möglich wäre. Ebenso auch eine Reduzierung unserer Anspannung - sowohl bei körperlicher als auch bei geistiger Beanspruchung verengt sich unsere Aufmerksamkeit. Durch Anspannung, durch Zwang, wird unsere Konzentration nicht notwendigerweise besser - die durch sie gesteuerte Aufmerksamkeit wird in erster Linie enger.
Ebenso aber auch eine, das gehört auch dazu, eine Akzeptanz etwaiger Anspannungen. Kämpft man gegen sie an, erzeugt das noch deutlich größeren Stress. Damit einhergehend, dieses seltsame Konstrukt der Achtsamkeit, auch das hilft den Blick zu weiten. Grundsätzlich jede Orientierung hin zur Gegenwart. Und die Hinterfragung dessen, was man tut. Soll man wirklich nur den Ball beobachten? Oder das ganze Spiel?

Wer jemals irgendein Ballspiel selbst gespielt hat, wird mir sicher zustimmen, dass es ein absoluter Anfängerfehler ist, darin nur den Ball und nicht auch die Mitspieler und Gegenspieler zu beobachten. Macht es also überhaupt Sinn, die Aufmerksamkeit so zu fokussieren, auch wenn uns das jemand sagt?

Montag, 16. Februar 2015

Das Vakuum-Problem

Stell dir vor, du bist in einem Raum. In diesem Raum steht nur eine einzige Sache, nämlich ein Stuhl. Und dieser Stuhl nervt dich. Dummerweise, aus welchen Gründen auch immer, kann der Stuhl nicht einfach verschwinden. Vielleicht tut er es irgendwann einmal von alleine, vielleicht kann er erst in einiger Zeit herausgebracht werden. So oder so, der Stuhl bleibt.

Wie nun damit umgehen? Den Stuhl ignorieren? Wird kaum gehen, denn es gibt nur den Stuhl, und sonst nichts. Den Stuhl verrücken? Bringt ihn vielleicht aus der Mitte des Raums hinaus, aber er ist immer noch da. Und er ist weiter das einzige Objekt im Raum.

Man könnte nun auch ganz geschickt sein, und versuchen, den Stuhl zu verstecken. Zum Beispiel unter dem Teppich - dann hat man einen stuhlgroßen Klumpen unter dem Teppich. Oder hinter der Tapete. Oder, auch beliebt, extra einen Schrank aufzubauen, um den Stuhl darin zu verstecken. Nur woran denkst du dann, wenn der Blick auf den Schrank fällt?

All diese Lösungen sind nicht gut. Was kann aber funktionieren? Was kann wirklich vom Stuhl ablenken?

Genau. Den Raum mit so vielen Sachen vollstopfen, dass der Stuhl gar nicht mehr auffällt.

Dies ist nicht nur eine Fortführung / Ergänzung zu dem meiner Einschätzung nach skurrilsten Artikel meines Blogs (die "einfache Frage"), sondern umreißt ein generelles Problem. Das keinen wirklichen Namen hat. Ich nenne es Vakuumproblem. Es ist sehr, sehr schwer, nicht zu denken. Und wenn man denkt, also im erwähnten Raum ist, wandert das Denken zu dem, was sich dort anbietet.

Im Fall von Personen, die ziemliche Probleme im Leben haben oder hatten, genau dann zu den Problemen. Was wiederum zu einer ganzen Menge psychosomatischer Begleiterscheinungen führt. Kann das zugrunde liegende Problem verschwinden? Ja, aber das braucht Zeit. Durch die immer wieder dahinkehrende Aufmerksamkeit sogar ungleich länger. Die Lösung ist so simpel wie schwierig, dem Geist mehr mögliche Ansatzpunkte anbieten. Worüber wir denken, und wie wir es bewerten, bestimmt, wie wir uns fühlen. Viele setzen dann bei dem Bewertungsschritt an - und das funktioniert auch. Überhaupt aber dafür zu sorgen, dass gar nicht erst an möglicherweise problematische Dinge gedacht wird, ist eine ebenso sinnvolle Herangehensweise. Die zudem schnellere Ergebnisse bringen kann, weil hier sich weniger Automatismen verändern müssen.

Mittwoch, 11. Februar 2015

Noch mehr "emotionaler" Rahmenspaß VI

Kaum ein Phänomen im Erleben ist so fachübergreifend, bedeutsam, missverständlich, faszinierend und zugleich erschreckend. Bisher habe ich bei den vorigen Teilen dieser Reihe die Grenzen schon ausgereizt, diesmal aber musste ich wirklich Anführungszeichen verwenden - denn um eine Emotion handelt es sich eigentlich nicht.

Und eigentlich schon.

Körperlicher Schmerz

Was ist Schmerz? Eine Frage, die viele Mediziner und Psychologen gleichermaßen ins Stottern bringen. Ärzte, da es sich zwar um eine körperliche Angelegenheit handelt, wie mal ein Chefarzt auf die Frage meinerseits meinte, "bedeutsam und wichtig ist, aber auch ganz schwer zu greifen"; Psychologen hingegen, da dort der Körper eine primäre Rolle spielt - und der ist eher das Fachgebiet von Medizinern.

Problem ist, körperlicher Schmerz entsteht sowohl im Kopf als auch im Körper. Hier ist keine Trennung möglich. Daher nochmal die Frage wiederholt, was ist Schmerz eigentlich?

Im Grunde ein Warnsignal des Körpers. "Hier stimmt etwas nicht!", was auch immer das "etwas" genau ist. Allerdings wird dieses Warnsignal dann oft auch ergänzt. Jemand sagte mal, was allerdings kein Forschungsergebnis ist, jedoch auch meinen Beobachtungen entspricht, Schmerz sei zu 1/3 der aktuelle Schmerz, zu 1/3 die Erinnerung an frühere Schmerzerfahrungen (und die Befürchtung, es könnte wieder so schlimm werden) und zu 1/3 die Vorwegnahme möglicher zukünftiger Schmerzen ("was, wenn der nicht weggeht?"). Die letzten beiden Aspekte lösen Stress aus - und Stress ist einer der Hauptbeeinflusser vom Schmerzerleben.

Bei offensivem Stress, Stichwort Adrenalinrausch, ist die Schmerzwahrnehmung gedämpft. Hingegen bei defensivem Stress, also genau das, was durch Angst ausgelöst wird und was klassischerweise unter Stress verstanden wird, erhöht. Es tut also gleich alles viel mehr weh. Was dann zu noch mehr Sorgen führt. Ein Teufelskreis.

Wichtig ist aber auch die Bewertung. Ist das, was da der Körper an Informationen sendet, überhaupt ein potentielles Warnsignal? Ich habe Leute erlebt, die hatten furchtbare Angst vor Spritzen - aber Piercings und Tattoos, und da eher eine gewisse Sucht nach entwickelt. Wie kann das sein? Die Stiche, welche den Körper veranlassen exakt dieselbe Information zu senden, wurden anders bewertet. Und schon war das Erleben ein anderes.

Schmerz scheint für uns so ein rein körperliches Erleben zu sein, und Schmerz hat oft einen wichtigen körperlichen Anteil, aber er ist eigentlich ein Erleben im Geiste.

Anders formuliert; diese Buchstaben, die du gerade liest, sind nicht real. Es sind die (re-)konstruierten Eindrücke, die deine Augen als elektrische Signale kodiert an deinen Verstand gesendet hat. Unser Verstand ist alleiniger Gast in einem Kino, das nur für ihn gebaut wurde. Was du als Buchstaben siehst, wird erst dahin übertragen und dort neu betrachtet und bewertet. Unsere ganze Außenwelt wird selektiv aufgenommen, verarbeitet und verzerrt dort abgespielt. Schmerz ist ebenfalls ein Teil dieser geistigen Leinwand, aber die Leinwand ist nicht die Realität.

(Das wurde jetzt konstruktivistischer als beabsichtigt.)