Mittwoch, 11. Februar 2015

Noch mehr "emotionaler" Rahmenspaß VI

Kaum ein Phänomen im Erleben ist so fachübergreifend, bedeutsam, missverständlich, faszinierend und zugleich erschreckend. Bisher habe ich bei den vorigen Teilen dieser Reihe die Grenzen schon ausgereizt, diesmal aber musste ich wirklich Anführungszeichen verwenden - denn um eine Emotion handelt es sich eigentlich nicht.

Und eigentlich schon.

Körperlicher Schmerz

Was ist Schmerz? Eine Frage, die viele Mediziner und Psychologen gleichermaßen ins Stottern bringen. Ärzte, da es sich zwar um eine körperliche Angelegenheit handelt, wie mal ein Chefarzt auf die Frage meinerseits meinte, "bedeutsam und wichtig ist, aber auch ganz schwer zu greifen"; Psychologen hingegen, da dort der Körper eine primäre Rolle spielt - und der ist eher das Fachgebiet von Medizinern.

Problem ist, körperlicher Schmerz entsteht sowohl im Kopf als auch im Körper. Hier ist keine Trennung möglich. Daher nochmal die Frage wiederholt, was ist Schmerz eigentlich?

Im Grunde ein Warnsignal des Körpers. "Hier stimmt etwas nicht!", was auch immer das "etwas" genau ist. Allerdings wird dieses Warnsignal dann oft auch ergänzt. Jemand sagte mal, was allerdings kein Forschungsergebnis ist, jedoch auch meinen Beobachtungen entspricht, Schmerz sei zu 1/3 der aktuelle Schmerz, zu 1/3 die Erinnerung an frühere Schmerzerfahrungen (und die Befürchtung, es könnte wieder so schlimm werden) und zu 1/3 die Vorwegnahme möglicher zukünftiger Schmerzen ("was, wenn der nicht weggeht?"). Die letzten beiden Aspekte lösen Stress aus - und Stress ist einer der Hauptbeeinflusser vom Schmerzerleben.

Bei offensivem Stress, Stichwort Adrenalinrausch, ist die Schmerzwahrnehmung gedämpft. Hingegen bei defensivem Stress, also genau das, was durch Angst ausgelöst wird und was klassischerweise unter Stress verstanden wird, erhöht. Es tut also gleich alles viel mehr weh. Was dann zu noch mehr Sorgen führt. Ein Teufelskreis.

Wichtig ist aber auch die Bewertung. Ist das, was da der Körper an Informationen sendet, überhaupt ein potentielles Warnsignal? Ich habe Leute erlebt, die hatten furchtbare Angst vor Spritzen - aber Piercings und Tattoos, und da eher eine gewisse Sucht nach entwickelt. Wie kann das sein? Die Stiche, welche den Körper veranlassen exakt dieselbe Information zu senden, wurden anders bewertet. Und schon war das Erleben ein anderes.

Schmerz scheint für uns so ein rein körperliches Erleben zu sein, und Schmerz hat oft einen wichtigen körperlichen Anteil, aber er ist eigentlich ein Erleben im Geiste.

Anders formuliert; diese Buchstaben, die du gerade liest, sind nicht real. Es sind die (re-)konstruierten Eindrücke, die deine Augen als elektrische Signale kodiert an deinen Verstand gesendet hat. Unser Verstand ist alleiniger Gast in einem Kino, das nur für ihn gebaut wurde. Was du als Buchstaben siehst, wird erst dahin übertragen und dort neu betrachtet und bewertet. Unsere ganze Außenwelt wird selektiv aufgenommen, verarbeitet und verzerrt dort abgespielt. Schmerz ist ebenfalls ein Teil dieser geistigen Leinwand, aber die Leinwand ist nicht die Realität.

(Das wurde jetzt konstruktivistischer als beabsichtigt.)

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