Samstag, 28. März 2015

Unbequem Leidende

Ich erinnere mich nicht mehr an den Namen. Vor einigen Jahren wurde ein Mensch mit deutscher Staatsangehörigkeit von der CIA entführt und in Guantanamo gefoltert. Irgendwann kam heraus, dass die damalige Regierung sich so absolut gar nicht für dessen Freilassung eingesetzt hatte. Als der Mann dann wieder frei war, hat er sich alles andere als ruhig verhalten - so wurde er irgendwann wegen Brandstiftung festgenommen. Da waren dann die Entschuldigungen für die Regierung da, denn auch wenn der Mann wie sich herausstellte unschuldig nach Guantanamo verschleppt worden war, danach hat er ja doch ganz furchtbares Verhalten gezeigt!

Gehen wir einmal in die Gegenwart. Stellen wir uns einmal folgende Person vor. Ein berühmter Fernsehmoderator, der unter chronischen schweren Schmerzen leidet, der vor kurzem einen Todesfall im engsten Familienkreis hatte, dessen langjährige Ehe zur selben Zeit in die Brüche gegangen ist, und der beruflich extrem viel Verantwortung trägt und unter enormen Stress steht. Nachdem an einem Tag dann noch einiges schief gelaufen ist, entgleist er - gibt einem Mitarbeiter eine Ohrfeige, attackiert ihn verbal. Hinterher versuchte er sich mehrfach zu entschuldigen, zeigte sich dann selbst an.  Dennoch, was für ein furchtbarer Mensch!

Problem ist, nicht alle Menschen sind "bequem", wenn sie leiden. Manche richten den Schmerz nach innen - Traurigkeit, Leere, "klassische" Depression. Aber das tun nicht alle. Manche Menschen, die leiden, richten den Schmerz auch nach außen. Wut, Gereiztheit, Jähzorn. Sie leiden genauso, nur sind sie gesellschaftlich unbequem. Sie verhalten sich nicht wie ein "gutes Opfer", sondern wie ein in die Ecke gedrängtes Tier, das nach allen Seiten hin zuschnappt.

Wir als Außenstehende haben dann die Wahl, wie wir damit umgehen. Auf Wut mit Wut und Abwertung zu reagieren, oder überhaupt erstmal den Schmerz, der hinter der Wut steht, zur Kenntnis zu nehmen. Ich persönlich empfinde es als problematisch, dass oft nur "passiv Leidenden" Mitgefühl entgegen gebracht wird, da ihr Leid für die Umwelt bequemer ist. Stattdessen finde ich, dass jedes Leid gelindert werden sollte, egal wie es sich ausdrückt.

Sonntag, 22. März 2015

Automatisierte Entscheidungen I

Wie viele Entscheidungen triffst du pro Tag? Keine? Ein paar? Vielleicht sogar ein Dutzend?

Ich erinnere mich an die Aussage eines Ernährungsexperten, der sagte (und das durchaus glaubhaft erläuterte), dass wir allein in Bezug auf unsere Ernährung jeden Tag mehrere hundert Entscheidungen träfen. Rechnen wir dies auf unseren gesamten Tag hoch, dann müssten wir bei Abertausenden Entscheidungen pro Tag sein. Kommt uns das so vor? Mir zumindest kommt es nicht so vor.

Die allermeisten Menschen erledigen Entscheidungen automatisch. Einerseits werden nur die offensichtlichsten Alternativen bei bewussten Entscheidungen wahrgenommen, andererseits viele andere Entscheidungen unbewusst, automatisiert gefällt. Allerdings hat man schon bei der Wahrnehmung der 'offensichtlichsten Alternativen' einen Automatismus drin.

Dies ist per se nichts Schlechtes. Es bewahrt uns davor, immer wieder Unsinn auszuprobieren, wie z.B. zu versuchen, Spiegeleier im Kühlschrank zu braten. Genauso hält es den Kopf frei, wir müssen nicht darüber nachdenken, wann wir zur Arbeit gehen, ob wir überhaupt zur Arbeit gehen, warum wir zur Arbeit gehen, und so weiter und so fort. Müssten wir unzählige Entscheidungen bewusst und unter Abwägung aller Alternativen fällen, wir wären nicht mehr lebensfähig.

Zum Problem wird es, wenn wir automatisiert Entscheidungsalternativen ausschließen und ebenso automatisiert Entscheidungen treffen, welche nicht in unserem Sinne sind. In dem Fall verlieren wir extrem viel Handlungsspielraum, auch in Bezug auf die Fragen, wie wir uns fühlen, wer wir sind, was wir können, wie unsere Zukunft gestaltet werden kann. Ein zentraler Aspekt psychologischer Beratung ist gar nicht, dem anderen zu sagen "wie es richtig geht", sondern Wahlmöglichkeiten wiederherzustellen, die durch Automatisierungen verloren gegangen sind.

Freitag, 20. März 2015

Die Aussprache des Unausgesprochenen

Irgendwie ist es ja doch faszinierend, zu bemerken, wie man sich selbst gedanklich ein Bein stellt. Ziemlich am Anfang meiner klinischen Ausbildung hörte ich, wie ein Dozent sagte, "manchmal geht es auch nur darum, das Unausgesprochene zur Aussprache zu bringen". Für mich klang das so simpel. Keine kognitiven Umstrukturierungen, keine verhaltensorientierte Intervention, keine Exposition, kein Aufarbeiten von Konflikten, kein gar nicht. Wie kann das schon helfen?

Und doch bemerke ich beinahe wöchentlich, wie genau das schon hilft. Wenn das vorher nicht Ausgesprochene doch ausgesprochen wird, egal wie klein oder groß es ist. Ich habe so oft gesehen, wie es Menschen danach massiv besser ging, ohne dass daraufhin irgendeine weitergehende Maßnahme ansetzte.

Und dann ging auch mir endlich ein Licht auf.

Auf der einen Seite kostet es sehr viel Kraft, um etwas hinter mentalen Mauern zu halten. Viele Ressourcen werden gebunden. Etwaige Wunden können so auch hinter Mauern kaum heilen. Werden die Sachen nur ins Licht geholt, befreit das viele Ressourcen, und die Selbstheilungskräfte (die jeder von uns hat, sonst wären wir nicht lebensfähig) können greifen.

Auf der anderen Seite ist oben vielleicht ein Verfahren aufgefallen. Exposition. Eigentlich fallen darunter Konfrontationen mit genau den Dingen, die jemand sonst vermeidet (z.B. Spinnen bei einer Spinnenphobie). In dem man darüber spricht, wird nicht länger vermieden, es findet eine Art mentale Exposition statt - mit dem, was hinter der Mauer des Schweigens verborgen war.

Und zudem wird das, was ausgesprochen ist, in gewisser Weise "fester", realer als bloße Gedanken. Damit auch kleiner. Handhabbarer. So als würde etwas, was im Schatten verborgen war, ans Licht gezerrt.

Montag, 16. März 2015

Rollenabhängige Kommunikationsbeschränkungen

Mit unterschiedlichen Menschen kommunizieren wir unterschiedlich. Klingt simpel, aber dahinter verbergen sich einige große Problembereiche. Weniger problematisch ist, dass wir zielgruppenorientiert kommunizieren. Oder anders formuliert, wir sprechen mit einem fünfjährigen Kind anders als mit einem Erwachsenen; genauso mit einem Erstklässler anders als mit einem Zehntklässler.

Allerdings bestimmen auch die Positionen zueinander im Leben, wie wir miteinander kommunizieren, welche Themen möglich sind, und wie frei miteinander gesprochen wird. Zwischen Arbeitskollegen sind andere Themen und ein anderer Umgang miteinander akzeptabel als innerhalb einer Familie. Innerhalb einer Familie wird zwischen Eltern und Kindern anders kommuniziert als zwischen Partnern. Mit Freunden sind andere Themen möglich als mit Bekannten. Jede Rolle ist mit Kommunikationsbegrenzungen verbunden. Arbeitskollegen können miteinander nicht im selben Maße so offen sein wie z.B. Patient und Arzt.

Wieso nun könnte das wichtig sein? Viele Menschen neigen dazu, Bezugspersonen mehrere Rollen aufzuerlegen, z.B. Arbeitskollege und Freund. In solchen Fällen nun gelten die Grenzen beider Rollen.

Ob das jetzt gut oder schlecht ist, darüber lässt sich streiten. Im Hinterkopf behalten sollte man es, wenn es zu Situationen kommt, wo man eine möglichst unzensierte Kommunikation benötigt. Die bekommt man nicht notwendigerweise, wenn man Leute fragt, auf die mehrere Bindungen zutreffen.

Spinnen wir mal eine hypothetische Situation. Aufgrund einer rechtlich unklaren Lage soll ein Anwalt befragt werden. Eigentlich sollte man ja meinen, der alte Freund seit Kindheitstagen, der zufällig auch Anwalt ist, wäre der beste Ratgeber, da er ja schon sehr persönliche Kenntnisse über die Situation hat. Aus der Perspektive könnte es auch stimmen. Nur fehlt da einerseits möglicherweise auch der Abstand, andererseits könnte er aus Rücksicht auf Gefühle beschönigt oder anderweitig verzerrt kommunizieren. Das wiederum könnte zu falschen Entscheidungen führen...

... und jetzt denken wir einmal an Situationen, wo es richtig weh tun kann. Arzt und Patient zum Beispiel, wenn zwei Diagnosen im Raum stehen, und eine davon eine sehr schmerzhafte Behandlung nach sich ziehen würde. In welche Richtung dürfte der Arzt-Freund schon unbewusst hin tendieren? Wie wird er die Alternativen kommunizieren?

Doppelrollen können zu Problemen führen.

Sonntag, 8. März 2015

Signale im Rauschen

Im Bereich technischer Kommunikation (also der Kommunikation zwischen Geräten) gibt es den Begriff der "signal to noise ratio", welche beschreibt, wie viele von den empfangenen Informationen Signal (also wertvoll) und wie viel "Hintergrundlärm"/"Rauschen" ist.

Ich erinnere mich da an den Fernsehempfang vor einigen Jahrzehnten, so man kein Kabel hatte. Wenn es draußen stürmte, empfing da die Technik mehr Rauschen und die Bildqualität ließ spürbar nach. Anders formuliert, das Bild wurde verschneit. Bei der modernen digitalen Technik passiert so etwas ja nicht mehr. Also nicht, dass es keine Störungen mehr gäbe. Nur statt Schnee gibt es nun Blöckchenbildung. Aber apropos Kabel. Das Problem gibt es da auch - zu lange Kabel ohne Verstärker verlieren zu viel Signal, und am Ende ist das Bild verschneit oder verblockt.

Auch in menschlicher Kommunikation gibt es eine "signal to noise ratio", nur wirkt sie sich dort weniger offensichtlich aus.

Viele Personen haben ihre eigene Art Informationen weiterzugeben. Je weniger eine Person zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen unterscheidet, desto schwerer wird es für andere, das Signal im Rauschen zu erkennen. Umgekehrt, und das führt immer wieder zu weiteren Kommunikationsproblemen, erwartet jemand, der viel "Informationsrauschen" aussendet, ebenso viel "Informationsrauschen" zu erhalten. Sich dort präziser auszudrücken (also mehr Signal unterzubringen) kann hier einen gegenteiligen Effekt haben. Es ist so, als würde ein Empfangsgerät mit einem Grundrauschen rechnen (weil es selbst so senden würde), und daher bei zu wenig Rauschen die empfangenen Informationen falsch interpretieren, quantitativ ("zu wenig") als auch inhaltlich (da der Rauschfilter dennoch Informationen herausfiltert, und so wichtige Signale verloren gehen).

Dabei scheint es mir mehrere Arten von Rauschen zu geben. Eine Form des Rauschens ist die Informationsvervielfältigung. Die Information wird mehrfach weitergegeben, was beim Gegenüber als Redundanz wahrgenommen wird. Eine andere Form des Rauschens sind Abschweifungen vom Thema (das Bildnis oben vom Fernseher ist genau genommen Rauschen, auch wenn es einen Zweck hat). Eine weitere sind Details, die eigentlich nichts zur Sache beitragen. Dummerweise ist da aber nicht immer vorher klar, was wichtig ist, und was nicht.

Das betrifft nicht nur die verbale Kommunikation. Körpersprache und co kann ebenso Signal wie auch Rauschen liefern. Aber, und das ist der interessante Aspekt, meiner Erfahrung nach ist die "signal to noise ratio" dort zumeist (aber nicht immer!) besser. Tatsächlich, ich möchte hier an die Reihe über Motiverkennung erinnern, hilft es oft, Signal im Rauschen zu erkennen, wenn das Signal kongruent verbal wie auch nonverbal gesendet wird. Soll heißen, Wortsprache und Körpersprache im Einklang sind.

Samstag, 7. März 2015

Abwechslung(en) im Alltag

Gestern musste ich an das Forschungsergebnis eines ehemaligen Kollegen denken. Kurz zusammengefasst fand er heraus, dass neuartige Situationen und kleinere unerwartete Herausforderungen im Arbeitsalltag die Zufriedenheit mit dem Arbeitsplatz erhöhen.

Wie kann etwas die Zufriedenheit erhöhen, wo es doch zu mehr Arbeit führt?

- Ungewöhnliche Ereignisse bleiben uns besser in Erinnerung, die Tage rauschen so nicht als Einheitsbrei an uns vorbei.
- Damit einhergehend verändern sie die Zeitwahrnehmung. Einerseits vergeht während der kleinen Krisen die Zeit schneller, so es sich um eine handhabbare Krise handelt. Auf der anderen Seite vergehen rückblickend (siehe oben) die Jahre nicht so schnell.
- Wir können während der neuartigen Situationen und kleinen Krisen neue Lernerfahrungen machen, auch auf unsere eigenen Fähigkeiten bezogen.
- Sie zu meistern sorgt für gesteigerte Selbstwirksamkeitsüberzeugungen.

Toll, oder?