Sonntag, 22. März 2015

Automatisierte Entscheidungen I

Wie viele Entscheidungen triffst du pro Tag? Keine? Ein paar? Vielleicht sogar ein Dutzend?

Ich erinnere mich an die Aussage eines Ernährungsexperten, der sagte (und das durchaus glaubhaft erläuterte), dass wir allein in Bezug auf unsere Ernährung jeden Tag mehrere hundert Entscheidungen träfen. Rechnen wir dies auf unseren gesamten Tag hoch, dann müssten wir bei Abertausenden Entscheidungen pro Tag sein. Kommt uns das so vor? Mir zumindest kommt es nicht so vor.

Die allermeisten Menschen erledigen Entscheidungen automatisch. Einerseits werden nur die offensichtlichsten Alternativen bei bewussten Entscheidungen wahrgenommen, andererseits viele andere Entscheidungen unbewusst, automatisiert gefällt. Allerdings hat man schon bei der Wahrnehmung der 'offensichtlichsten Alternativen' einen Automatismus drin.

Dies ist per se nichts Schlechtes. Es bewahrt uns davor, immer wieder Unsinn auszuprobieren, wie z.B. zu versuchen, Spiegeleier im Kühlschrank zu braten. Genauso hält es den Kopf frei, wir müssen nicht darüber nachdenken, wann wir zur Arbeit gehen, ob wir überhaupt zur Arbeit gehen, warum wir zur Arbeit gehen, und so weiter und so fort. Müssten wir unzählige Entscheidungen bewusst und unter Abwägung aller Alternativen fällen, wir wären nicht mehr lebensfähig.

Zum Problem wird es, wenn wir automatisiert Entscheidungsalternativen ausschließen und ebenso automatisiert Entscheidungen treffen, welche nicht in unserem Sinne sind. In dem Fall verlieren wir extrem viel Handlungsspielraum, auch in Bezug auf die Fragen, wie wir uns fühlen, wer wir sind, was wir können, wie unsere Zukunft gestaltet werden kann. Ein zentraler Aspekt psychologischer Beratung ist gar nicht, dem anderen zu sagen "wie es richtig geht", sondern Wahlmöglichkeiten wiederherzustellen, die durch Automatisierungen verloren gegangen sind.

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