Freitag, 20. März 2015

Die Aussprache des Unausgesprochenen

Irgendwie ist es ja doch faszinierend, zu bemerken, wie man sich selbst gedanklich ein Bein stellt. Ziemlich am Anfang meiner klinischen Ausbildung hörte ich, wie ein Dozent sagte, "manchmal geht es auch nur darum, das Unausgesprochene zur Aussprache zu bringen". Für mich klang das so simpel. Keine kognitiven Umstrukturierungen, keine verhaltensorientierte Intervention, keine Exposition, kein Aufarbeiten von Konflikten, kein gar nicht. Wie kann das schon helfen?

Und doch bemerke ich beinahe wöchentlich, wie genau das schon hilft. Wenn das vorher nicht Ausgesprochene doch ausgesprochen wird, egal wie klein oder groß es ist. Ich habe so oft gesehen, wie es Menschen danach massiv besser ging, ohne dass daraufhin irgendeine weitergehende Maßnahme ansetzte.

Und dann ging auch mir endlich ein Licht auf.

Auf der einen Seite kostet es sehr viel Kraft, um etwas hinter mentalen Mauern zu halten. Viele Ressourcen werden gebunden. Etwaige Wunden können so auch hinter Mauern kaum heilen. Werden die Sachen nur ins Licht geholt, befreit das viele Ressourcen, und die Selbstheilungskräfte (die jeder von uns hat, sonst wären wir nicht lebensfähig) können greifen.

Auf der anderen Seite ist oben vielleicht ein Verfahren aufgefallen. Exposition. Eigentlich fallen darunter Konfrontationen mit genau den Dingen, die jemand sonst vermeidet (z.B. Spinnen bei einer Spinnenphobie). In dem man darüber spricht, wird nicht länger vermieden, es findet eine Art mentale Exposition statt - mit dem, was hinter der Mauer des Schweigens verborgen war.

Und zudem wird das, was ausgesprochen ist, in gewisser Weise "fester", realer als bloße Gedanken. Damit auch kleiner. Handhabbarer. So als würde etwas, was im Schatten verborgen war, ans Licht gezerrt.

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