Samstag, 25. April 2015

Das Nicht-Teil

Sagen wir, jemand hat ein Problem. Welches auch immer. Welche Fragen stellst du?

Überlegen wir einmal typische Fragen:
- "Was ist das Problem?"
- "Wie erklärt sich derjenige sein Problem?"
- "Was muss derjenige tun, damit das Problem gelöst wird?"
- "Wie kam es zum Problem?" (Okay, das ist eine doofe, da zu unkonkrete, Frage, konkretisieren wir einmal!)
- "Was tat derjenige, damit es zum Problem kam?"
- "Was tut derjenige, damit das Problem aufrecht erhalten wird?"
- "Welche Umweltbedingungen waren da, dass das Problem entstand?"
- "Welche Umweltbedingungen sind da, dass das Problem aufrecht erhalten wird?"


Das sind durchaus wichtige Fragen. Was passiert nun, wenn wir das Wort bzw. Konzept des "Nicht" einbauen?

- "Was ist nicht das Problem?"
=> Differentialdiagnostik!

- "Wie erklärt sich derjenige nicht sein Problem?"
=> Hier lassen sich die Grenzen der gedanklichen Karte austesten. Auslöser und Lösung sind oft irgendwo außerhalb. Denn wenn sie es nicht wären, dann hätten die meisten das Problem schon gelöst.

- "Was muss derjenige nicht tun, damit das Problem gelöst wird?"
Ich formuliere mal schöner, dann springt es mehr ins Auge! "Was muss derjenige aufhören zu tun, damit das Problem gelöst wird?", genauso umfasst es natürlich ebenso allen Ramsch, der keinen Einfluss hat. Regentänze bei einer Axt im Rücken sind wohl eher nicht hilfreich. Aber der Punkt, womit jemand aufhören sollte, ist oftmals sehr, sehr bedeutsam.

- "Was tat derjenige nicht, damit es zum Problem kam?"
- "Was tut derjenige nicht, damit das Problem aufrecht erhalten werden kann?" 
- "Welche Umweltbedingungen waren nicht da, dass das Problem entstand?"
- "Welche Umweltbedingungen sind nicht da, dass das Problem aufrecht erhalten wird?"
=> Dies ist keine einfache Verneinung. Hier wird nach Lücken gefragt. Dinge, die fehlen. Ich habe Menschen erlebt, die eine unendliche Therapiegeschichte hinter sich hatten, quer durch alle Richtungen. Theoretisch also austherapiert. Dennoch hat dann doch irgendwann mal wer den Knoten gelöst. Die haben dann aber nach dem geschaut, was jemand unterlässt, was im Leben fehlt, wo irgendeine große Lücke klafft, die auf den ersten Blick gar nicht Teil des Problems zu sein scheint, aber doch zu dessen Entstehung bzw. Aufrechterhaltung in entscheidendem Maße beitrugen.

Sein und Nicht-Sein sind keine zwei Gegensätze. Sie sind nicht einmal zwei Seiten derselben Medaille. Sie sind mehr wie Puzzlestücke, die erst zusammen ein gemeinsames Bild ergeben.

Samstag, 18. April 2015

"Das habe ich mir schon gedacht!"

Gestern berichtete mir jemand, einen Traum gehabt zu haben. In jenem Traum sei eine ganz wichtige, schlimme Nachricht gekommen. Dann an dem Tag kam tatsächlich per Post ein Brief. War (nur) die Nebenkostenabrechnung, und dennoch dann im Brustton der Überzeugung "habe ich doch gewusst, da kommt irgendwann was!"

Sprechen wir einmal einen Moment über eine schöne Kombination aus Phänomenen. Vage Angaben und den so genannten "confirmation bias". Der Confirmation Bias ist unsere Tendenz, Beweise für unsere Überzeugungen zu finden. Wer sich für toll hält, wird Gründe dafür finden. Wer sich für problembeladen hält, wird Gründe dafür finden. Wer in ein bestimmtes (welches auch immer!) politisches Spektrum neigt, wird immer wieder Hinweise für die eigene Überzeugung finden.

Das wird ziemlich explosiv, wenn vage Vorhersagen dazu kommen, gerade wenn es um so Sachen wie Selbstwertprobleme, Sorgen, Selbstwirksamkeitserwartungen, generalisiertes Misstrauen und sehr viel mehr geht.

Ich werde jetzt einmal kurz zum Hellseher und sage, noch in diesem Jahr wird eine große Naturkatastrophe durch die Nachrichten gehen!
Wenn ich jetzt nach Bestätigung für diese Vorhersage suche, wird das sehr einfach sein. Darunter fällt so ziemlich alles, von Unwettern, Erdbeben, Fluten, Vulkanausbrüchen, Dürren. Auch die Zeitangabe ist ziemlich weit.

Mein Hellseherbeispiel scheint lustig zu sein. Wenn aber wenig selbstdienliche Vorhersagen aufgestellt werden, die durch ihre bloße Unbestimmtheit sehr wahrscheinlich eintreten werden, die dann wiederum irgendeine dysfunktionale Überzeugung dank Confirmation Bias füttern, dann fängt es an, für mich interessant zu werden. Für die betroffene Person aber? Weniger lustig.

Mittwoch, 15. April 2015

Das Binärproblem

Binärcode, Nullen und Einsen. Eine einfache Welt. Schwarz und Weiß, Gut und Schlecht. Im Informatikbereich funktioniert binäre Sprache gut, da aus Nullen und Einsen alles aufgebaut wird. Egal ob diese Buchstaben, ein Musikstück oder ein Video - was immer Du auf dem Rechner (oder dem Smartphone) siehst, intern besteht es aus Nullen und Einsen. In gewisser Weise funktioniert auch unser Gehirn so. Was deine Augen gerade sehen, wird überhaupt erst einmal von Sinneszellen wahrgenommen. Oder eben nicht wahrgenommen. Sie kennen diese zwei Zustände, entweder sie nehmen wahr und feuern, signalisieren also "1"; oder sie nehmen nicht wahr und feuern nicht, signalisieren also "0". Zugegebenermaßen spielen hier auch Frequenz und Kontrasteffekte eine Rolle, aber nun gut. Darum soll es mir heute nicht gehen.

Auch nicht um Binärsprache. Mir geht es um Informationsverlust. Sowohl in der Forschung wie auch im medizinischen Kontext wie auch so ziemlich überall sonst kommt es zu riesigen Problemen, wenn auf einer Skala von 1 bis 10 (fast) alles zwischen der 1 und der 10 ausgeblendet wird. Oder anders gesagt, es wie beim Binärcode nur noch Nullen und Einsen gibt. Was meine ich mit Informationsverlust?

Wenn alles immer nur "gut" ist, wird schnell übersehen, was nicht gut ist und dabei noch nicht so schlecht, um auf "schlecht" umzufallen. Ich habe schwer depressive Leute erlebt, bei denen "alles perfekt, alles wunderbar" war. Und doch hat sich unter der Wahrnehmungsschwelle eine riesige Menge Unrat angesammelt, und es war alles andere als gut.

Wenn alles immer nur "schlecht" ist, ist es schwer, die wirklich großen Probleme zu erkennen. Oder auch nur Gefahren wahrzunehmen. Ich habe so etwas vor nicht allzu langer Zeit selbst erlebt. Jemand, bei dem alles immer eine Katastrophe, alles immer schlimm war - und als die Katastrophe wirklich eintrat, sie niemand mehr für voll nahm. Jedenfalls bei weitem nicht rechtzeitig.

Die Welt ist voller Schattierungen von Grau. Sie auszublenden, nun ja, das ist die eigene Entscheidung. Wichtig erscheint mir jedoch im Hinterkopf zu behalten, wenn man mit anderen Menschen arbeitet, es gibt doch so einige Menschen, welche in binären Denkmustern verhaftet sind. Wenn man das selbst weiß, lässt sich dem entgegen wirken. Allein schon, indem man die eigene Wahrnehmung schärft.

Sonntag, 12. April 2015

Die Möglichkeit zu Gehen

Eins fasziniert mich am "amerikanischen Traum". Weniger die leider nur selten in Erfüllung gehende Geschichte 'vom Tellerwäscher zum Millionär', sondern die in den USA viel verbreitete Möglichkeit für Neuanfänge. Nehmen wir eine überschuldete Immobilie! In Deutschland hängt die einen ewig nach, in den USA zieht man einfach aus, die Sache fällt an die Bank, und man ist heraus. Sicher, wohnungstechnisch muss man neu anfangen, aber man fängt neu an ohne noch an der vergangenen Unterkunft finanziell gebunden zu sein.

Gehen zu können ist etwas, was sehr viel mit Seelenfrieden zu tun hat, beziehungsweise haben kann. Denn es hat sowohl etwas mit Freiheit wie auch mit Macht zu tun. Überlegen wir mal ein paar weitere Beispiele!

- Wer ist anfälliger für Mobbing? Jemand, der an einem Arbeitsplatz gebunden ist; oder jemand, der im Zweifelsfall gehen kann?

- Wer ist anfälliger für Burnout? Jemand, der aufgrund finanzieller Anforderungen an ein hohes Lohnniveau gebunden ist; oder jemand, der auch mit weniger Gehalt zurechtkommen kann?

- Wer ist anfälliger für finanzielle Krisen aufgrund extremer Mieterhöhungen? Jemand, der an den Wohnort gebunden ist; oder jemand, der ortsmäßig ungebunden ist?

- Wer ist anfälliger für fortgesetzte häusliche Gewalterfahrungen? Jemand, der an den Partner gebunden ist; oder jemand, der auch auf eigenen Beinen stehen kann?

- Wer ist anfälliger für emotionale Abstürze nach Fehlschlägen? Jemand, der ein Ziel verfolgt; oder jemand, der mehrere Ziele gleichzeitig verfolgt?

Und so weiter, und so weiter, und so weiter. Jemand, ich weiß nicht mehr, wer es war, ich weiß nur, der Spruch ist schon mehrere Jahrzehnte alt, sagte einmal, Therapie sei in erster Linie die Wiederherstellung von Wahlmöglichkeiten. Es gibt immer äußere Faktoren, die wie Zwänge wirken können. Die uns den Eindruck vermitteln, es ginge nicht anders. Das der Weg, den wir beschreiten; oder der Ort, an dem wir uns befinden, alternativlos seien. Ob dies wirklich der Fall ist, ist jedoch sehr oft sehr diskutabel.
Problem nun ist, es bringt wenig, wenn von außen andere Alternativen aufgezeigt werden. Ziel muss es sein, um die Ketten zu brechen, dass jemand selbst erkennt, da sind Wahlmöglichkeiten.

Hier kommt es aber dann manchmal zu einem Problem. Es ist leicht, Alternativen zu sehen, wenn bereits Alternativen da sind. Was aber, wenn gerade keine Alternativen in Sicht sind? Was sowohl beinhaltet, dass entweder wirklich keine da sein sollten, oder jene nicht wahrgenommen werden, was dann? Die Möglichkeit, gehen zu können, scheint da wie der letzte Ausweg zu sein. Oftmals aber scheint es mir so zu sein, dass es sich dabei um den Anfang handelt.

Ohne gehen zu können fehlt es uns an Autonomie, an Macht. Ich werde oft gefragt, wenn sich jemand in einer dysfunktionalen Beziehung befindet (Familie, Freunde, Partnerschaft, Arbeitsplatz, Wohnsituation, was auch immer), wie man denn andere verändern könnte. Irgendwelche tollen psychologischen Manipulationstricks! Wieso nun sollten sich andere verändern, wenn man keine Hebelwirkung hat? Weil man eh weitermacht wie bisher? Weil man gar nicht anders kann?

Samstag, 4. April 2015

Zwei Mauern

Einst hörte ich vom Gespräch eines Wanderers. Er reiste durch den fernen Osten, kam dort an eine große Mauer. Die chinesische Mauer, ein unermessliches Bauwerk, das sich über Täler und Hügel schlängelte. Wachtürme, wie aufgepfropft auf der Linie. Schwer befestigte Durchgänge, noch aus alten Tagen. Ein Einheimischer war dort.

Der Einheimische erzählte vom Ursprung der Mauer, wie sie vor Jahrhunderten Horden von Barbaren abwehrte. Zu einem Symbol wurde. Jene unüberwindliche Mauer wurde für die Barbaren China.
"Die Mauer ist China?" fragte der Wanderer irritiert.
"In ihr steckt all die Baukunst, all die Hingabe, all die Größe Chinas!" antwortete der Einheimische. Der Wanderer ließ seinen Blick schweifen, von der einen Seite des Horizonts zum anderen. Überall sah er jene Schlangenlinie des Mauerwerks.
"Die Barbaren sahen China, wenn sie auf die Mauer schauten." meinte der Wanderer, der Einheimische nickte. "Was sahen aber die Chinesen?"
"Auch China!" erwiderte der Einheimische.
"Sahen Sie in diesem Bauwerk die Reisfelder tief im Landesinneren?" fragte der Wanderer. "Die großen Metropolen mit ihren quirligen Märkten im Osten? Das Meer und Fischerdörfer? Die Menschen, die vor der Mauer da waren? Die Menschen, die seit dem Bestehen der Mauer das Land formten?"
"Für sie alle steht die Mauer als Symbol." erwiderte der Einheimische.
"Mauerwerk, Begrenzung. Eine steinerne Feste." entgegnete der Wanderer. "Mit zwei Seiten. Eine zu Abwehr, 'hier kommt niemand herein, hier soll niemand herein!'; eine zur Verteidigung, 'da draußen wartet das Böse!', ist das wirklich alles?"

Der Einheimische schwieg, und der Wanderer setzte seine Reise fort. Er sah auf seinen Reisen wachsende kleine Dörfer. Flüsse, die im Laufe der Jahreszeiten ihren Lauf änderten. Wälder und Wüsten, bewohnt von Menschen ganz unterschiedlicher Kultur. Er sah Zeugnisse von Geschichte, die Jahrtausende zurück reichten. Er sah eine Zukunft, die sich weit in kommende Jahrzehnte strecken würde. Er sah Erfahrungen, Potentiale, Möglichkeiten; aber auch Schwierigkeiten, Sorgen, Nöte. So viel, was nicht die Mauer ist. Und da musste er an den Einheimischen denken, dem er zuerst begegnet war, und der nur die Mauer sah, jene Grenze, jene Abwehr, die doch nicht das ist, was dahinter lag.