Sonntag, 12. April 2015

Die Möglichkeit zu Gehen

Eins fasziniert mich am "amerikanischen Traum". Weniger die leider nur selten in Erfüllung gehende Geschichte 'vom Tellerwäscher zum Millionär', sondern die in den USA viel verbreitete Möglichkeit für Neuanfänge. Nehmen wir eine überschuldete Immobilie! In Deutschland hängt die einen ewig nach, in den USA zieht man einfach aus, die Sache fällt an die Bank, und man ist heraus. Sicher, wohnungstechnisch muss man neu anfangen, aber man fängt neu an ohne noch an der vergangenen Unterkunft finanziell gebunden zu sein.

Gehen zu können ist etwas, was sehr viel mit Seelenfrieden zu tun hat, beziehungsweise haben kann. Denn es hat sowohl etwas mit Freiheit wie auch mit Macht zu tun. Überlegen wir mal ein paar weitere Beispiele!

- Wer ist anfälliger für Mobbing? Jemand, der an einem Arbeitsplatz gebunden ist; oder jemand, der im Zweifelsfall gehen kann?

- Wer ist anfälliger für Burnout? Jemand, der aufgrund finanzieller Anforderungen an ein hohes Lohnniveau gebunden ist; oder jemand, der auch mit weniger Gehalt zurechtkommen kann?

- Wer ist anfälliger für finanzielle Krisen aufgrund extremer Mieterhöhungen? Jemand, der an den Wohnort gebunden ist; oder jemand, der ortsmäßig ungebunden ist?

- Wer ist anfälliger für fortgesetzte häusliche Gewalterfahrungen? Jemand, der an den Partner gebunden ist; oder jemand, der auch auf eigenen Beinen stehen kann?

- Wer ist anfälliger für emotionale Abstürze nach Fehlschlägen? Jemand, der ein Ziel verfolgt; oder jemand, der mehrere Ziele gleichzeitig verfolgt?

Und so weiter, und so weiter, und so weiter. Jemand, ich weiß nicht mehr, wer es war, ich weiß nur, der Spruch ist schon mehrere Jahrzehnte alt, sagte einmal, Therapie sei in erster Linie die Wiederherstellung von Wahlmöglichkeiten. Es gibt immer äußere Faktoren, die wie Zwänge wirken können. Die uns den Eindruck vermitteln, es ginge nicht anders. Das der Weg, den wir beschreiten; oder der Ort, an dem wir uns befinden, alternativlos seien. Ob dies wirklich der Fall ist, ist jedoch sehr oft sehr diskutabel.
Problem nun ist, es bringt wenig, wenn von außen andere Alternativen aufgezeigt werden. Ziel muss es sein, um die Ketten zu brechen, dass jemand selbst erkennt, da sind Wahlmöglichkeiten.

Hier kommt es aber dann manchmal zu einem Problem. Es ist leicht, Alternativen zu sehen, wenn bereits Alternativen da sind. Was aber, wenn gerade keine Alternativen in Sicht sind? Was sowohl beinhaltet, dass entweder wirklich keine da sein sollten, oder jene nicht wahrgenommen werden, was dann? Die Möglichkeit, gehen zu können, scheint da wie der letzte Ausweg zu sein. Oftmals aber scheint es mir so zu sein, dass es sich dabei um den Anfang handelt.

Ohne gehen zu können fehlt es uns an Autonomie, an Macht. Ich werde oft gefragt, wenn sich jemand in einer dysfunktionalen Beziehung befindet (Familie, Freunde, Partnerschaft, Arbeitsplatz, Wohnsituation, was auch immer), wie man denn andere verändern könnte. Irgendwelche tollen psychologischen Manipulationstricks! Wieso nun sollten sich andere verändern, wenn man keine Hebelwirkung hat? Weil man eh weitermacht wie bisher? Weil man gar nicht anders kann?

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