Samstag, 4. April 2015

Zwei Mauern

Einst hörte ich vom Gespräch eines Wanderers. Er reiste durch den fernen Osten, kam dort an eine große Mauer. Die chinesische Mauer, ein unermessliches Bauwerk, das sich über Täler und Hügel schlängelte. Wachtürme, wie aufgepfropft auf der Linie. Schwer befestigte Durchgänge, noch aus alten Tagen. Ein Einheimischer war dort.

Der Einheimische erzählte vom Ursprung der Mauer, wie sie vor Jahrhunderten Horden von Barbaren abwehrte. Zu einem Symbol wurde. Jene unüberwindliche Mauer wurde für die Barbaren China.
"Die Mauer ist China?" fragte der Wanderer irritiert.
"In ihr steckt all die Baukunst, all die Hingabe, all die Größe Chinas!" antwortete der Einheimische. Der Wanderer ließ seinen Blick schweifen, von der einen Seite des Horizonts zum anderen. Überall sah er jene Schlangenlinie des Mauerwerks.
"Die Barbaren sahen China, wenn sie auf die Mauer schauten." meinte der Wanderer, der Einheimische nickte. "Was sahen aber die Chinesen?"
"Auch China!" erwiderte der Einheimische.
"Sahen Sie in diesem Bauwerk die Reisfelder tief im Landesinneren?" fragte der Wanderer. "Die großen Metropolen mit ihren quirligen Märkten im Osten? Das Meer und Fischerdörfer? Die Menschen, die vor der Mauer da waren? Die Menschen, die seit dem Bestehen der Mauer das Land formten?"
"Für sie alle steht die Mauer als Symbol." erwiderte der Einheimische.
"Mauerwerk, Begrenzung. Eine steinerne Feste." entgegnete der Wanderer. "Mit zwei Seiten. Eine zu Abwehr, 'hier kommt niemand herein, hier soll niemand herein!'; eine zur Verteidigung, 'da draußen wartet das Böse!', ist das wirklich alles?"

Der Einheimische schwieg, und der Wanderer setzte seine Reise fort. Er sah auf seinen Reisen wachsende kleine Dörfer. Flüsse, die im Laufe der Jahreszeiten ihren Lauf änderten. Wälder und Wüsten, bewohnt von Menschen ganz unterschiedlicher Kultur. Er sah Zeugnisse von Geschichte, die Jahrtausende zurück reichten. Er sah eine Zukunft, die sich weit in kommende Jahrzehnte strecken würde. Er sah Erfahrungen, Potentiale, Möglichkeiten; aber auch Schwierigkeiten, Sorgen, Nöte. So viel, was nicht die Mauer ist. Und da musste er an den Einheimischen denken, dem er zuerst begegnet war, und der nur die Mauer sah, jene Grenze, jene Abwehr, die doch nicht das ist, was dahinter lag.

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