Sonntag, 10. Mai 2015

Das Ende des Säbelzahntigers

Was sehe ich, wenn ich aus dem Fenster blicke?

Ich sehe eine Landschaft, die vor zehntausend Jahren von Eis bedeckt war. In unserer Wahrnehmung eine Ewigkeit, geologisch wenig mehr denn ein Wimpernschlag. Eine Landschaft, in der unsere Vorfahren sich in Höhlen versteckten, Feuer ein heiliges Wunder war, Säbelzahntiger und andere Großtiere die Welt zu beherrschen schienen. Eine Zeit, in der unsere Vorfahren in Erdlöchern saßen und wenig mehr als Stöcke hatten.

Ich sehe eine Landschaft, in der vor zweitausend Jahren keine Säbelzahntiger mehr lebten. Eine Landschaft, durchzogen von Straßen und Mauern. Dörfern und Städten, errichtet zum Schutz vor den Elementen, in denen sich zugleich auch die Elemente Untertan gemacht worden waren. Feuer, Wasser, was das Leben so viel einfacher machte. Eine Zeit, in der längst Obst und Gemüse und Getreide nicht mehr gesucht wurde, sondern in Feldern gefangen worden war. Eine Zeit, in der riesige Festungen ebenso erbaut wie durch Waffen niedergerissen werden konnten, wo durch Schiffe die Ozeane überwunden und durch damals moderne Waffen kein Tier mehr der Menschheit gewachsen war.

Ich sehe eine Landschaft, in der vor einigen Jahrzehnten Häuser gebaut worden sind. Wasser, Licht und Wärme auf Knopfdruck. Eine Landschaft, in der die einzig verbliebene wirkliche Gefahr wir selbst sind. Alle anderen? Überwunden. Und in diesen Häusern Kabel und Funkwellen, die jeden Menschen theoretisch mit jedem anderen Menschen zu verbinden mögen. Flugzeuge am Himmel. Darüber noch eine internationale Raumstation. Und darüber noch den Mond, den schon ein Mensch betreten hat.

Hätte daran irgendeiner unserer Vorfahren denken können, der vor zehntausend Jahren in einem Loch saß? Und doch steckte es in ihnen. In uns allen. Wir sind Überlebensmaschinen. Uns verbindet eine ungebrochene Linie vom heutigen Tag zurück zu den Anfängen des Lebens.

Was hat uns dahin gebracht, wo wir heute sind? Stärke? Geschicklichkeit? Soziale Ader? Größere unseres Gehirns? Hm?

Diskutabel.

Eins können wir Menschen besser als jedes Lebewesen auf diesem Planeten: Probleme lösen. Das konnten wir schon immer. Die Grenzen des Möglichen immer weiter verschieben. Und damit die Welt selbst neu zu gestalten.

Nun ist ein Mensch nicht die Menschheit, und unsere Lebenszeit ist begrenzt. Doch werden wir meistens mit ungleich kleineren Problemen konfrontiert als "wie kann man Menschen fliegen lassen?", "wie sorgt man für sicheres Licht?", "wie macht man sich Naturkräfte zunutze?" oder auch nur "Hilfe, da ist ein Säbelzahntiger im Busch!"
Was können wir alles lösen, an unseren eigenen Problemen, von denen wir gar nicht zu glauben vermögen, dass sie überhaupt lösbar sein könnten? Was können wir alles lösen, an unseren eigenen Problemen, wenn wir uns darauf besinnen, was wir als Person, als Mensch, aber auch als Teil der Menschheit schon alles an Problemen gelöst haben? Welches Problem kann uns wirklich widerstehen?

Ich sehe aus dem Fenster, und was ich nicht sehe, ist ein Säbelzahntiger.

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