Freitag, 1. Mai 2015

"Das Leben geht weiter"

Ich höre immer wieder, wie viele Menschen den Satz "das Leben geht weiter" hassen. Es klingt wie eine hohle Phrase, einen daher gesagten Satz, der scheinbar vorhandenes Leid lindert. Nicht hilft. Nicht zu helfen scheint. Wie kann er auch helfen, wenn eine schlimme Katastrophe über das eigene Leben herein bricht? Wenn sich vor einem eine riesige Schlucht öffnet, oder ein hoher Berg auftürmt?

"Das Leben geht weiter" klingt so ein wenig wie "die Zeit heilt alle Wunden", noch mehr Phrasendrescherei. Letzteres hat jedoch einen etwas anderen Inhalt. Auch einen, den ich so nicht unterschreiben würde. "Das Leben geht weiter" hingegen kann ein Schutz sein gegen Überforderung, auch gegen so ein faszinierendes Phänomen namens "gelernte Hilflosigkeit".
 
Weshalb gegen Überforderung? In Krisen zählt jeder geschaffte Schritt, jeder weggeräumte Stein, jedes überwundene Hindernis. Auch wenn dahinter noch viele weitere liegen. Es muss nicht alles gleichzeitig wieder gut werden. Ein Schritt nach dem anderen. Ganz aktuell fand ich da ein Interview mit einem Erdbebenopfer in Nepal interessant - völlig glücklich darüber, jetzt ein Zelt bekommen zu haben! Wieder nachts trocken und halbwegs geschützt schlafen zu können!
 
"Die Zeit heilt alle Wunden" impliziert, dass etwas von alleine wieder gut werden würde. Mag manchmal der Fall sein. Oftmals aber müssen wir selbst aktiv werden. Und dann zählt es, weiterzumachen. Eben weil das Leben weiter geht. Einen Schritt nach den anderen.
 
Am heutigen Tag blicke ich, wie ich zugeben muss, mit etwas gemischten Gefühlen zurück. Vor genau zehn Jahren weckte mich ein lautes Geräusch - Rauchmelder. Ich taumelte aus dem Bett, in den Flur, roch Schmorrgeruch. Sah dann in der Küche, neben dem Gasherd, Rauch aus einer Steckdose quellen. Kurz darauf war aus der Wohnung eine Bauruine geworden. War nicht schön. Aber das Leben ging weiter. Wie bei jeder anderen kleinen und großen Krise.

Immer wieder höre ich den Wunsch, keine Probleme mehr zu haben. Wie realistisch ist das? Kaum. Wichtiger, als keine Probleme im Leben zu bekommen, ist doch, die Probleme, die uns begegnen, zu überwinden, zu lösen. Eben weil auch in Krisenzeiten das Leben weitergeht. Und wir immer neue Anläufe starten können unser Leben zu verbessern. Das ist das, was meiner Meinung nach in "das Leben geht weiter" steckt. Die Unendlichkeit der neuen Chancen, so lange wir leben.

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