Dienstag, 19. Mai 2015

Die andere Seite des Unwetters

Vor gar nicht so langer Zeit wanderte ich auf mir unbekannten Pfaden entlang; war dabei, meinen neuen Wohnort zu erkunden. Es war früher Abend. Wolken standen am Himmel, das Licht wurde eher diesig. Und es nieselte, ganz leicht. Oft so schwach, wenn ich unter den Bäumen herwanderte, bemerkte ich es nicht einmal.

Frühling ist so eine wunderbare Zeit. Neues Leben erblüht überall, altes Leben erwacht aus der Winterruhe. Eine Zeit des Neubeginns, des sanften Erwachens der Lebensgeister. Ein Bild für so viele Menschen, dass sich etwas verändern kann, mit der Sonne das Licht ins Leben zurück kehrt. Überall am Wegesrand Knospen, in voller Blüte stehende Bäume, wann kann man sich lebendiger fühlen?

Ja, wann eigentlich? Wenn das Leben dahinplätschert, wie ein ruhiger Bach? Wenn es wohltuend ist wie milder Nieselregen auf der Haut? Hat etwas. Durchaus. Aber ich habe da noch eine andere Idee.

Hast du von Kyrill gehört? Orkan, vor nunmehr acht Jahren. Ich bin damals in Hamm gestrandet. Notunterkünfte wurden da aufgebaut. Bahnverkehr komplett zusammengebrochen. Als der Wind eine kurze Weile abflaute, organisierte ich mit drei anderen Gestrandeten mit demselben Ziel eine Taxifahrt. Und was wurde es für eine Fahrt! Da waren Vans, die von Böen in die Leitplanke gedrückt wurden. Umfallende Bäume. Über die Straße klappernde Satellitenschüsseln wie Steppenläufer in Western. Von Häusern wie Konfetti abperlende Schiefertafeln. Jede Böe, denn der Sturm war zurückgekehrt, drückte das Auto zur Seite. Das letzte Stück, außerhalb des Autos, in einem Häusertunnel stehend, zu beiden Seiten Dachziegel niederkrachend.

Wann fühlst du dich lebendig? Wenn du durch den Regen gehst, am besten noch geschützt durch Schirm und Jacke, gar nichts mehr vom Unbill des Lebens erlebend? Oder wenn du durch den Sturm gehst, und am Ende noch rufen kannst "Ich! Bin! Noch! Da!"?

Solche Krisen können einen Menschen erschüttern. Aber in jeder Erschütterung, eben weil es erschüttert, eben weil es an den Fundamenten wühlt, steckt die Chance zum Neuaufbau. Zum Neuanfang. So wie nach Kyrill überall neue Wälder entstanden sind.

Manche Krisen lassen sich umgehen. Vielleicht aber nicht alle. Genauso wie nicht jedes Unwetter vermieden werden kann. Womöglich aber stecken gerade darin Gelegenheiten.

Und sei es auch nur die Gelegenheit, dort heraus gehen zu können und zu wissen "ich bin noch da!"; und vielleicht, nur vielleicht, die darin gewonnene Erfahrung, das gewonnene Wissen mitzunehmen. Wenn nicht gar am Ende die Chance zu einem neuen Anfang zu haben. Einen Anfang, den man ohne Unwetter, ohne Krise nie gewagt hätte.

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