Samstag, 30. Mai 2015

Die Wasser des Lebens

Zeichnen wir einmal ein Bild. Das, was uns in unserem Leben begegnet, ist Wasser. Sagen wir einmal ein Meer. Manche Orte sind seicht, warm, paradiesisch. Andere sind tiefer, unergründlich. Wieder andere sind stürmisch. Andere tückisch, mit Strömungen unter ruhiger Oberfläche. Dann sind da Ebbe und Flut, ein Auf und Ab, an manchen Küsten schwach, an anderen fast unendlich hoch.

Ein sehr geschätzter Kollege sagte mal zu mir, psychologisch mit Menschen zu arbeiten wäre so wie Kindern das Schwimmen beizubringen. Da ist viel dran. Egal ob es sich jetzt um Beratung, Coaching, Fortbildung, Anleitung zur Selbsthilfe, Rehabilitation oder Therapie im engeren Sinne handelt, letztendlich geht es da nicht darum, die Probleme zu lösen.

Nicht direkt. Nicht bezogen auf das, was das eigentliche Problem ist. Es gibt Gründe, weshalb z.B. im therapeutischen Kontext nicht von Krankheiten gesprochen wird, sondern von Störungen. Eine davon ist, dass das, weshalb Leute zu Psychologen kommen, in aller Regel Folgen von Problemen sind, aber nicht die Probleme selbst. Angststörungen sind z.B. die Folgen bestimmter Denk-, Reaktions- und Handelsmuster, die wiederum von bestimmten Situationen ausgelöst werden.

Anders formuliert, in bestimmten Situationen steht den Leuten das Wasser übern Kopf. Jetzt könnte man natürlich immer Rettungsringe werfen. Oder sie in flacheres Wasser führen. Versteht mich nicht falsch, als Krisenintervention kann das durchaus sehr sinnvoll sein. Das langfristige Ziel aber sollte es sein schwimmen zu lernen, damit es keine Probleme mehr gibt, wenn das Wasser mal zu tief wird. Denn das ist einer der harschen Wahrheiten unserer Existenz, Wasser wird es immer geben. Die Frage ist daher nicht, wie wir eine Wüste leer aller Probleme erschaffen, sondern wie wir es schaffen können, genug Fähigkeiten und Möglichkeiten zu sammeln, um mit dem aktuellen und möglichen zukünftigen Wasserstand zurechtzukommen.

Menschen sind was das angeht sehr unterschiedlich. Manche kriegen schon Schwierigkeiten, wenn ihre Zehen nass werden. Andere können problemlos bis zum Bauch im Wasser stehen. Andere in ruhigem Wasser schwimmen. Andere auch in Wellen. Wieder welche gegen die Strömung. Manche trotzen gar der stürmischen See. Ich finde es immer wieder faszinierend, was Menschen alles schaffen - und es oft gar nicht sehen. Wie ein Fisch, der gar nicht weiß, dass er nass ist.

Aber welche Rolle nimmt nun der Psychologe ein, unabhängig vom Kontext? Anders formuliert, was sollte ein Schwimmlehrer können? Ich würde mal sagen, zuvorderst sollte er schwimmen können.

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