Sonntag, 10. Mai 2015

Meine beiden größten Kritikpunkte in Bezug auf das gesamte Schulsystem

Letzten Mittwoch hatte ich ein Problem. Genau genommen zwei, wobei eins zum anderen führte. Zuerst hatte ich mir den Magen verdorben. Doof. Also habe ich mich aufs Sofa gepackt und den Fernseher eingeschaltet. Da keine interessanten Dokus liefen, blieb ich bei einer Diskussionsrunde über die Schulbildung hängen. Nach knapp einer Stunde habe ich abgeschaltet, da Bauchschmerzen immer noch besser waren als das, was da ablief. Mein ganz persönliches Highlight war ja, als gesagt wurde "Goethe ist Bildung, Steuererklärung ist Wissen", denn... egal welches Thema, es kann sowohl bildungsfördernd als auch wissensfördernd behandelt werden. Aber das ist etwas für einen anderen Blogbeitrag.

Die beiden Sachen, die ich persönlich als Hauptproblem im Schulsystem ansehe, wurden jedoch nicht einmal angeschnitten. Zugebenermaßen habe ich die halbe Sendung verpasst, doch wirkte keiner der Teilnehmer so, als wäre das Hauptproblem überhaupt auf dem Schirm. Das Nebenproblem... vielleicht ein wenig.

Mein ganz persönliches Hauptproblem, mit meilenweitem Abstand vor jedweden anderen Schwierigkeiten, ist die Fixierung auf richtige Lösungen. Quasi alle Menschen, die durch das Schulsystem gehen, entwickeln eine Abneigung gegen jenen Zustand der Ratlosigkeit, wenn wir nicht weiter wissen. Weiterhin bildet sich der Glaube aus, dass es immer eine richtige Lösung gäbe. Und der Glaube, dass es immer eine richtige Lösung gäbe.

Ein reales Problem, abseits des Schulkontexts, sieht so aus: Entweder wir wissen die Lösung, dann haben wir das Problem nicht. Oder wir wissen die Lösung nicht, dann haben wir das Problem. Wenn dann aber der Zustand der Ratlosigkeit verabscheut wird, wird erst gar nicht gedanklich jenes Gefängnis verlassen, in welchem die Gedanken kreisen. In den Schulen wird vermittelt, dass "ich weiß nicht" schlecht sei. Hat man aber ein Problem, ist "ich weiß nicht" oftmals der schnellste Weg zur Lösung. Weil wir dann auch bereit sind, all die Wege und Möglichkeiten zu betrachten, die es abseits unseres Wissens und abseits unserer normalen Denk- und Verhaltensmuster gibt.

Dazu kommt, dass es nicht nur oft mehr als eine Lösung gibt, sondern sämtliche Lösungen auch allesamt Vor- und Nachteile haben. Sie nicht 100% richtig sind. Tatsächlich ist all das, was wir an Wissen haben, bestenfalls funktional, aber niemals richtig. Alles, was wir jemals über die Welt lernen, ist immer nur ein Abbild des aktuellen Wissensstandes, und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit unvollständig, manchmal gar komplett fehlerhaft. Aber auch fehlerhaftes Wissen kann funktional sein. Viele unserer technischen Errungenschaften beruhen auf Theorien, die später überworfen worden sind. Die Technik funktioniert dennoch. Nur das Wissen, weshalb sie funktioniert, das ist ein anderes Thema.
Schule "lehrt" uns aber das Gegenteil. Es gibt eine richtige Antwort, weil irgendwer (= der Lehrer und seine Quellen) es so sagt, Punkt aus Ende.

(Ich weiß, dass ich hier stark verallgemeinere. Manche Lehrer regen durchaus zu kritischem, ergebnisoffenem Denken an. Die waren aber die absolute Ausnahme; und selbst bei ihnen kamen meinen Beobachtungen nach Drohnen oft sicherer und besser durch.)

Mein zweiter großer Kritikpunkt ist, dass oft vergessen wird, was da überhaupt im Klassenraum für Kreaturen sitzen. Nämlich Menschen. Mit emotionalen und motivationalen Bedürfnissen. Werden die ignoriert, führt das zu Katastrophen. Ich weiß noch, wie in der Sendung gefragt wurde, welchen Wert "Effi Briest" in der heutigen Zeit hat. Woraufhin zwei Politiker (beides Ex-Lehrer) flammende Reden für Effi Briest hielten, was für wichtige und aktuelle Themen darin angesprochen werden.
Was durchaus stimmt. Nur entspricht Effi Briest aufgrund des Schreibstils, der Charakterisierung, der Geschichtenentwicklung etwa dem Buchäquivalent einer Elektroschockbehandlung in Bezug auf Lesemotivation. Effi Briest mag seine Zielgruppe haben - aber die allermeisten Schüler sind es nicht. Zu sagen, es gehe völlig an emotionalen und motivationalen Bedürfnissen vorbei, wäre gelogen - denn genau genommen frustriert es diese oft. Ich kenne mehr als genug Schüler, die eifrige Leser waren - dann irgendwann mal Effi Briest lesen mussten, und anschließend über Monate, manche über Jahre, freiwillig kein Buch mehr angefasst haben.
Inhalte sind wichtig. Aber um Inhalte vermitteln zu können, müssen Menschen - und damit auch Schüler - sowohl emotional als auch motivational mitgenommen werden. Sonst machen sie entweder dicht, oder arbeiten nur sehr widerwillig und sich selbst zwingen müssend mit. Keine guten Vorzeichen.

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