Donnerstag, 25. Juni 2015

Ein anderer Blick aufs Priming

Die Geschichte des Primings ist eine voller Mythen und Missverständnisse. Nehmen wir einmal diese blaue Testflüssigkeit... nein, ich höre schon auf. Den meisten fällt beim Thema Priming die alten Experimente ein, wo versucht wurde Werbung am Bewusstsein vorbei zu plazieren. Beispielsweise indem für den Verstand nicht wahrnehmbare Werbebilder in Filmen untergebracht wurden, die nur Sekundenbruchteile zu sehen waren. Angeblich soll das die Verkäufe gefördert haben, aber die Ergebnisse konnten nie repliziert werden.

Was mich so gar nicht verwundert.

Was ist Priming überhaupt? Und wie funktioniert es eigentlich?

Fangen wir mal mit etwas ganz anderem an. Wissen ist miteinander verknüpft. Wenn du zum Beispiel das Wort "Flugzeug" hörst, dann denkst du an mehr als nur ein abstrakten Begriff. Vielleicht, je nachdem wie Begriffe bei dir verknüpft sind, denkst du an Reisen, an tolle Zeiten. Oder an Flugzeugabstürze. Oder an technische Entwicklungen. Vielleicht an skurrile Reiseerlebnisse. Jedenfalls füllst du diesen erstmal abstrakten Begriff mit Bedeutung.

Priming nun ist nichts anderes als die Aktivierung von Bedeutungsnetzwerken. Wenn dir jemand lange Zeit etwas von Wiesen, Wäldern, Seen, Enten, Bäumen und Wanderungen erzählt, wirst du den Begriff "Bank" mit einer Sitzbank füllen. Wurde dir hingegen etwas von Krediten, Finanzkrisen, Anlageberatern und Zinsen erzählt, wirst du den Begriff "Bank" eher auf ein Geldinstitut beziehen. Weil entsprechende Wissensnetzwerke aktiv sind.

Man kann nicht nicht primen. Die Frage ist nur, ob man geschickte Primes nutzt, nicht drauf achtet, oder sich sogar in den Fuß schießt. Denn sobald man überhaupt irgendwie Informationen übermittelt, aktiviert man Wissensnetzwerke. Die wiederum beeinflussen, wie nachfolgende Informationen verarbeitet werden.

Konkretes Anwendungsbeispiel, sehr kürzlich hatte ich eine sehr bedeutsame und sehr lange andauernde mündliche Prüfung, die mit einem Vortragsteil startete. Meine Grundfrage, die ich mir für den Vortrag gestellt habe, war nicht gewesen "was muss unbedingt in den Vortrag herein?", sondern "welche Wissensnetzwerke will ich aktivieren?", um so die nachfolgende mehrstündige Diskussion in meinem Sinne zu beeinflussen. Scheint geklappt zu haben.

Mal ein paar abstraktere Anwendungsbeispiele als Fragen gestellt.
- In einem Verkaufsgespräch, welche Wissensnetzwerke aktiviert man, wenn man sehr früh als Käufer Kaufabsicht oder Zweifel signalisiert?
- Was macht sich in einem Restaurant als Wandbehang besser, ruhig-gemütliche Bilder, oder actiongeladene?

Vielleicht ein Schwank zur letzteren Frage. In verschiedenen Studien wurden in Seminarräumen Bilder von gefüllten Gläsern und Flaschen aufgehangen und dann gemessen, wie viel die (unwissenden) Teilnehmer tranken. Hingen die Bilder direkt hinter dem Dozenten, dann gab es keine Veränderung im Vergleich zu einem leeren Raum. (Reaktanz sagt "hallo".)
Hingen sie aber im peripheren Sichtbereich, dann wurde teils erheblich mehr getrunken. Genauso fand man auch, dass erheblich mehr Süßigkeiten in Büros gegessen werden, wenn welche irgendwo sichtbar herumstehen im Vergleich zu in Schubladen verstaut oder in undurchsichtigen Behältern untergebracht. Wie das? Weil sie, so sie offen herumliegen, permanent entsprechende Wissensnetzwerke aktivieren.
Wie erwähnt, man kann nicht nicht primen.

Mittwoch, 17. Juni 2015

Rahmenkarambolage

Als ich heute einen Moment aus dem Fenster blickte sah ich, wie ein Vogelschwarm nah über dem Boden kreiste. Ich weiß nicht, was für Vögel es waren, ich erinnere mich nur, es gab sie in zwei Farben. Schwarz und weiß. Bunt im Schwarm gemischt, und doch klar getrennt, dabei Teil desselben Schwarms.

Bei den Spiralen des Schwarms musste ich an ein Gespräch denken, das ich vor nicht allzu langer Zeit mit angehört hatte. Ironischerweise während einer Pause in einem Seminar über (Gedanken-)Experimente. Stell dir vor, zwei Leute wandern einen See entlang. Einer komplett in weiß gekleidet, einer in schwarz.

Sinngemäß ging das Gespräch etwa so:
"Ich habe früher immer gedacht, die Welt sei fair", meinte der Weißgekleidete. "Das alles einen Sinn habe. Aber nach allem, was ich erlebte, nein, die Welt ist nicht fair."
"Fair", wiederholte der Schwarzgekleidete. "Alles eine Frage des Wissens."
"Aber das ist doch Teil des Problems!" erwiderte der Weißgekleidete. "Allein, wenn alle Menschen dasselbe Wissen -"

"Bemerkst du den Fehler", unterbrach der Schwarzgekleidete. "Wo suchst du Fairness?"
"Bei den Möglichkeiten, die wir haben", erklärte der Weißgekleidete. "Bei dem, was uns auf der Welt passiert."
"Und wer sagt, dass das nicht die absolute Fairness ist", warf der Schwarzgekleidete zurück.
"Jeder hat einen anderen Start, einen anderen Weg im Leben", begann der Weißgekleidete.
"Eben nicht", unterbrach der Schwarzgekleidete. "Stelle dir vor, wir spielen Poker, und du versuchst für dich selbst immer neue Regeln zu erfinden. Was nicht klappt. Ist das unfair?"
"Als ob für alle Menschen dieselben Regeln gelten würden", rief der Weißgekleidete.
"Eine Regel" korrigierte der Schwarzgekleidete. "Wie die Engländer sagen würden 'sink or swim', schwimme oder gehe unter."
"Und doch trägt jeder andere Gewichte an den Füßen", entgegnete der Weißgekleidete. "Ist das fair?"
"Jeder muss schwimmen", meinte der Schwarzgekleidete. "Es gibt dafür so viele Möglichkeiten, so viele Hilfen und Hindernisse. Dies ist das Leben. Willst du den Menschen helfen zu schwimmen, oder allen dasselbe Gewicht ans Bein binden? Wo soll die Fairness liegen?"
"An denselben Startbedingungen", erwiderte der Weißgekleidete.
"Wer kein Ziel hat, für den gibt es keinen Start", konterte der Schwarzgekleidete. "Wo soll es hingehen?"
"Zu einem besseren Leben" sagte der Weißgekleidete.
"Dies ist der Weg, nicht das Ziel" sagte der Schwarzgekleidete.
"Was soll es dann für ein Ziel geben", fragte der Weißgekleidete.
"Zu schwimmen."

Sonntag, 7. Juni 2015

Spaß mit Pseudoarchetypen

Mir ist schon seit Jahren immer mal wieder etwas aufgefallen, was einerseits sehr einfach ist, andererseits aber auch schnell missverstanden werden kann. Daher möchte ich mit einer grundlegenden Beobachtung anfangen: Jeder Mensch geht auf seine ganz eigene Weise mit sich um. Je nachdem, wie diese aussieht, hat dies Vorteile und Nachteile, wobei manchmal eine Seite ganz deutlich überwiegt. Aus dem Grund können zwei Menschen sehr ähnliche, vielleicht sogar dieselben Lebenserfahrungen machen, und ganz anders damit umgehen. Glücklich sein, nicht glücklich sein.


Kognitive (also denkensbezogene) Ansätze setzen daran an, diesen Umgang zu verändern. Sei es durch Umstrukturierungen, Verhaltensexperimente und was es noch alles gibt. Ebenso durch Übungen, Hausaufgaben, wie auch immer.

Mir fiel auf, dass das immer ziemlich viel Zeit brauchte. Dieser Umgang mit sich selbst lässt sich erfolgreich verändern, nur es dauert. Teils sehr lange. Bis ich anfing in manchen Fällen symbolischer zu werden. Den Umgang einer Person mit sich selbst gleichzusetzen mit einer anderen Person, von der jene Denkmuster verinnerlicht worden sind. Das brachte alleine schon mal eine ziemlich größere emotionale Beteiligung. Anschließend dann als Einübung eines anderen Umgangs mit sich selbst eine reale oder imaginative andere Person entgegen zu setzen, welche quasi die funktionale(re) Personifizierung derselben Funktion wäre.

Mal als Beispiel: Bei unbegründeten Sorgenproblematiken läuft (symbolisch gesprochen) der Teil des Verstands Amok, der Hypothesen aufstellt. Aber sie werden nicht getestet. Dem gegenüber kann man einen Wissenschaftler* stellen, der sich immer wieder die Frage stellt "Okay, wie kann man das testen?". Gelingt das zu vermitteln, hat man jemanden das Werkzeug der Verhaltensexperimente und Realitätstestung an die Hand gegeben, die gerade bei unbegründeten Sorgenproblematiken sehr hilfreich sind.

Das lässt sich auch kognitiv vermitteln, es dauert nur länger.

* = Anmerkung: Leuten, die aus Cargo-Kult-Fachgebieten stammen bzw. denen anhängen muss ein anderes Bild angeboten werden, weil dort das Bild "Wissenschaftler" nicht passt.