Mittwoch, 17. Juni 2015

Rahmenkarambolage

Als ich heute einen Moment aus dem Fenster blickte sah ich, wie ein Vogelschwarm nah über dem Boden kreiste. Ich weiß nicht, was für Vögel es waren, ich erinnere mich nur, es gab sie in zwei Farben. Schwarz und weiß. Bunt im Schwarm gemischt, und doch klar getrennt, dabei Teil desselben Schwarms.

Bei den Spiralen des Schwarms musste ich an ein Gespräch denken, das ich vor nicht allzu langer Zeit mit angehört hatte. Ironischerweise während einer Pause in einem Seminar über (Gedanken-)Experimente. Stell dir vor, zwei Leute wandern einen See entlang. Einer komplett in weiß gekleidet, einer in schwarz.

Sinngemäß ging das Gespräch etwa so:
"Ich habe früher immer gedacht, die Welt sei fair", meinte der Weißgekleidete. "Das alles einen Sinn habe. Aber nach allem, was ich erlebte, nein, die Welt ist nicht fair."
"Fair", wiederholte der Schwarzgekleidete. "Alles eine Frage des Wissens."
"Aber das ist doch Teil des Problems!" erwiderte der Weißgekleidete. "Allein, wenn alle Menschen dasselbe Wissen -"

"Bemerkst du den Fehler", unterbrach der Schwarzgekleidete. "Wo suchst du Fairness?"
"Bei den Möglichkeiten, die wir haben", erklärte der Weißgekleidete. "Bei dem, was uns auf der Welt passiert."
"Und wer sagt, dass das nicht die absolute Fairness ist", warf der Schwarzgekleidete zurück.
"Jeder hat einen anderen Start, einen anderen Weg im Leben", begann der Weißgekleidete.
"Eben nicht", unterbrach der Schwarzgekleidete. "Stelle dir vor, wir spielen Poker, und du versuchst für dich selbst immer neue Regeln zu erfinden. Was nicht klappt. Ist das unfair?"
"Als ob für alle Menschen dieselben Regeln gelten würden", rief der Weißgekleidete.
"Eine Regel" korrigierte der Schwarzgekleidete. "Wie die Engländer sagen würden 'sink or swim', schwimme oder gehe unter."
"Und doch trägt jeder andere Gewichte an den Füßen", entgegnete der Weißgekleidete. "Ist das fair?"
"Jeder muss schwimmen", meinte der Schwarzgekleidete. "Es gibt dafür so viele Möglichkeiten, so viele Hilfen und Hindernisse. Dies ist das Leben. Willst du den Menschen helfen zu schwimmen, oder allen dasselbe Gewicht ans Bein binden? Wo soll die Fairness liegen?"
"An denselben Startbedingungen", erwiderte der Weißgekleidete.
"Wer kein Ziel hat, für den gibt es keinen Start", konterte der Schwarzgekleidete. "Wo soll es hingehen?"
"Zu einem besseren Leben" sagte der Weißgekleidete.
"Dies ist der Weg, nicht das Ziel" sagte der Schwarzgekleidete.
"Was soll es dann für ein Ziel geben", fragte der Weißgekleidete.
"Zu schwimmen."

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