Sonntag, 27. September 2015

Die Treppen-Metapher

Folgende Metapher stelle ich als Frage ziemlich gern. "Stell dir vor, du stehst vor einer Treppe. Kannst du mit einem Schritt eine Stufe hochgehen?"
Die Antwort lautet zumeist "ja".
"Kannst du mit einem Schritt zwei Stufen hochgehen?"
Hier lautet die Antwort meistens auch ja.
"Kannst du mit einem Schritt vier Stufen hochgehen?"
Da wird es schwierig. Manche bekommen das noch hin, die meisten nicht mehr.
"Acht Stufen mit einem Schritt?"
Ab hier wird es unrealistisch.
"Sechszehn Stufen?"
 
Sinn des Ganzen ist den wahrgenommenen Berg zu verkleinern. Im Leben haben wir unzählige Aufgaben. In Krisensituationen noch viel mehr als sonst. Die können überwältigend wirken.
 
Oftmals aber sind sie es nicht, wenn man sie nur klein genug herunterbricht. Im Sinne von "einen Schritt nach dem anderen". Das hat den Vorteil, weil es eine Schockstarre bzw. depressive "das schaffe ich nie!"-Reaktion verhindert.
 
Es hat aber auch Nachteile. Denn die Stufen haben viel mit Prioritätssetzung zu tun. Gerade unwichtige Sachen fallen beiseite. Darin nun liegt auch eine Gefahr. Denn wenn wir schon die Treppe erklimmen, so ist auch wichtig, dass wir für uns sorgen.
 
Unter Belastungssituationen werden drei Fehler sehr oft gemacht.
1. Schockstarre, da gedacht wird, die ganze Treppe müsste mit einem Schritt gegangen werden.
2. Fehlerhafte Prioritätensetzung, wichtige Schritte werden aufgeschoben oder unwichtige vorgezogen.
3. Mangelnde Selbstfürsorge.
 
Ausgleich ist wichtig. Viele Burn-Out-Patienten berichten, dass sie sich am Anfang erschöpft gefühlt haben, und daher zuerst auf die angenehmen Seiten des Lebens verzichtet haben. Wir Psychos nennen das dann "Verstärkerverlust", und das ist eine der Wege in eine ausgewachsene Depression. Denn psychosomatisch teilt der Körper in so einer Situation ja mit "ey, mach mal langsamer mit dem Treppensteigen!", stattdessen wird die Selbstfürsorge - also das, was unsere Kraft erhält - heruntergefahren. Um beim Treppenbild zu bleiben, versuch mal eine sehr hohe Treppe aufzusteigen, wenn du hungrig, durstig und übermüdet bist...

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