Samstag, 19. September 2015

Praktische Lerntipps im Fernstudium (und in ähnlichen stark selbstbestimmten Lernkontexten; vielleicht auch woanders) | Oder auch "was für eine lange, seltsame Reise"

Vor nunmehr einigen Jahren dachte ich mir, ziemlich naiv, "ich schaue mir mal an, wie Fernstudierende so lernen, was das Lernverhalten beeinflusst uund was sich positiv/negativ auf den Lernerfolg auswirkt". Entsprechend entwickelte ich Instrumente, führte danach eine Längsschnittstudie durch, und am Ende gab es eine Menge Ergebnisse. Nicht unbedingt die, die ich erwartet hatte. Jedoch schön am explorativen Vorgehen ist, dass jedes Ergebnis ein gutes Ergebnis ist. Mittlerweile bin ich mit dem ganzen Projekt fertig, und es gab durchaus einige Anregungen in Bezug auf die Frage, was selbstbestimmtes Lernen erfolgreicher werden lässt. Darunter Dinge, die sich auch gut beeinflussen lassen.

Diverse Ergebnisse sind zwar "nett zu wissen", aber viel lässt sich daraus nicht mitnehmen. Beispielsweise lässt ein voriges erfolgreiches Studium ein aktuelles Studium tendenziell erfolgreicher werden. Überraschung - bester Prädiktor für zukünftiges Verhalten ist vergangenes Verhalten. Bloß lässt sich damit etwas machen? Nö. Na ja. Man kann erst einmal sein zweitliebstes Fach studieren, bevor man sich an sein eigentliches Zielfach macht. Das wäre aber in etwa so praktikabel wie im Winter bei Glatteis die Straße mit einem Feuerzeug zu enteisen. Mag zwar gehen, ist aber mehr als umständlich.

Was also kann ich anhand meiner Forschung empfehlen? Wichtige Erkenntnis vorneweg, die Art des Lernens hat nur einen geringen Einfluss. Hier führen viele Wege zum Ziel. Was ich da mit gutem Gewissen sagen kann, ist, dass alles, wobei mit den Inhalten in irgendeiner Form aktiv gearbeitet wird, sich leicht positiv auswirkt (im Vergleich zu rein passiver Betrachtung). Sich Beispiele zu überlegen, in einen Wissenskontext einbauen, grafisch darstellen, was auch immer. Interessanter aber sind drei andere Aspekte.

Lerngruppen haben sich als sehr hilfreich erwiesen. Das ist nicht überraschend. Am wichtigsten ist, dass in ihnen Wissen überhaupt erstmal "aus dem Kopf" raus kommt, also in Worte gefasst wird. In Klausuren wird nicht abgefragt, was im Kopf drin ist, sondern was da auch wieder herausgefischt werden kann. Genau das wird in Lerngruppen geübt. Weiterhin werden da die Informationen (siehe oben) auch aktiv mit gearbeitet. Sie werden unterschiedlich dargestellt von den Gruppenmitgliedern. Man arbeitet damit, erklärt sie, veranschaulicht sie. Schließlich auch halten Lerngruppen die Teilnehmer bei der Stange. Ich habe Fernstudierende untersucht, die haben keine Pflichtveranstaltungen. Lerngruppen können da eine Strukturierungshilfe sein, wirklich regelmäßig zu lernen. In dem Rahmen können auch eigene Lücken bemerkt und geschlossen werden. Lerngruppen, zumindest im Fernstudium, sind eine gute Idee.

Die Lernzeit war interessant. Erstens, sie war wesentlich geringer als bisher in der Literatur beschrieben. Zweitens, sie stieg (wenig überraschend) während des Semesters deutlich an. Drittens diverse Aspekte, welche sich auf die Lernzeit auswirkten, wirkten sich wie die Lernzeit auch auf die Klausurnote aus. Lernzeit selbst wirkte sich positiv aus. Genauso jedoch auch die Neigung bei Aufgaben konkurrierende Tätigkeiten zu unterdrücken, heißt bei der (geplanten) Aufgabe zu bleiben. Auch eine Beobachtung. Was die Leute von geplanten Lernzeiten abhielt veränderte sich im Laufe des Semesters. Krisen oder Krankheit traten recht gleichmäßig auf, aber die Themen Beruf, Familie und Freizeit drängte sich zu Anfang des Semesters erheblich häufiger in den Vordergrund als am Ende des Semesters (z.B. Freizeit fast doppelt so häufig). Dadurch geht, wenn man das denn zulässt, eine Menge Lernzeit verloren. Hier daran zu arbeiten, sich dem Studium schon zu Beginn des Semesters mit demselben Ernst zu widmen wie zum Semesterende dürfte also von Vorteil sein.

Prüfungsängstlichkeit hat sich ebenfalls als bedeutsam erwiesen. Kein Wunder, unter Angst ist der Körper auf Flucht gepolt, nicht darauf, Wissen abzurufen. Alles, was Prüfungsängstlichkeit reduziert - und Prüfungsängstlichkeit lässt sich doch sehr gut behandeln - dürfte also helfen.

Das war jetzt nur ein sehr kurzer Abriss. Wenn ich aber ein Fazit ziehen sollte, dann das: Lerngruppe, Lernzeit und Prüfungsängstlichkeit, das sind die Aspekte, welche (zumindest in meiner Studie) sich als sehr bedeutsam erwiesen haben und von uns beeinflussbar sind. Daher würde ich genau da hinschauen. Welche Möglichkeiten es gibt. Hier wäre es, gerade was die Lernzeit angeht, auch zu leicht alles nur auf externe Faktoren zu schieben. Wie Berufstätigkeit, Familie, wie auch immer. Auch das hatte ich untersucht, und ja, diese Aspekte spielen eine Rolle. Allerdings spielen genauso der Umgang mit anderen Aktivitäten und Belastungen mit herein, Motivation, Aufschiebeverhalten, Dinge also, die wir beeinflussen können. Denn darauf kommt es letztendlich an. Ansonsten könnte ich auch drauf hinweisen "ja, also Intelligenz hatte auch einen Einfluss" (übrigens in meinem Datensatz* geringeren als Prüfungsängstlichkeit, Lernzeit, Lerngruppenteilnahme), bloß dann sind wir wieder beim Glatteis und dem Feuerzeug. Auch Intelligenz lässt sich trainieren, nur weitaus weniger effizient als sich Prüfungsängstlichkeit reduzieren lässt.

* = Anmerkung, in der untersuchten Stichprobe gab es keinen numerus clausus, Personen fast aller Altersgruppen und Schulabschlüssen. Daher war hier die Streubreite der Intelligenz sogar höher als bei den meisten klassischen Studien mit Studierenden. Was letztendlich auch eines der vielen überraschenden Ergebnissen war.

Vielleicht mag ja jemand davon profitieren. Der ganze Wust ist in Langfassung veröffentlicht. Das oben wäre jedenfalls das Fazit, was ich für Studierende ableiten würde.

Zum Abschluss noch ein Wort der Ernüchterung. Zu Beginn der Studie hatte ich diverse standardisierte Verfahren eingesetzt (Intelligenztest, Prüfungsängstlichkeitsfragebogen und viele mehr). Mit denen konnte ich knapp 10% der Varianz aufklären (hier ist die generelle Neigung an Lerngruppen teilzunehmen mit drin, welche die tatsächliche Lerngruppenteilnahme sehr gut vorhersagte). Kamen verschiedene personenbezogene Daten (Schulabschlussnote, Berufstätigkeit, höchstes bisheriger Abschluss und co) dazu immerhin gute 13%. Mit den Daten aus der Längsschnittstudie gute 24%, also nicht einmal Einviertel. Heißt über Dreiviertel der Varianz des Lernerfolgs kann ich auch nur drei Zeichen sagen:

???

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