Donnerstag, 31. Dezember 2015

Willkürlichkeit der Zeitengrenzen

Ein Jahr neigt sich dem Ende zu. Feuerwerke, Rückblicke auf 2015, Gedanken über 2016. Alles an jenem Tag, der Grenze zwischen zwei Jahren, dem 31.12. hin zum ersten Januar. Bei uns zumindest. Als jemand, der sich auch ein wenig astronomisch interessiert ist, komme ich nicht umhin, mich zu wundern.
 
Es gibt eine Rhythmik im Verlauf der Zeit. Jahreszeiten, Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Damit einhergehend astronomisch bedeutsame Tage, welche jene einläuten. Winteranfang ist zum Beispiel der kürzeste Tag im Jahr, nach welchem die Tage wieder anfangen länger zu werden. Solche Daten hätten sich doch gut für einen Jahreswechsel gemacht. Ist bei uns aber nicht der Fall. Stattdessen liegt der Jahreswechsel ein paar Tage nach dem astronomischen Ereignis.
Auch feiern zwar viele Kulturen auf der Nordhalbkugel den Jahresbeginn irgendwann im Winter, doch nicht alle an jenem Tag, der bei uns der 31.12. & 01.01. ist. Viele Kulturen haben eigene Kalender. Tatsächlich hatten auch "wir" mal andere Kalender, in denen der Neujahrstag anders lag.
 
Es ist nicht überraschend, dass das neue Jahr im Winter beginnt. Psychologisch betrachtet. Im Winter fangen die Tage an wieder länger zu werden, das Leben bereitet auf die Rückkehr im Frühling vor. Das ganze natürlich in der Antike theologisch verwurstelt. Und dann die Tage jeweils irgendwo ausgewählt, wo es gerade passt.
 
Abseits von diesem Rhythmus der Jahreszeiten, was ist überhaupt ein Jahr? Viele sagen, eine Umkreisung um die Sonne - und offenbaren dabei ein sehr solarzentrisches Weltbild, ähnlich dem erdzentrischem Weltbild des Mittelalters. Die Erde dreht sich nicht um die Sonne, sie schwingt um sie, da sich die Sonne ziemlich schnell durchs All bewegt. Nur aus Sicht der Sonne sieht es aus, als ob die Erde sich um sie drehte.
 
Irgendwann hat irgendwer mal gesagt, da und da endet ein Jahr und ein neues beginnt, und wir halten es für eine Gesetzmäßigkeit der Natur, so wie die Schwerkraft. Ist es nicht. Es ist völlig willkürlich. Was ist wohl ähnlich willkürlich gesetzt, was uns ganz festgesetzt und natürlich vorkommt?
 
Interessanter Gedanke. Aber psychologisch ist das nicht die einzige Zeitgrenze. Viele Menschen teilen sich ihre persönliche Geschichte anders ein, nicht in Jahre. Beispielsweise nach Arbeitgebern oder Beschäftigungen (Schule(n), Ausbildung oder Studium, Arbeitgeber I, Arbeitgeber II, ... , Arbeitgeber n), nach Beziehungen (Partner I, Partner II, ..., Partner n), nach großen persönlichen Projekten im Leben, nach Ereignissen, nach Grundstimmungen, und sehr viel mehr.
 
Diese Einteilungen zu erfahren ist deshalb interessant, weil es sehr viel über die mentale Landkarte einer Person aussagt. Auch, weil sich daraus Probleme ergeben können. Wenn jemand z.B. seine persönliche Geschichte nach Arbeitgebern sortiert, und gerade irgendwo arbeitet, wo die Arbeitsbedingungen (vorsichtig formuliert) suboptimal sind, dann hat das gravierendere psychische Auswirkungen als wenn derjenige seine Geschichte nach anderen Kriterien sortiert. Weil in dem Fall die Arbeit eine subjektiv größere Rolle einnimmt und Änderungen mit größeren Sorgen verbunden sein können. Sinnvoll kann es dann sein, sich darauf zu besinnen, dass jedwede Zeiteinteilung subjektiv ist. Willkürlich. Der Versuch, einen fortwährenden Rhythmus irgendwie einzuteilen. Der Rhythmus mag außerhalb von uns liegen, die Einteilung jedoch in uns.
 
So. Und jetzt fragen wir uns alle mal, weshalb so viele gute Vorsätze für ein neues Jahr scheitern. Hm?

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