Sonntag, 31. Januar 2016

Das Problem mit Fremddiagnosen II

Weshalb das kleine Gedankenspiel in Teil 1? Einerseits als Hintergrund für den diagnostischen Prozess. Aus einem Symptom lässt sich nicht auf eine Störung schließen. Aus einem Symptom lässt sich nicht einmal sagen, was überhaupt alles zu dem Symptom gehört. Nur ein Bruchteil eines Symptoms zu kennen ist wie ein Puzzleteil aus einem 1000-Teile-Puzzle zu sehen und etwas zum ganzen Bild sagen zu wollen. Das ist auch ein Grund für den manchmal etwas drögen diagnostischen Prozess - was die eine Person alles weiß, weiß nicht der Diagnostiker. Wenn jemand sagt, er habe eine Panikattacke im Flugzeug gehabt, dann sind das durchaus einige Puzzleteile. Aber eben nur einige, und eine Menge fehlen. Den Rest mag jemand für selbstverständlich halten, z.B. weil der Betroffene selbst sie kennt, sie sind es aber nicht.
 
Andererseits aufgrund einer Sache, die mich in Ermangelung eines besseren Wortes stört. Als Psychologe wird man immer wieder mal nach Fremddiagnosen gefragt. Im Sinne von "Person XYZ hat dies und das gemacht, was steckt dahinter?", woraufhin ich nur ehrlich sagen kann "keine Ahnung, kann eine Menge sein, kann gar nichts sein". Und dann wird nachgelegt, "aber du hast das doch studiert...", ja, aber irgendwie muss ich das Seminar bezüglich Hellsehen und Gedankenlesen (bei einer dritten, nicht anwesenden Person!) verpasst haben.
 
Und das ist jetzt erstmal nur die reine Störungsebene. Dann gibt es noch die Persönlichkeit. Ich kenne einige Kliniken, welche sagen, dass sie gemeinhin keine Diagnosen in Richtung Persönlichkeitsstörungen vergeben, weil dafür 3 bis 7 Wochen Behandlung nicht ausreichen, um jene mit angemessener Sicherheit vergeben zu können. Ist jetzt die Einstellung der jeweiligen Klinikleitungen, da ist durchaus etwas dran. Persönlichkeitsdynamiken und etwaige darin zu findende Störungen anhand einer Situation oder einer Interaktion festzumachen ist vorsichtig ausgedrückt fragwürdig.
 
Und es wird noch schlimmer. Nehmen wir mal ein ganz altes Beispiel, Thema Ungeselligkeit. Zu der damaligen Liste möglicher Ursachen (im alten Beitrag wurden unter anderem Introversion, Schüchternheit, Motivlagen, soziale Phobie) als möglicher Hintergrund für ungeselliges Verhalten diskutiert. In der Liste fehl(t)en verschiedene Persönlichkeitsstörungen, die kämen noch einmal extra oben drauf. Heißt dasselbe Verhalten, selbst wenn es konsistent gezeigt wird, kann sowohl problematische als auch unproblematische Gründe haben - wo dann auch die Frage ist, hat die Person eine Wahl, und hat die Person einen Leidensdruck?
 
Lange Rede gar kein Sinn, was ich zu denken geben mag, ist, dass aus einem Vorkommnis nicht auf Gründe, Ursachen oder gar Störungen geschlossen werden kann. Das wäre Kaffeesatzleserei, da dazu um Welten zu viele Puzzlestücke fehlen.

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